Tevjes Töchter träumen davon, ihren Traumprinzen zu heiraten Foto: Jörg Carstensen/ dpa
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"Anatevka" an der Komischen Oper Gott sei Schrank

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Die Komische Oper Berlin wird 70 Jahre jung - und Hausherr Barrie Kosky feiert mit einer grandiosen Inszenierung des Schtetl-Musical „Anatevka“.

Ein Junge kommt hereingerollert, im knallgrünen Hoodie und mit Kopfhörern auf den Ohren. Er dreht eine Runde, stellt das Kickboard ab und öffnet eine große Flügeltür – hinter der ein Schrank voller Pelzmäntel sichtbar wird. Er angelt einen Geigenkasten hervor, packt das Instrument aus und beginnt die Erkennungsmelodie vom Fiedler auf dem Dach zu spielen. Bald allerdings unterbricht ihn lautes Klopfen.

Doch nicht die Nachbarn beschweren sich, nein, da sitzt jemand im Schrank. Tevje, der Milchmann, nämlich. Später wird aus den Türen die gesamte jüdische Bevölkerung des Dörfchens Anatevka herausquellen und die Bühne der Komischen Oper zur Festwiese machen. Mit einer Spielfreude und einer szenischen Wimmelbild-Vielfältigkeit im kollektiven Taumel, wie es nur die Chorsolisten der Komischen Oper vermögen.

Wenige Töne nur sind nötig, so behauptet Regisseur Barrie Kosky, um aus dem Berlin von 2017 ins zaristische Russland um 1905 zu gelangen. Und das Leben im Schtetl heraufzubeschwören, wo die Arbeit zwar hart, der Schabbes aber immer so schön war. Wie es im Finale des Musicals von Jerry Bock heißt, das 1964 am Broadway als „The Fiddler on the Roof“ herauskam und hierzulande als „Anatevka“ bekannt ist. Die deutsche Erstaufführung besorgte 1968 Karl Vibach in Hamburg und schickte sie auch ans Berliner Theater des Westens. Dort brachte er das Stück 1982 dann auch erneut heraus. Auf der anderen Seite der Mauer schmetterte Tevje sein „Wenn ich einmal reich wär“ seit 1971 an der Komischen Oper in einer Inszenierung ihres Gründers Walter Felsenstein, die es bis 1988 auf 300 Vorstellungen bringen sollte – und zum Kultstatus.

Darum hat Barrie Kosky, seit 2012 Hausherr in der Behrenstraße und eloquenter Anwalt jener Spielart des Unterhaltungstheaters, das die Zwanzigerjahre in Berlin golden gemacht hat und nach der Fluchtwelle jüdischer Künstler in die USA zum Musical wurde, „Anatevka“ auch für den 70. Geburtstag der Komischen Oper ausgewählt. Weil es als Chor- und Ensemblestück immer noch bestens zu der Art passt, wie hier Musiktheater gemacht wird. Und weil es zu seinen Lieblingsstücken gehört. Bei der Premierenfeier verrät Kosky sogar, dass er selbst das Kind aus der Eröffnungsszene ist: Seine von Russland nach Australien ausgewanderte Familie war „im Pelzbusiness“, was ihm ermöglichte, sich als Knirps mit den Mänteln seines Großvaters zu verkleiden, zum Beispiel als Tschaikowsky.

Kostüme von authentischer Ärmlichkeit

Winterkleidung aus wärmenden Tierfellen allerdings können sich die Schtetl-Bewohner nicht leisten. Klaus Bruns hat also Kostüme von authentischer Ärmlichkeit entworfen, schmutzverkrustet und abgewetzt. Die Männer tragen Hut und Gebetsschal, die Frauen bodenlange Kleider.

Das Wort Tradition wird hier immer und überall mit einem Ausrufezeichen ausgesprochen. Wobei Tevje die Regeln und Gebote keineswegs als Einengung empfindet, sondern als Halt, als Hilfestellung für die Bewältigung seines mühseligen Alltags. Ganz im Gegensatz zu den drei ältesten seiner fünf Töchter. Die nämlich wollen sich keinesfalls von der Heiratsvermittlerin einen Ehemann vorsetzen lassen. Sondern der Stimme ihres Herzens folgen. Was den Herrn Papa zu seinen berühmten Einerseits- Andererseits-Dialogen mit seinem Gott zwingt. Max Hopp ist Barrie Koskys Tevje, und er geht die Rolle ganz anders an als seine berühmten Vorgänger wie Shmuel Rodensky oder gar Ivan Rebroff. Erstaunlich defensiv nämlich. Nicht immer ganz vorne am Bühnenrand, im unerschütterlichen Glauben daran, mit seiner jovialen Gemütlichkeit und des Basses Urgewalt zum Publikumsliebling zu werden.

Max Hopp, schön- aber schlankstimmig, versteht sich vor allem auf die Zwischentöne der Rolle, und zwar die schauspielerischen. Genau wie Dagmar Manzel als seine Ehefrau Golde. Selbst sie, die doch an der Komischen Oper zur Diva der Leichten Muse avanciert ist, nimmt sich hier zurück – und berührt dadurch umso mehr, wenn sie als patente Familienmanagerin bruchlos vom Jiddischen ins Berlinerische wechselt.

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