Sie kommen. "Ade nun zur guten Nacht" hat der Schauspieler Jürgen Holtz seine mit Aquarell kolorierte Zeichnung von 2015 genannt. Man kann sich in ihr verlieren oder sich vor ihrem Personal fürchten. Foto: Galerie Bernet Bertram
p

Jürgen Holtz-Ausstellung Fünf Striche, ein Universum

Marleen Stoessel
0 Kommentare

In der Galerie Bernet Bertram überrascht der Schauspieler Jürgen Holtz mit Zeichnungen. Dramatisch, närrisch. Hier kann man den Theaterkünstler in neuen Farben und Facetten entdecken.

Ein Narr, ein Clown. Ein großes Kind. Jürgen Holtz, der große, mit etlichen Preisen gekrönte Mime, zu dessen 85. Geburtstag die Galerie Bernet Bertram eine Ausstellung seiner bildnerischen Werke zeigt, wird diese Bezeichnung vermutlich als Kompliment auffassen. Und so steht er da als dieses Kind, auf einer der mit Aquarellstift angefertigten Zeichnungen, inmitten anderer grotesker, albtraumhafter, von skurrilen Flugobjekten und Leuchttürmen wimmelnder Szenerien: ein altersloser, zwitterhafter Balg in kurzen Hosen, die kindlich gestrichelten Ärmchen hinterm Kopf in Siegerpose hochgereckt, den Mund zu einem Grinsen verzogen, auf dem Kopf ein Topf, aus dem eine gelbe Blume wächst. Zu Füßen tummeln sich winzige Gestalten, daneben ein Fahrrad, im Hintergrund ein Häuschen, über dem eine gelbrosa Sonnenblüte strahlt. „Mich“ lautet das von 2015 datierte Bild (1300 Euro), ein Bild des Triumphs, scheinbar naiv und doch voller Camouflage, in dem sich ein Menschen- und Künstlerleben resümiert, sich zeigt wie zugleich verbirgt: „Mich“! Nicht: Ich!

Wer hätte das gedacht? Wer hat davon gewusst, dass dieser Schauspieler seit vielen Jahren auch kritzelt und malt, sich seinen Figuren oft auch zeichnerisch nähert. Etliche mit Tinte gefertigte Skizzen (600 –1000 Euro) zeigen dramatische Szenen, Körper, Figuren, verwickelt, im Kampf oder närrisch einem Trommler folgend... Nein, das ist bei näherem Hinsehen keine von der Theaterarbeit getrennte, mal eben zum Zeitvertreib bespielte Schiene. Lediglich das Medium ist ein anderes, im Ausdruck aber, in der Haltung, im so böse-zornigen wie spöttisch-hintergründigen Spiel mit der Welt und ihrer Komödientragik gleichen sich die Künste, treffen sich in der gestisch-dynamischen Darstellung, die selbst noch in den wundervollen Schriftbildern sichtbar bleibt: Blätter, auf denen Hieroglyphen ähnliche Buchstaben, seriell zu Zeilen und ganzen Seiten gefügt, ein eigenes, meist komödiantisches menschliches und tierisches „Personal“ inszenieren (950 Euro) oder sich gar zu einem neugierig den Kopf vorreckenden Hahn aus Shakespeares menschlicher Fauna formieren: „Herzog Ohnefurcht“ (1350 Euro).

Traumhafte Asyle inmitten des Aufruhrs der Welt

Noch in ihrer abstraktesten Form, als aquarellierte Einzelchiffren, die asiatische Kalligrafie assoziieren, mit Titeln wie „3x3“, „Fünf Striche“ oder „Unsere Vollkommenheit“ (850 Euro) bleiben sie offen für Imagination und Erzählung, die sich im Betrachter fortspinnen mag. Nur scheinbar sind es disparate Gestaltungsformen, vielmehr werden Wort, Geste und Bild in ihren Korrespondenzen und Metamorphosen sichtbar und spannen wie von selbst die Brücke zwischen den Künsten. Fünfzig Werke haben die Initiatoren mit dem Künstler ausgewählt, zu denen sich als älteste Werkschicht die Landschaftsaquarelle aus den neunziger Jahren gesellen. In ihnen scheint das Maskenspiel wie nach innen gewendet, der seelische Ausdruck im Spiegel der Landschaften an Algarve oder der irischen Küste unmittelbarer, unverhüllter, ungeschützter, wie gespeist von einer inneren Glut. Traumhafte Asyle inmitten des Lärms und Aufruhrs der Welt.

Diese Ausdrucksarten, allesamt weit über Gelegenheitsmalerei hinausgehend, verbindet nicht von ungefähr die Technik des Aquarells – auch die Zeichnungen (1600–3500 Euro) sind großteils mit Aquarellstift gefertigt. Man könnte versucht sein, dies als Hinweis zu lesen auf das früh zwischen zwei totalitäre Regime und den lebenslangen ost-west-deutschen Zwiespalt gespannte Künstlerleben, das sich immerfort gegen jede Verfestigung, auch die ideologischen Verhärtungen und Vereinnahmungen zu wehren hatte, das die Grenzen und Konturen gleichsam verflüssigen musste, um nicht zu ihrem Opfer zu werden – und freilich auch nicht zum Opfer der Anmutungen und Heimsuchungen, welche die Gegenwart bietet.

Der Freimut und die Unverblümtheit des Narren

Jürgen Holtz – ein großes ingeniöses Kind, das bis heute immer nur spielen will. Mit dem Freimut und der Unverblümtheit des Narren, der der kriegsbesessenen Welt den Spiegel vorhält. Mit der unbestechlichen Scharfsicht und dem beißenden Spott des Melancholikers, der die Tragödie der Welt als un-menschliche Komödie inszeniert: Statt der Ertrinkenden zeigt er den Friedhof der Schiffe, U-Boote, Kriegsschiffe allesamt, während bei „Sonnenaufgang“ allen das Wasser bis zum Halse reicht und auch hier unklar bleibt, ob die stereotyp hochgereckten Arme einen Notschrei oder das Hurra, ja womöglich das Sieg Heil! der ewig Unbelehrbaren meinen.

Mit dieser exklusiven Bilderschau ist der Theaterkünstler noch einmal in neuen Farben und Facetten zu entdecken. End- und Weiterspiele sind es, so wie mit Beckett demnächst auch wieder am Berliner Ensemble – zu unserem Trost und unserem Vergnügen mit immer neuem Beginn.

Galerie Bernet Bertram, Goethestr. 2/3; ab 22. 8.-9. 9., Di–Fr 12–18 Uhr, Sa 12-16 Uhr. Künstlergespräch mit Jürgen Holtz: Donnerstag, 31.8., 20 Uhr

Zur Startseite