Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan, Jahrgang 1967, saß von Juli bis Dezember 2016 in Haft. Aufgrund internationaler Proteste kam sie vorübergehend frei. Doch ihr droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Foto: Ozan Kose/AFP
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Asli Erdogan über die Türkei „Die Regierung führt Krieg gegen Intellektuelle“

Tarek Leitner
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Letztes Jahr saß die türkische Schriftstellerin im Gefängnis, momentan droht ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ein Gespräch über die politische Verfolgung von Autoren in der Türkei.

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan, Jahrgang 1967, saß von Juli bis Dezember 2016 in Haft. Nach internationalen Protesten wurde sie vorübergehend freigelassen. Bei der Gerichtsverhandlung im Juni droht ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe. Auf der Leipziger Buchmesse stellte sie den Essayband „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ (Knaus Verlag, 192 S., 17,99 €) vor. Die Ausreise ist ihr verboten, sie konnte nur per Skype nach Leipzig zugeschaltet werden. Auch das hier dokumentierte TV-Interview wurde auf diese Weise geführt.

Frau Erdogan, Sie haben von Schriftstellerorganisationen das Angebot bekommen, ins Exil zu gehen. Warum tun Sie es nicht?

Momentan darf ich nicht ausreisen, wir sind sechs Leute aus derselben Redaktion, die mit denselben Anklagepunkten konfrontiert worden sind. Über fünf von uns wurde ein Ausreiseverbot verhängt. Ich kann diese Frage nicht beantworten, ich möchte es im Moment auch nicht tun.

Glauben Sie, dass der Verlauf Ihres Prozesses vor Gericht davon abhängen wird, wie das Referendum in der Türkei ausgeht?

Das Ganze ist eindeutig ein politischer Fall. Die Türkei verspottet ihre eigenen Gesetze, indem sie uns vor Gericht bringt. Die Befehle kommen von ganz oben: Nehmt sie fest, sperrt sie ins Gefängnis ein, lasst sie frei. Ich kann nicht abschätzen, was ihre nächsten Schritte sein werden. Ich nenne das „Operation des Hasses“. Wir kennen das schon von Dostojewski, dass Menschen, die von Machthabern unfair behandelt werden, noch mehr gehasst werden. Genau das trifft auf mich zu. Ich erwarte jetzt den nächsten Racheakt, nämlich das Gerichtsverfahren, um sich an mir zu rächen.

In der Türkei ist vielen Wählern nicht bewusst, dass es politische Gefangene gibt, weil es immer heißt, es seien Terroristen.

Ich schätze, in den letzten fünf Monaten wurden zwischen 40 000 und 50 000 Menschen verhaftet, einige als Mitglieder der PKK, einige als Anhänger des Predigers Gülen. Viele Schriftsteller und Journalisten sitzen im Gefängnis, weil sie als Terroristen eingestuft werden. Der Journalist Achmet Sik wurde beschuldigt, Mitglied von drei Terrororganisationen zu sein. Wer bitte kann Mitglied dreier Terrororganisationen sein, die sich gegenseitig bekämpfen? Diese Fälle sind Hirngespinste. Ich bin eine Gegnerin von Gewalt, habe den Kriegsdienst verweigert, wie kann ich als Terroristin angeklagt werden? Hier wird ein Krieg gegen Intellektuelle geführt, gegen die Meinungsfreiheit, gegen jede Form von Kritik, deshalb sind so viele Journalisten im Gefängnis, 150, ein Weltrekord.

Welche Rolle spielen internationale Solidaritätsadressen wie die für den deutsch-türkischen „Welt“-Journalisten Deniz Yücel? Beeindruckt das die Regierung Erdogan?

Jegliche Kritik, die vom Westen kommt, wird hierzulande als Rassismus oder Islamophobie interpretiert. Die türkische Öffentlichkeit reagiert extrem negativ auf den Westen. Die Menschen sind bereit zu glauben, was die Regierung sagt. Die Regierung wiederum kontrolliert einen Großteil der Medien. Jeder, der sich mit uns Journalisten und Autoren solidarisch zeigt, wird mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert. Jeder Türkei-Kritiker wird automatisch als Terrorist abgestempelt. Das ist Paranoia wie aus dem Schulbuch. Die internationale Solidarität ist das Einzige, worauf wir zählen können. Das Land wurde zum Schweigen gebracht. In meinem Fall haben die Solidaritätsbekundungen wahrscheinlich meine vorübergehende Freilassung beeinflusst – für diese Unterstützung möchte ich mich bei allen Menschen und den Institutionen weltweit bedanken.

Viele Staaten im Westen sind in der Zwickmühle. Sollen sie antidemokratischen Politikern Werbeveranstaltungen erlauben oder Grundrechte wie die Meinungsfreiheit einschränken und wahlwerbende Politiker aus der Türkei nicht auftreten lassen? Was ist der richtige Weg?

Ich kenne die Gesetze in den einzelnen Ländern nicht. Vielleicht gibt es Regeln, die ausländische Wahlwerbung beschränken. Aber als Bürgerin bin ich auf der Seite der Meinungsfreiheit. Es ist weniger beängstigend, Menschen sprechen zu lassen, auch Politiker. Je mehr man Meinungen in der Öffentlichkeit kundtut, desto mehr entblößt man sich und zeigt sein wahres Gesicht. Lasst sie doch sprechen! Ich bin für Rede- und Gedankenfreiheit.

Aber es besteht die Sorge, dass die in EU-Ländern lebenden Türken die demokratiefeindlichen Aspekte von Erdogans Politik unterstützen.

Die Menschen identifizieren sich mit der Macht der Regierungspartei AKP. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Sie hat nun die Macht in ihren Händen. Erdogan ist ein charismatischer Führer, er weiß, wie man mit den Massen redet, er kennt die türkische Bevölkerung und kann sie gut lenken. Wie damals Hitler und Mussolini: Warum verfielen die Massen ihrem Charisma? Aus der heutigen Distanz wirken sie eher lächerlich, wie Clowns, aber sie hatten eine hypnotische Ausstrahlung. Vielleicht hat Macht solche Auswirkungen auf die Menschen. Die Türkei beruft sich auf diesen Mythos des großen Osmanischen Reichs und erfindet sich gerade neu. Erdogan ist sehr erfolgreich im Schaffen von solchen Mythologien.

Das (hier geringfügig gekürzte) Gespräch führte Tarek Leitner in der ORF-Nachrichtensendung „ZIB 2“. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des ORF.

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