Die Forscher zählen zwischen 500 und 600 Hausschafs-Rassen weltweit. Es gibt sie in sämtlichen Klimazonen. Unser Foto zeigt Lämmer mit Muttertieren auf einer Weide in Aukrug-Homfeld (Schleswig-Holstein). Foto: Carsten Rehder/dpa
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Alles über Schafe und Lämmer Schafe zählen

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Das Osterfest steht traditionell im Zeichen des Lamms. Höchste Zeit für eine Hommage an die wollige Spezies.

Eine Kindheitserinnerung. Wir fahren über Land, Osterbesuch bei der Verwandtschaft, am Straßenrand kommen in einem Traktoranhänger gerade Lämmer zur Welt. Zwillinge. Wir dürfen zugucken, stellen uns auf die Zehenspitzen, das Mutterschaf legt den Kopf nach hinten, bäumt sich kurz auf, es geht schnell. Kleine nasse wollige Bündel liegen im Stroh, verklebte Augen, zuckender Leib. Die Mutter leckt sie trocken, wir flüstern nur. Bis die Lämmer ihre ersten Schritte auf staksigen Beinen machen, einknicken, umkippen, sich hochrappeln, Milch trinken. Das Wort Osterlamm klingt anders seitdem.

Das Schaf, das Lamm, Opfertier seit jeher. Begleiter des Menschen, Lieferant von Milch, Wolle, Fleisch. Inbegriff des Friedens, der Sanftmut, der pastoralen Idylle. Aber oft ist das Grauen nicht weit. Wir zählen Schäfchen, wenn wir nicht schlafen können, gruseln uns im Kino beim „Schweigen der Lämmer“, schlachten sie, um die Götter zu besänftigen. Vor dem Auszug aus Ägypten strichen die Israeliten das Blut frisch geschlachteter Jungtiere an die Türpfosten, damit der Todesengel ihre Häuser verschont – Ursprung des jüdischen Pessachfests.

Auch der Islam ehrt das Lamm. Abraham, Stammvater aller monotheistischen Religionen, musste seinem unbarmherzigen Gott doch nicht den eigenen Sohn opfern, als Ersatz genügte in letzter Sekunde ein Lamm, je nach Legende ein Widder. Die Geschichte steht auch im Koran, die Moslems feiern deshalb das Opferfest.

Das Lamm thront auf dem Genter Altar, die Schlachtbank wird zum Tisch des Herrn

Verrückt. Ausgerechnet dieses wehrlose Tier wurde dann zum Inbild des Christengottes. Agnus Dei, das Lamm Gottes, besiegt den Lindwurm und überwindet den Tod. Nicht der mächtige Löwe oder der Adler bezwingt das Böse, sondern ein armes, kleines Nutztier. Die Schlachtbank erweist sich als Tisch des Herrn. Im Zentrum von Jan van Eycks Genter Altar thront das aureolenumkränzte Lamm mit autoritätsgebietendem Blick. Aus seiner Seite fließt Blut in den Kelch – das Folteropfer als Weltenretter. Ein ähnliches Bild findet sich in Colmar auf Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, dort steht das Jungschaf am Fuß der Kreuzigungsszene, ebenfalls mit Blutstrahl, aber mit eigenem Holzkreuz im rechten Vorderlauf und eher verschmitztem Seitenblick.

In unserer Familie ist das Osterlamm aus Biskuitteig Tradition. Wir nehmen viel Butter, stecken ihm einen Cocktailspieß mit buntem Osterfähnchen in den Rücken und streiten darüber, ob die Backformen für Lämmer mit Geradeaus-Kopf überhaupt zulässig sind. Das süße Gebäck hat sein Vorbild nun mal im Genter Altar, dort wendet das Gotteslamm den Kopf nach links, um den Betrachter unverwandt anzuschauen. Es gibt auch Backformen mit abgewinkeltem Hals.

Das erste von Menschenhand geschaffene Lebewesen: Dolly, das Klonschaft

Das wohlschmeckende Lamm verbindet die Religionen, es versöhnt Himmel und Erde, kennt keine Grenzen. Wenn es groß wird, wächst sich das aus. Einen Menschen, der langsam im Kopf ist, schimpfen wir einen Schafskopf. Was für ein Unsinn: Neben den Hirten sind sie die Ersten, denen die Engel auf dem Felde bei Bethlehem die frohe Botschaft von Christi Geburt verkünden. Auch das erste von Menschenhand geschaffene Lebewesen war bekanntlich ein Schaf. Dolly, das Klonschaf, kam 1996 zur Welt und wurde biblische sieben Jahre alt.

Das Gotteslamm thront im Zentrum des Genter Altars von Jan van Eyck (um 1390 - 1441) Foto: akg-images
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Kostbar ist es auch: Mit Schaffellen wurde in der Antike das Gold aus den Flüssen gewaschen. So will es die griechische Saga vom Goldenen Vlies, jenem Fell des Widders Chrysomeles, der im Zeus-Tempel geopfert wurde. Laut Argonautensage raubte Jason das Vlies, seitdem ist es verschollen. Das Fell: pures Gold, mythisches Accessoire.

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