Die Londoner Sängerin Adele, 27. Foto: XL Recordings
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"25" von Adele Komm mit ins Tränental

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Königin der Klavierballade: Adele bringt ihr drittes Album „25“ heraus und bleibt bei ihrem melodramatischen Kerngeschäft.

Im Mai hat Adele ihren 27. Geburtstag gefeiert. Für Rock- und Popstars ist das bekanntermaßen ein gefährliches Alter: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain – sie alle starben mit 27. Der vorläufig letzte Neuzugang des berüchtigten Klubs war vor vier Jahren Amy Winehouse, die einiges mit Adele verbindet.

Beide stammen aus London, beide wurden durch ihre Ausnahmestimmen und Retro-Soul-Songs bekannt. Beide hatten ihren größten Erfolg mit ihrem jeweils zweiten Album, sehr persönlichen Werken, auf denen die Sängerinnen schmerzhafte Trennungen verarbeiteten.

Gleichzeitig funktionierten sie wie Gegenpole: Amy war die Skandalumwitterte, Adele die Bodenständige. Ähnlich wie bei Mourinho und Klopp: The special one und the normal one. Doch wenn am heutigen Freitag Adeles drittes Studioalbum erscheint, trennen sich ihre Wege endgültig.

Und auch mit dem Klub 27 wird die Blonde mit dem markanten Kinngrübchen höchstwahrscheinlich nichts zu tun bekommen. Seit der Geburt ihres Sohnes Angelo vor drei Jahren raucht sie nicht mehr, trinkt nur noch gelegentlich ein Glas Rotwein, geht um acht ins Bett und quält sich sogar manchmal ins Fitnessstudio. Adele ist erwachsen geworden. Und genau darum dreht sich ihr Album „25“, dessen Titel – wie schon seine Vorgänger „19“ und „21“ – auf das Alter verweist, in dem die Sängerin mit den Arbeiten an den Songs begann.

Dieser Anfang ist ihr schwergefallen, sie hatte sogar kurz überlegt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Auf dem Höhepunkt abtreten – solche Gedanken sind verständlich angesichts des überwältigenden Erfolges von „21“, das Anfang 2011 erschien. In mehr als 25 Ländern erreichte es den ersten Platz der Charts, gewann unter anderem sechs Grammy Awards und verkaufte sich über 30 Millionen Mal. Solche Verkaufszahlen sind heute eine absolute Ausnahme. Selbst Lady Gaga setzte von ihrem Hit-Album „The Fame“ nur etwa halb so viele Exemplare ab.

Einen Nachfolger für derartige Bestseller zu produzieren, ist eine Herkulesaufgabe. Der Druck auf Adele wuchs noch dadurch, dass sie mit dem Titelsong zu „Skyfall“ – dem besten Bond-Song dieses Jahrtausends – einen Oscar gewann. Außerdem plagten sie gesundheitliche Probleme, sie musste unter anderem eine Stimmband-Operation überstehen. Auch der Star-Rummel um sie und ihre Familie machten ihr zu schaffen. Doch sie überwand den Impuls, alles hinzuschmeißen und nahm „25“ auf. Dieses fraglos am meisten herbeigesehnte Popalbum des Jahres ist wieder auffällig persönlich geworden. Denn Adele, die gelegentlich von ihren eigenen Songs zu Tränen gerührt wird, geht sehr emotional an ihre Musik heran. Weil sie sich nicht hinter einer Kunstfigur versteckt, sondern direkt aus ihrem Leben schöpft, lässt sich an den elf neuen Song gut ablesen, dass der Sängerin der Abschied von der Jugend und das Vergehen der Zeit zu schaffen gemacht haben.

Sie singt: "Ich vermisse meine Freunde, ich vermisse meine Mutter"

Besonders deutlich wird das in dem Stück „Million Years Ago“, in dem Adele von zwei Akustikgitarren begleitet klagt: „I wish I could live a little more/ Look up to the sky not just the floor/ I feel like my life is flashing by/ And all I can do is watch and cry“. Sie imaginiert sich in ihre alte Nachbarschaft zurück, wo sie nun keinen Kontakt mehr zu den Menschen findet. Schließlich packt sie noch ein Selbstmitleidspfund drauf: „I miss my friends/ I miss my mother/ I miss when life was a party to be thrown/ But that was a million years ago“. Selbst wenn das Stück nicht nur für Paparazzi-müde Popstars, sondern auch für junge Eltern ein gewisses Identifikationspotenzial hat, wirkt es angesichts von Adeles privilegierter Position doch unangemessen weinerlich.

Operndiven-Drama und Breitwand-Leid

Ähnlich tränenreich geht es in dem zusammen mit Tobias Jesso Jr. geschriebenen „When We Were Young“ zu, wobei das geschmackvolle Arrangement mit dem sanften Backgroundgesang dankenswerterweise etwas von dem Ach-wie-war-das-damals-schön-Lamento ablenkt. Und wie sich Adele im letzten Refrain zu Operndiven-Drama aufschwingt, ist natürlich ganz großes Kino. Leiden in 3-D gewissermaßen. Das ist ja ohnehin Adeles Markenkern und den pflegt sie auf „25“ mit großer Hingabe. Dabei setzt sie vor allem auf klassische Klavierballaden, in denen sie ihre imposante Stimme – nach der Operation hat sie sogar noch an Umfang gewonnen – eindrucksvoll ausstellen kann. „All I Ask“ könnte ihr weitere Céline-Dion-Fans in die Arme treiben.

Leider erreicht keines dieser melodramatischen Stücke das Niveau der Single „Hello“, die vor vier Wochen erschienen ist und allein auf der Videoplattform Vevo schon mehr als 400 Millionen Mal angehört wurde. Mit über einer Million Downloads in einer Woche stellte Adele zudem einen neuen Rekord auf. Diese Begeisterung, die auch von Xavier Dolans stimmungsvollem Schwarz-Weiß-Video befördert wurde, ist nachvollziehbar, führt der sich langsam aus einigen Piano-Moll-Akkorden entfaltende Song doch noch einmal Adeles große Refrain-Könnerschaft vor. Wie sie ohne Bridge in die Zeile „Hello from the other side/ Must have called a hundred times“ abhebt und die Reimworte in die Länge zieht, ist atemberaubend und zielt direkt aufs Ohrwurm-Zentrum.

Greg Kurstin und Paul Epworth waren als Produzenten dabei

In eine modernere, poppigere Richtung wagt sich Adele auf „25“ nur zaghaft. Dabei hat sie neben ihren angestammten Produzenten Paul Epworth und Ryan Tedder auch eine Reihe derzeit angesagter Kräfte wie den Schweden Max Martin oder die Amerikaner Greg Kurstin und Brian Burton angeheuert. Mit gemischtem Ergebnis: Kurstin war bei „Hello“ und der ebenfalls überzeugenden Powerballade „Water Under The Bridge“ am Werk. Was hingegen Max Martin mit „Send My Love (To Your New Lover)“ veranstaltet, ist seltsam missglückt. An die viel versprechende Strophe, die von einem hüpfenden Akustikgitarren-Motiv und einer leise pochender Bassdrum getragen wird, klatscht er einen überhaupt nicht dazu passenden Allerweltsrefrain, der mehr nach Lily Allen oder Taylor Swift klingt und auf einer Adele-Platte komplett deplatziert wirkt.

Ein besseres Gespür für Adele, die auch vergeblich versuchte, mit Damon Albarn und Phil Collins zu kooperieren, hat Brian Burton alias Danger Mouse. Bekannt geworden ist er unter anderem mit seinen Duos Gnarls Barkley und Broken Bells. Den Song „River Lea“, in dem Adele über den Fluss in ihrem Heimatbezirk Tottenham singt, schiebt er mit Orgel und Chor ganz sanft in eine gospelige Ecke. Das hat Anmut und Kraft. Für „29“ oder „31“ sollte die Sängerin Burton wieder engagieren – und dann nicht nur bei einem Lied.

„25“ erscheint bei XL Recordings.

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