Schattenspiele. Besuchersilhouetten auf der Fassade des DHM. Am 23. Oktober begeht das Haus sein Jubiläum mit einem nichtöffentlichen Festakt. Am 27. und 28. Oktober findet bei freiem Eintritt ein Museumsfest statt, das auch den Blick hinter die Kulissen erlaubt. Foto: Britta Pedersen/dpa
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25 Jahre Deutsches Historisches Museum Übergangsmantel der Geschichte

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Vom Streitfall zum Vorzeigeobjekt: Das Deutsche Historische Museum feiert 25 wechselvolle Jahre.

Jetzt sei das Deutsche Historische Museum (DHM) nur noch durch eine „jähe Wendung in der deutschen Historie zu verhindern“ konnte man im Juni 1988 in dieser Zeitung lesen. Der Bericht referierte ironisch die Auseinandersetzung um ein Projekt, das zu diesem Zeitpunkt gerade Gründung und Grundsteinlegung hinter sich gebracht hatte. Wie bekannt kam die Wendung jäher als je gedacht. Aber sie verhinderte das Museum nicht, sondern machte im Gegenteil den Weg frei für die geachtete, längst jedem Grundsatzstreit entzogene Institution, die es seit langem ist. Selten hat an einem Geschichtsmuseum die Geschichte selbst so folgenreich mitgewirkt.

Die Berlin-Attraktion im schönen Barockbau des Zeughauses Unter den Linden, die in diesen Tagen 25 Jahre alt wird, lässt von dieser Komplizenschaft mit der Geschichte nichts mehr ahnen. Der hintersinnige Umstand, dass es in dem früheren Museum für deutsche Geschichte zu Haus ist, gegen das es – nicht nur, aber auch – gegründet wurde, ist längst zur historischen Fußnote geworden. Nicht viel anders verhält es sich mit den anhaltenden, heftigen Auseinandersetzungen, die seine Entstehung begleiteten. Dabei liefert diese Vorgeschichte des Hauses eine Lektion über den eminenten Bewusstseinswandel, den die Deutschen in den letzten Jahrzehnten hinter sich gebracht haben.

Das Museum kommt ja durchaus aus der Tiefe des Raumes – der Gewitterzone der bundesrepublikanischen Debatten der siebziger und achtziger Jahre, in denen das ganze Unbehagen der Deutschen an sich selbst in verbissenen intellektuellen Kontroversen und verhärteten Fronten zutage trat. Einerseits wuchs der Museumsgedanke heraus aus dem neuen Geschichtsinteresse, für das der überraschende Erfolg historischer Ausstellungen stand: von der Stuttgarter Staufer-Ausstellung 1977 bis zu der zäsurhaften Berliner Preußenausstellung 1981.

Andererseits wurde es vorangetrieben von dem Postulat der politisch-moralischen Wende, mit dem Kohl zu Beginn seiner Regierungszeit 1983 den Zeitgeist – oder was er dafür hielt – herausfordern wollte. Dazu kam der Ehrgeiz der DDR, sich ihren Anteil an der deutschen Geschichte zu sichern. Die 750-Jahrfeier in West- und Ost-Berlin, für die Bundesrepublik der Anlass, Berlin das Historische Museum zu schenken, war auch ein massiver Fall von System-Konkurrenz.

Vor der Schärfe der damaligen Debatten, erst recht vor dem Ausmaß der mentalen Verkrampfungen und Verletzungen, das sich in ihnen ausdrückte, steht man heute ziemlich ratlos. Konnte man wie ein großer Teil der westdeutschen Intelligenz wirklich glauben, dass hier eine Institution zur „nationalen Sinnproduktion“ geplant war, eine „Identitätsmaschine“, eine Instanz offiziöser Geschichtspolitik, die ein „neokonservatives“ Geschichtsbild befördern und eine Renaissance nationalstaatlichen Denkens herbeiführen solle? Das von den Befürwortern des Vorhabens verfolgte Ziel, den Identitätsproblemen der Deutschen abzuhelfen, wurde jedenfalls von seinen Gegnern hart mit der Generalverdächtigung des Geschichtsrevisionismus gekontert. Nicht zufällig ging von der Debatte über das Projekt auch der Historikerstreit aus, der die intellektuelle Bundesrepublik damals in Atem hielt.

Jahrelang wurde das Projekt durch Anhörungen, Tagungen und Podiumsdiskussionen gejagt. Und mit Bedenken und Gegenvorschlägen traktiert: Drohte da die Wiederkehr eines für überwunden gehaltenen monumentalistischen Geschichtsbildes im Stil des 19. Jahrhunderts? Musste es überhaupt ein Geschichtsmuseum sein? Erlaubte die deutsche Geschichte nicht bestenfalls ein Forum, nach allen Seiten offen, auf dem ihre unterschiedlichen Sichtweisen debattiert werden können?

Die Tiefe des Konflikts brachte niemand anderes als Richard von Weizsäcker auf den Punkt, der damalige Regierende Bürgermeister, in dessen Ära das Museumsprojekt mit einer Denkschrift von vier Historikern seinen Anfang nahm. Ist „ein gutes sozialistisch konzipiertes Zeughaus zum Zwecke der Geschichtsrepräsentation“ – so seine stoßseufzerhafte Frage mit dem Blick nach Ost-Berlin – nicht „irgendwie eindrucksvoller und partiell sogar wahrer als unsere freiheitliche Angst, die sich beispielsweise in der Frage äußert, ob es überhaupt zulässig sei, die Worte ,deutsch’ und ,Geschichte’ noch zu verwenden, ohne sich damit eines intellektuellen oder moralischen Verrats schuldig zu machen.“ Es ist wohlfeil, die seinerzeit von den Museumsgegnern ausgestreute Häme heute mit der Gegenhäme der Vorhaltung zu bedenken, dass nichts von dem eingetreten ist, was sie beschworen haben.

Es bleibt die Verwunderung über die Irrungen und Wirrungen, die die Entstehung des Museums begleitet haben. Mit dem Spottvers „Das ist die Berliner Gruft, Gruft, Gruft“ zog die Alternative Liste über den Museumsplan her. Der Grundstein, der am 28.Oktober 1987 gesetzt wurde – etwa dort, wo heute das Kanzleramt steht –, wurde wochenlang von der Polizei bewacht. Dem Museum wurde die massive Förderung durch den Bundeskanzler, ohne die es wohl nie zustande gekommen wäre, mit dem Hohn-Etikett „Kanzlermuseum“ heimgezahlt, das der großen Zahl der an seiner Konzeption beteiligten Historiker grob Unrecht tat. Und unverdrossen wurde kolportiert, wie Kohl in spätroyalistischer Geste aus einem Reichstagsfenster dem Museum seinen Platz angewiesen habe.

Wenn etwas verdient, an dieser Geschichte in Erinnerung zu bleiben, dann sind es die Unbefangenheit und die Unbeirrbarkeit, mit der die Entwicklung des Museums dies alles hinter sich gelassen hat. Es ist die deutsche Vereinigung, die die Auseinandersetzungen um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines deutschen Nationalstaats und dessen historische Kontinuität beendet hat. Und das in einem Maße, das es heute wie ein Märchen aus uralten Zeiten erscheinen lässt. Vor allem aber ist es das Museum selbst, sein Aufbau und seine Arbeit, die von Anfang an ideologische Vorbehalte und geschichtspolitische Verdächtigungen ins Leere laufen ließen.

Das ist fraglos das Verdienst von Christoph Stölzl, dem 1987 berufenen Gründungsdirektor, der noch von der letzten, demokratischen DDR-Regierung zum Hausherrn des Zeughauses ernannt wurde: Die Urkunde trägt noch Hammer und Zirkel, die Insignien des DDR-Wappens. Bis 1999 blieb er der inspirierende Kopf des Hauses. Er hat ihm mit seinem Temperament und seinem Einfallsreichtum Profil gegeben. In seiner Amtszeit eroberte sich das DHM mit einer Vielzahl von Ausstellungen wie im Sturmlauf seinen Platz im Berliner Kulturleben.

Es gehört zur Ironie des Unternehmens, dass es damit den fast konfessionellen Streit unterlief, ob denn der deutschen Geschichte nicht ein Forum adäquater sei als ein Museum, gar mit einem präzeptoralem Anspruch. Denn in seinem ersten Jahrzehnt war das Deutsche Historische Museum tatsächlich vor allem ein Forum, ein offenes Haus für Austausch und Anschauung, für Anspruchsvolles und für Populäres – und damit der vielleicht anregendste Ort im Berlin der 90er Jahre.

Bis zur Dauerausstellung, dem gewagten Unternehmen eines umfassenden Bildes der deutschen Geschichte, brauchte es nicht weniger als 16 Jahre. Erst 2006, bei Kaiserwetter, im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft und in Anwesenheit der Bundeskanzlerin erreichte sie diese heikle Zielmarke. Die Ausstellung wurde – wie zu erwarten – mit Hingabe und mancher Prise Haarspalterei kritisiert. Immerhin konnte sie nach nur eineinhalb Jahren den Millionsten Besucher registrieren.

Dieser Erfolg war die Leistung von Hans Ottomeyer, Stölzls im Jahr 2000 berufenen Nachfolger. In seine Zeit fällt neben der Renovierung des Zeughauses die Vollendung des noch von seinem Vorgänger initiierten Zuwachses des Hauses, dem gläsern glänzenden Anbau von I.M. Pei, bislang die einzige architektonisch bereichernde Hinzufügung zur historischen Berliner Mitte.

Insgesamt jedoch tat sich der Kunsthistoriker nicht leicht, dem Haus einen, seinen Stempel aufzudrücken. Gemessen an der Anfangsära büßte es empfindlich an Ausstrahlung ein. Mehr als je zuvor ist es ein Publikumsfänger, aber seine Position im Konzert der kulturellen Einrichtungen Berlins ist nicht mehr herausragend. Der im vergangenen Jahr ernannte Direktor Alexander Koch steht nun vor der Aufgabe, dem DHM diesen Platz neu zu erringen.

Es solle „weder überheblich noch selbstanklägerisch, sondern nüchtern, selbstkritisch und selbstbewusst“ auftreten, hieß es im ersten Entwurf der Sachverständigenkommission für ein Historisches Museum, verfasst im Jahre 1986, noch weit von irgendeiner Verwirklichung entfernt. Nimmt man das Haus so, wie es sich heute präsentiert, so ließe es sich mit diesen Worten ziemlich genau umschreiben.

Am 23. Oktober begeht das DHM sein Jubiläum mit einem nichtöffentlichen Festakt. Am 27. und 28. Oktober findet bei freiem Eintritt ein Museumsfest statt, das auch den Blick hinter die Kulissen erlaubt.

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