Hans Brenner in der Rolle des Entführten Hanns Martin Schleyer im TV-Zweiteiler "Todesspiel" (1997) Foto: picture-alliance /WDR
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40 Jahre Schleyer-Ermordung Mythos RAF: Das Erbe des Terrors

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Vor vierzig Jahren ermordete die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Noch heute werden ihre Taten verklärt. Das versperrt die Sicht auf Kontinuitäten zur NS-Zeit.

Die dogmatischen Eisplatten sind geschmolzen, doch die Endmoräne zieht sich weiter hin und hin. Längst werden RAF-Jahresdaten begangen, als seien sie konstituierend für die Chronik der Bundesrepublik. Und wie unendlich deutsch nimmt sich die Endmoräne der RAF-Sache aus. „Das Sture, das Dogmatische, die Tatsache, dass wir bis in die neunziger Jahre unseren eingeengten Horizont verteidigt haben“, erklärte Birgit Hogefeld schon im Oktober 1997 im „Spiegel“, „das war sehr deutsch.“ Hogefeld, geboren 1956, war Mitglied der Rote Armee Fraktion, der RAF, in der sogenannten dritten Generation.

40 Jahre ist es her, dass der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von jungen Leuten entführt und ermordet wurde, die sich kollektiv RAF nannten. Die Bundesregierung hatte jede Lösegeldzahlung abgelehnt. Ikonischen Charakter haben die Bilder von damals angenommen, etwa die dehumanisierenden Fotos und Videos des „Häftlings“ Schleyer, die von der RAF zu Erpressungszwecken produziert wurden und die jeweils in großen, schwarzen Filzstift-Buchstaben angaben, seit wie vielen Tagen Schleyer festgehalten wurde. Über dem Haarschopf der Geisel prangte ein selbstgefertigtes Terror-Logo, eine stilisierte Heckler und Koch im fünfzackigen Stern, in dessen Mitte die Buchstaben RAF.

Noch im Akronym RAF, das bis dahin der Royal Air Force der Briten vorbehalten war, offenbarte sich der megalomane Anspruch, nachholend – und als befinde man sich an der Stelle der Alliierten – Lynchjustiz an einem SS-Mann auszuüben, der als Untersturmführer nach 1945 zwar drei Jahre lang interniert war, im Entnazifizierungsverfahren am Schluss aber als Mitläufer eingestuft wurde und von den Strafgerichtshöfen verschont blieb. Doch nicht nur das. Schleyer, ab 1943 mit zuständig für die „Arisierung“ im Protektorat Böhmen und Mähren, war inzwischen in Amt und Würden in der kapitalistischen Bundesrepublik. Auch darum, als Kapitalvertreter, wurde er Zielperson des bewaffneten Grüppchens aus Bürgersöhnen, Pfarrerstöchtern, Jurastudenten und Sozialarbeitern, deren Handeln das Land bis heute immer wieder beschäftigt.

Häufig ist das Thema RAF Garant für einen Hauch von Coolness

Da gingen also die Kinder der NS-Generation totalitär gegen ehemals Totalitäres vor, autoritär gegen Autoritäres. Nachträglich reagierte die RAF auf den Terror von damals – und agierte diesen zugleich retroaktiv aus. Wenn Birgit Hogefeld mit ihrem Eingeständnis einräumte, man sei „sehr deutsch“ gewesen, sprach sie eine der zentralen Wahrheiten zum Phänomen RAF aus. Nirgends wurden die Affekterbschaften des Nationalsozialismus, die psychischen Dilemmata der Nachkommen der Täter so deutsch-deutlich wie in der Konstellation dieser hausgemachten Terrorgruppe. Erst recht galt das für die Sprache der RAF-Schriften, sie war unpersönlich, technokratisch, formelhaft.

Von der Vokabel „Terror“ haben sich die Assoziationen zum Kürzel RAF allmählich abgelöst, weit fortgeschritten ist die Mutation der RAF zum Mythos. Wer heute „Terror“ sagt, meint die Anschläge des IS. Die militanten Islamisten erheben einen Monopolanspruch auf den Begriff, gelegentlich angefochten durch White Supremacists wie in Charlottesville in den USA oder die wiederum sehr deutschen, rassistischen Mörder des NSU.

Zwar ähneln die Geisel-Fotos der RAF den aktuellen Opfer-Fotos, wie sie Al Qaida und andere mörderische Milizen präsentieren, vor allem in ihrem sadistischen Machtgestus. Dennoch ist die RAF heute weitgehend mythologischer Stoff, reif fürs Geschichtsbuch. Er wurde tauglich für Kinofilme wie Uli Edels „Baader Meinhof Komplex“ (die Action-Variante), Christopher Roths „Baader“ (die Pop-Variante) oder Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“ (die psychoanalytische Variante), für Fernsehfilme, Talkshows und Dissertationen, für Kunstwerke, Literatur, Sachbücher und Theaterstücke.

Häufig ist das Thema RAF dabei Garant für einen Hauch von Coolness, ob mit oder ohne Schauder, ob im „Tatort“ verwurstet oder in Ausstellungen im Ansatz reflektiert. Beharrlich dauert das Faszinosum fort, unbeeinträchtigt davon, welche Metamorphosen seine Historisierung unterläuft. Das ist das frappierend Rätselhafte. Und das Rätsel des Faszinosums RAF bleibt ungelöst, solange der mythische Blick den analytischen überwölbt.

Ohne Zweifel gehört die RAF zu den Folgen des NS-Terrors

Die RAF, befand der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, „war Teil eines deutschen Familienromans, in dem die Kinder unbewusst Aufträge der Eltern ausführten“. Daran ist gar nichts cool. Der einstige Wehrmachtssoldat Richter erkannte in den ihn anwidernden Taten der RAF unbewusste, symbolische Wiederholungen nicht verarbeiteter Inhalte nach Krieg und Shoah. Er sah „ganz persönlich etwas von der Mitverantwortung meiner Generation für solche extremen Lebensläufe wie den von Birgit Hogefeld“, die er während ihrer Haft zeitweise in Behandlung hatte – und die, trotz ihrer Distanzierung von der Ideologie bis heute über Täter und Taten schweigt.

Hogefeld erklärte im Interview von 1997 auch, was das „Leben in der Illegalität“ für die Gruppe bedeutete. „Man nimmt die Gesellschaft nur noch in wohlgefilterten Ausschnitten wahr.“ Im heutigen Internetzeitalter wäre der Ausdruck dafür die Filterblase. Damals konfigurierten sich individuelle und gesellschaftliche Algorithmen analog, und das nicht allein im Inneren einer Terrorzelle. Viele, die sich im systemkritischen Umfeld bewegten, erkannten nur an, was ihre Positionen fixierte. Viele, die sich im systemkonformen Umfeld bewegten, erkannten wiederum nur an, was ihre Weltsicht bestätigte. Solche Großgruppen werden unfähig, sich selbst und damit die Anderen wahrzunehmen und zu reflektieren.

Extrem in nie gekanntem Ausmaß waren die traumatischen Schocks und Risse, die der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus – der aus einer Unzahl individueller Zivilisationsbrüche bestand – den Gesellschaften zugefügt hatte, als er mörderisch „Fremdes“ und „Eigenes“ separierte. Erst allmählich öffnet sich eine multiperspektivische Sicht auf die Folgen des NS-Terrors, zu denen die RAF ohne Zweifel gehört.

So widmen sich einige, zu wenig beachtete Studien inzwischen der intergenerationellen Dynamik der Nachkriegszeit, etwa Karin Wetteraus Erträge aus Interviews mit ehemaligen SDS-Mitgliedern. Ihr Buch „68. Täterkinder und Rebellen“, in diesem Sommer im Aisthesis Verlag erschienen, erkundet die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der Achtundsechziger – aus denen im Kern die RAF hervorging. Bestürzend ist die Kontinuität des Schweigens: Keiner der SDS-Protagonisten hatte mit Mitstreitern über die NS-Vergangenheit der Eltern gesprochen, erst recht nicht über eigene Kriegs- und Gewalterfahrungen während des Heranwachsens.

Gab es bei den Eltern die Unfähigkeit, (um den „Führer“) zu trauern, war das Syndrom ihrer Kinder die Unfähigkeit zu vertrauen. Verschlüsselt trieb das traumatische Material beide Generationen vor sich her. Aus dem Ressentiment der Eltern gegen die Alliierten wurde der Antiamerikanismus von rechts und links, aus deren Antisemitismus die verquere Solidarität mit palästinensischem Terror, dem auch die RAF folgte.

Am 13. Oktober 1977, fünf Tage vor dem Mord an Hanns Martin Schleyer, entführte ein palästinensisches Terrorkommando ein Flugzeug der Lufthansa, um die Freilassung von elf in Deutschland inhaftierten RAF-Terroristen zu erzwingen. Am 18. Oktober 1977 wurden die Passagiere auf dem Flughafen Mogadischu von einer GSG 9-Einheit der Bundespolizei befreit. An diesem Tag nahmen sich die RAF-Mitglieder Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader in der Haft in Stammheim das Leben. Am Tag darauf, am 19. Oktober 1977, wurde der Leichnam des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten im elsässischen Mühlheim gefunden, im Kofferraum eines Audi 100.

Das Flugzeug, die „Landshut“, ist gerade von einer Schrotthalde in Brasilien nach Deutschland verfrachtet worden. Restauriert für einige Millionen Euro, soll es im Herbst 2019 Platz im Dornier-Museum in Friedrichshafen am Bodensee finden. Ein Stück RAF-Mythos mehr, in einem See, dessen Boden noch gesucht wird.

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