Hart und zart. Lorraine Broughton (Charlize Theron) und Delphine Lasalle (Sofia Boutella). Foto: dpa / Jonathan Prime / Universal
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"Atomic Blonde" mit Charlize Theron Eiskönigin im Kalten Krieg

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Töten ist ein schmutziges Geschäft: Charlize Theron prügelt sich im knalligen Spionagethriller „Atomic Blonde“ durch die Mauerstadt.

Schon verrückt, wie schnell so ein ehrfurchtgebietendes Jahrhundertereignis wie der Mauerfall Popcorn-Kino geworden ist. In der vergangenen Woche startete Michael Herbigs „Bullyparade“ und sauste samt einer eher niedlichen als respektlosen Episode, die die Ereignisse am 9. November 1989 geschichtsklitternd darstellt, auf Platz eins der Kinocharts. Wobei sich Bully immerhin noch mit historischen Details wie der Schabowski-Pressekonferenz aufhält.

In dem knalligen Spionagethriller „Atomic Blonde“ schrumpft die Wiedervereinigung jetzt zur reinen Kulisse, zur mit Trabbis und jubelnden Menschen garnierten Fototapete im Bildhintergrund. Da ist es nur konsequent, das Regisseur David Leitch und sein Drehbuchautor Kurt Johnstad auch sonst auf historische Korrektheit pfeifen. Munter verrühren sie die Großdemonstration am Alexanderplatz am 4. November mit dem Mauerfall und dem ersten Einheitssilvester, und schon ertappt man sich – überwältigt von der faktischen Macht des Kintopps – bei der Frage: Ach, am 9. November gab’s Feuerwerk am Brandenburger Tor? Wohl schon wieder vergessen. Erst als sich nach dem Verlassen des Kinosaals die vom ballernden Achtziger-Jahre-Soundtrack vernebelte Denkfähigkeit wieder einstellt, ist wieder klar: Nein, Feuerwerk gab es nicht!

Dafür werden nun Berlins Tourismuswerber eins abfackeln. Mit „Atomic Blonde“ erreicht die in den letzten Jahren von Spiel- und Dokumentarfilmen betriebene Mystifizierung des Achtziger-Jahre-Berlins ungeahnte Höhen.

Die Agentin ist auch Superheldin, genau wie James Bond

Die Hauptfigur Lorraine Broughton, die – genau wie ihr männliches Pendant James Bond – nicht nur Agentin, sondern auch Superheldin ist, stapft auf ihrem Feldzug im Dienst des britischen MI 6 durch eisgraue Straßen. Sie trinkt Wodka in glamourösen Bars, die in satten Neonfarben glühen, erlebt im Osten eine elektrisierend punkige Subkultur und besucht im Westen einen in goldenes Licht getauchten Edeluhrmacherladen, der sein Foyer mit dem Turm der Gedächtniskirche teilt. Es ist ein irreales, überhöhtes Berlin. Dieser Comic-Look kommt nicht von ungefähr. „Atomic Blonde“ basiert auf der 2012 veröffentlichten Graphic Novel „The Coldest City“ des amerikanisch-britischen Autoren- und Illustratorenduos Antony Johnston und Sam Hart.

Der ehemalige Stuntman David Leitch, der zuletzt 2014 beim Actionfilm „John Wick“ Regie führte, macht daraus actionsatten Kalter-Kriegs-Kitsch. Dabei entspricht die in der Geheimdienstarbeit übliche Unsicherheit, nie ganz zu durchblicken, wer auf der Jagd nach einer topgeheimen Liste mit Agentennamen gerade für wen spioniert, den Genreregeln. Auffallend ist aber, dass der in Zeiten der Perestroika deutlich abgemilderte Phänotyp des fiesen Russen wieder fröhliche Urstände feiert. Die brutalste Szene des mit seinem Menschenmaterial wenig zimperlichen Films zeigt, wie der diabolische KGB-Chef Aleksander Bremovych (Roland Møller) einem arglosen Ost-Berliner Skater mit dessen Board das Gesicht zertrümmert.

Charlize Theron, die bereits im Oscar-prämierten Drama „Monster“ und zuletzt in „Mad Max: Fury Road“ und „Fast and Furious 8“ ihren Ruf als extreme Körperarbeiterin gefestigt hat, herrscht in der Rolle der Lorraine Broughton als Eiskönigin über ein mitleidloses Berlins. Der Schauspielerin, die „Atomic Blonde“ auch mitproduziert hat, gebührt für diese Rolle ein Spitzenplatz in der Liga weiblicher Kampfmaschinen, der auch Angelina Jolie, Milla Jovovich und Scarlett Johansson angehören.

Ihr Aussehen verdankt sie einer strengen Diät aus Wodka und Zigaretten

Immer wieder taucht Lorraine Broughton, die ihr weißblondes Haar und die Giraffenbeine einer strengen Diät aus Zigaretten und Wodka zu verdanken scheint, in eine mit Wasser und Eiswürfeln gefüllte Badewanne. Verglichen mit diesem Kaltblut sehen John Goodman als CIA-Chef, James McAvoy als Berliner MI-6-Kollege, Til Schweiger als konspirativer Uhrmacher und Sofia Boutella in der Rolle der französischen Agentin Delphine Lasalle einfach nur weich und warm aus. Die Französin liefert sich mit Broughton einen anmutigen Flirt, die Letztere nicht nur Küsse, sondern tatsächlich auch Tränen kosten wird. Ja, das musste schon James Bond in der Ära Daniel Craig verstärkt erfahren, dass selbst Superagentinnen verletzlich sind. Sie bluten und ächzen. Sie bekommen Beulen, Schrammen, blaue Flecken. Und selbst, wenn man auf der richtigen Seite steht, ist das Töten kein elegantes, sondern ein schmutziges, letztlich den Leib wie die Seele zerstörendes Geschäft. Zu Beginn des Films erhebt sich Broughton zerschunden, aber wunderschön anzusehen aus der Wanne. Dann löst jeder der Faustkämpfe und Verfolgungsjagden gewissermaßen die Entstehung der in stahlblauem Licht ikonisierten Körperlandschaft ihrer Beulen auf.

In der Kunst, Kämpfe zu choreografieren, kennt sich der Martial-Arts-Sportler Leitch aus. Die mit der Handkamera gefilmte Sequenz in einem Treppenhaus, in der die Agentin rund zehn KGB-Spione plattmacht, ist erstaunlich. Sind das wirklich zehn Minuten ohne Schnitt? Natürlich ist der Bildfluss nur eine schöne Illusion, was der Dynamik aber keinen Abbruch tut. Lorraines zunehmend sinnloses Ackern passt zum programmatischen Rausschmeißer-Song des Films: „Under Pressure“ von Queen und David Bowie.

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