Cover des Buches "Der begrabene Riese" von Kazuo Ishiguro Foto: Promop

Kazuo Ishiguro: „Der begrabene Riese“ Was von der Vergangenheit übrig blieb

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Zurück ins 5.Jahrhundert: Der britische Autor Kazuo Ishiguro stellt seinem Roman „Der begrabene Riese“ auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin vor.

Lorne sei Dank! Auf ihren Rat hat Kazuo Ishiguro den ersten Manuskriptentwurf weggelegt und noch mal von vorn begonnen. Wie „fürchterlich“ der erste Versuch wirklich war, lässt sich nicht mehr feststellen, aber der Ehefrau des englischen Autors mit japanischen Wurzeln verdanken wir nach zehnjähriger Inkubationszeit nun immerhin ein Action-Abenteuer, das den Vergleich mit einem mittelalterlichen Epos nicht zu scheuen braucht.

Im Unterschied zu seinem letzten, 2005 erschienenen Roman „Alles, was wir geben mussten“, eine als Internatsgeschichte getarnte, auf die Zukunft verweisende Dystopie über Kinder, die nur leben, um Organe zu spenden, führt das neue Werk mit dem rätselhaften Titel „Der begrabene Riese“ zurück in die Welt des 5. Jahrhunderts in Britannien. Es ist die Zeit, in der Angeln und Sachsen einwandern und die von den Römern aufgegebene Insel von Osten her besetzen. Einige blutige Bürgerkriege liegen hinter den bereits christianisierten keltischen Britanniern und den Neuankömmlingen, die im Gegensatz zu den Altsiedlern nicht mehr in Höhlen hausen, sondern in umzäunten Dörfern. Bei allem zivilisatorischen Fortschritt huldigen die Sachsen allerdings noch heidnischen Göttern.

In dieser mythischen Welt sind „Oger“, Menschenfresser, ebenso gegenwärtig wie Kobolde und Drachen. Es ist noch nicht lange her, dass König Artus seiner Tafelrunde vorsaß und Ritter ausschickte, um Drachen zu töten. Doch Axl und Beatrice, die eher geduldet am Rande einer Britannier-Gemeinschaft leben, erinnern sich wie alle Übrigen kaum mehr an die Vergangenheit, auch nicht an die sie unmittelbar betreffende, an den Sohn zum Beispiel, der aus mysteriösen Gründen aus ihrem Leben verschwunden ist. Denn über dem Landstrich liegt ein Nebel, der alle Erinnerungen löscht.

Einige sonderbare Erlebnisse führen schließlich dazu, dass die beiden zu einer Reise aufbrechen, um ihren Sohn zu suchen. Während einer ersten Rast in einer römischen Villa hören sie eine Geschichte, die ihr weiteres Schicksal bestimmt. Denn wie sollen sie, um zusammenbleiben zu dürfen, die Frage des Fährmanns nach ihrer kostbarsten Erinnerung beantworten, wenn der Nebel des Vergessens über ihnen liegt?

Denn es gibt Dinge, sagt Ishiguro, denen man sich stellen sollte

Die folgenden Stationen führen sie zunächst in ein Sachsendorf, wo sie auf Wistan treffen, einen sächsischen Krieger, der den halbwüchsigen Edwin aus den Klauen eines Untiers gerettet hat, später auf Gawein, den alten Ritter der Tafelrunde, der auf Horaz, seinem alten Gaul, durchs Land irrt. Die Gesellschaft landet in einem Kloster mit doppelzüngigen Mönchen und gerät in Konflikt mit einem Britannier-Lord.

Überall herrscht Misstrauen und Verrat. Man fühlt sich an die Bürgerkriege in Europa und dem Nahen Osten erinnert. Denn das von Artus erlassene „große Gesetz“, im Krieg zumindest Frauen, Kinder und Alte zu schonen – ein Vorläufer der Genfer Konvention sozusagen –, wurde gebrochen, das Vertrauen der sächsischen Minderheit missbraucht. Wann ist es besser zu vergessen? Ist der Nebel, den die Drachin Quentig über das Land gelegt hat, nicht heilsam, um Kränkungen und Wunden zu heilen und den „begrabenen Riesen“, den Hass und die Rachegelüste, ruhen zu lassen? Doch mit dem, was wir heute Verdrängung nennen würden, sind auch Risiken verbunden. Denn es gibt Dinge, sagt Ishiguro, denen man sich stellen sollte.

Dabei faszinieren ihn vor allem die Unterschiede zwischen der privaten und der gesellschaftlichen Erinnerungskultur. Während Gemeinschaften oft aus Scham oder Angst vergessen, wie Beatrice vermutet, ist die private Erinnerungslosigkeit ambivalent. Vergeht Liebe ohne Erinnerung?, fragt sich das Paar. Oder ist der Schleier des Vergessens in manchen Situationen überhaupt die Voraussetzung, dass sie gedeiht? Zumal auch Axl und Beatrice Altlasten mit sich herumschleppen, die der Nebel ihnen zu vergessen erlaubt. Und es macht sich zunehmend Verunsicherung breit: „Jetzt, wo es sein kann, dass sogar wir die Drachin töten, eigenhändig“, so Beatrice, „da habe ich plötzlich Angst davor, dass der Nebel aufhört.“ Ebendies müssen auch die Völker fürchten, denn es war die Drachin, die ihnen den fragilen Frieden beschert hat: „Die Drachin starb, um den Weg für die bevorstehende Eroberung frei zu machen“, verkündet Wistan den neuen Krieg.

Das Einfühlungsvermögen fehlt

Erzählerisch folgt Ishiguro der Tradition des mittelalterlichen Epos („Gawein und der grüne Ritter“, das ihn inspiriert hat), und er beherrscht auch die Klaviatur der Fantasy-Literatur. Wie in seinem Erfolgsroman „Was vom Tage übrigblieb“ (1990), der dank James Ivory auch ein Kinohit wurde, hätte auch dieser Roman das Zeug zum Kinostoff und wäre eine Herausforderung für die Animationsindustrie. Die Reiseabenteuer und Kämpfe werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, die Leser durch unmittelbare Ansprache in die Geschichte eingebunden. Dass die turbulenten Ereignisse immer wieder von Räsonnement überwölbt werden und vor allem Beatrice wie eine angejahrte blaustrümpfige Philosophiestudentin daherredet, ist verkraftbar angesichts der Begeisterung, die Ishiguro für seine Geschöpfe aufbringt, insbesondere die märchenhaften.

Die Unstimmigkeit des Romans resultiert dagegen aus einer Gabe, die Ishiguros übrige Bücher sonst auszeichnet: das Einfühlungsvermögen. Axl und Beatrice scheinen mehr der psychologisch ziselierten Bürgerwelt des 19. Jahrhunderts zu entspringen denn dem 5. Jahrhundert, einer Zeit, in der das Gespür für innere Bewegungen und äußere Verhaltensmodellierung noch kaum ausgeprägt war. Die entwickelte höfische Welt, in der man eine Rolle spielen – oder wie Wistan „aus der Rolle fallen“ – konnte, lag in weiter Ferne. Abgesehen davon, dass man Ereignisse nicht „durchgekaut“ oder „Jungspunde“ in Bewegung gesetzt hätte. Dank Lorne hat Ishiguro uns zwar seine Mimesis an die archaische Sprache erspart, ist dafür aber hin und wieder aus der Zeitspur gestolpert.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese. Übersetzt von Barbara Schaden. Blessing Verlag, München 2015. 416 S., 22, 95 €. Ishiguro stellt sein Buch beim Internationalen Literaturfestival im Gespräch mit Bernhard Robben vor: Mo 14.9., 19.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.

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