Tagesspiegel MobilIn Gottes Dienst

Von Deike Diening0 Kommentare

In Berlin rissen sie Peter Zumthors Bauten ab. Einen Bauern in der Eifel focht das nicht an. Er wollte diesen Architekten. Immer

Es ist nicht richtig, dass sie jetzt im wadenhohen Dinkel herumspringen und Fotos machen. Es ist auch nicht richtig, dass sie in Bussen kommen oder mit ihren Autos bis an die Kapelle fahren. Es ist schließlich keine Autobahnkapelle. Es ist eine Feldkapelle am Pilgerweg nach Trier, frei nur für den landwirtschaftlichen Verkehr, und Trier ist noch vier Tagesmärsche entfernt. Ein Weg, den Trudel Scheidtweiler, 66, die vergangenen 25 Jahre jedes Jahr gegangen ist.

Man müsse sich der nagelneuen Bruder-Klaus-Kapelle nähern, „wie Zumthor das immer gemacht hat“, sagt sie und lenkt den BMW an den Ortsrand: Indem man höchstens bis zur Siedlungsgrenze fährt und dann zu Fuß dem ansteigenden Weg auf den Hügel folgt. Oben im Dinkel, ins Feld gerückt, reckt sich dann der scharfkantige Betonfels, der sich erst im Näherkommen aus der Baumkante löst. Aus der gewellten Fläche des im Wind wehenden Korns ragt die Kapelle wie ein Schwert hervor, mit der Schärfe des Willens und des Verstandes. Etwas Erhabenes ist sichtbar, hier in der Voreifel, wo sie üblicherweise die Kapellen so weit ins Profane ziehen, dass sie mit ihren Altären und Spitzendeckchen wie Wohnzimmer aussehen.

Die Neugier der Welt an diesem frischen Fels erreicht Trudel Scheidtweiler per Telefon in Wachendorf, wo sie täglich die Anrufe der Presse entgegennimmt. Sie ruft dann in den Hörer: „Was wollen Sie denn sehen, die Kapelle ist ja noch eine Baustelle!“ Alles an dieser Geschichte, die Zeit, das Geld, die Resonanz, die Mühe, die Freude, ja das Bauwerk selbst, hat ihre Erwartungen überstiegen.

Alles nur, weil das, was sich hier gegen den Himmel abzeichnet, schon jetzt die Züge eines Wunders trägt. Weil der gefeierte wie gefürchtete Schweizer Architekt Peter Zumthor hier zusammen mit Landwirten eine Kapelle ins Feld stellt und am Ende sogar selber in grüner Latzhose den Betonabschluss modellierte. Es ist derselbe Zumthor, der das Kunsthaus in Bregenz gebaut hat und die Thermen in Vals, der in Berlin mit der „Topographie des Terrors“ spektakulär gescheitert ist, als die Baukosten für seinen gefeierten Entwurf explodierten. Dagegen wirkt die Sache in der Eifel wie ein Wunder des Heiligen Niklaus von Flüe, nachdem die Kapelle benannt sein wird. Niklaus, den sie auch den Bruder Klaus nennen, hat ja schon 1481 streitende Parteien derart wieder zusammengebracht, dass der damals 200 Jahre alte Bund der Schweizer Eidgenossen nicht auseinanderbrach.

Aber jetzt ist Mittag auf dem Hof, und das ist für Trudel Scheidtweiler ein Grund zurückzufahren, sich hinzusetzen mit Johann, dem langjährigen Helfer, mit der 95-jährigen Mutter des Landwirts, um ein Gebet zu sprechen, von der Hacksoße und vom ersten Rhabarber zu probieren und ein maßvolles, nämlich halbes Glas Rosé zu trinken.

Es ist ja nicht so, dass hier ein unbedarftes Bauernpaar auf einen Stararchitekten traf. So wie es nicht stimmt, dass einer stumpfe Erdenschwere hat, nur weil er Rüben, Raps, Dinkel und Erbsen anbaut. Die Felder der Scheidtweilers liegen am weitesten Punkt 20 Kilometer auseinander. Hermann-Josef Scheidtweiler ist FAZ-Abonnent, Mitglied im Lions-Club, Golfspieler, und damit auf seine Art Teil einer säenden Elite.

Er gestand vor mehr als neun Jahren seiner Frau bei einem Spaziergang, der sie kurz hinter dem Dorf den Hügel hinaufgeführt hatte, dass er sich schon immer gewünscht habe, hier zum Lebensende hin eine dem Bruder Klaus gewidmete Kapelle zu bauen. So wolle er Gott für sein Leben danken.

Nun könnte in Landstrichen, in denen das Katholische ferner und Bruder Klaus ein Unbekannter ist, so ein Anliegen befremden. Trudel Scheidtweiler jedoch leuchtete es sofort ein, denn sie hatte bald die vergangenen 40 Jahre an der Seite dieses Mannes verbracht und wusste, dass er für die Landjugend Jahr für Jahr Pilgerreisen organisierte, immer wieder auch in die Schweiz, wo Niklaus von Flüe herkommt, der zugleich der Schutzpatron der Landjugend ist. Und sie kannte auch die Gründe, warum ihr Mann zu danken hatte für jenes Leben, das ihm neben dem Sieg über Krankheiten drei Söhne bewilligt hatte, von denen Volker, der Jüngste, den Hof übernahm.

Und weil gottesgläubige Menschen es gewohnt sind, gleich ganz oben nachzufragen, wenn sie etwas möchten, zögerte der Landwirt nicht und schrieb einen handschriftlichen Brief – die Linien bogen sich nach unten – an den Schweizer Architekten Peter Zumthor, nachdem die FAZ es gerade als „Glücksfall“ bezeichnet hatte, dass Zumthor das Diözesanmuseum in Köln bauen sollte.

Seitdem haben sie oft erzählt, wie Zumthor innerhalb kurzer Zeit antwortete, sein Honorar sei hoch. Er sei konsequent „der modernen Architektur verpflichtet“. Zugleich sei aber Niklaus von Flüe ein Lieblingsheiliger seiner Mutter gewesen. – Wer weiß, ob Zumthor auch eine Kapelle für jeden anderen x-beliebigen Heiligen entworfen hätte.

Es ist ja nicht so, dass alle Beteiligten zu Bruder Klaus, der sich mit 50 Jahren, nachdem er zehn Kinder bekommen hatte, in die Einsiedelei zurückgezogen hat, und dort jahrelang fastete, eine besondere Beziehung gehabt hätten. „Der soll sich watt schämen“, hatte Trudel Scheidtweilers Mutter immer gesagt, „erst zehn Kinder in die Welt setzen und dann in die Einsiedelei gehen.“

Zumthor jedenfalls verbrachte einen Nachmittag dort, an dem bestimmt nicht der Wildschweinschinken den Ausschlag gab, dass ihm die Sache ans Herz zu wachsen begann. So sehr, dass er nur die Auslagen seines Büros erstattet haben wollte, und „den Rest zur Ehre Gottes“ macht, wie jedenfalls Trudel Scheidtweiler sagt.

In den kommenden Jahren würde Zumthor mit dem Rauchen aufhören, und in Berlin würden die drei schon gebauten Treppentürme zu seiner „Topographie des Terrors“ wieder abgerissen. Dort wirkt es, als würde ein Projekt an der Maßlosigkeit eines kompromisslosen Architekten scheitern. In der Voreifel dagegen entwickelt sich eine einzigartige Zusammenarbeit, die in zwei prall mit Fotos gefüllten Ordnern dokumentiert ist.

1999 drücken sie zum ersten Mal auf den Auslöser, Zumthor raucht noch, sein Blick ist prüfend, die erste Ortsbesichtigung des Ackers. Er beginnt, sich Gedanken zu machen. Sie stellen sich darauf ein, dass es lange dauern kann.

Denn die Landwirte und die Gläubigen wissen, was Zeit bedeutet. Dass keine Frucht reift ohne Zeit, kein Glauben sich festigt ohne Zeit. Trudel Scheidtweiler nimmt sich auch nach 43 Ehejahren noch die Zeit, bei jeder Anrede den Doppelnamen „Hermann-Josef“ ihres Mannes auszusprechen. Trotzdem gerät auch sie ins Zweifeln, als nach mehr als zwei Jahren noch kein Entwurf fertig ist. Ob das noch etwas werden würde mit ihrer Kapelle?

Er rede viel darüber, beruhigt Zumthors Frau am Telefon. Er denke nach. Auf dem Weg in den Urlaub 2001 fahren sie einfach mal vorbei. Da sehen sie, dass es ihm im Kopf herumgegangen ist: Ihre Kapelle hängt am Kühlschrank, Zeichnungen einer gewundenen Form überall.

Sie fotografieren den Architekten, der sich an der Edelstahl-Spüle Milch in den Kaffee gießt. Sie fotografieren sein Büro mit der seidigen Betonwand und die Bleistiftzeichnungen, die über den holzverschalten Nischen hängen. Und sie fotografieren die Torte mit den brennenden Kerzen, die das Büro zu Trudel Scheidtweilers Geburtstag organisiert hat.

Sie versuchen, ihn zur Eile zu treiben, sie führen das steigende Lebensalter ihrer Mütter und auch ihrer selbst ins Feld, aber irgendwann erkennen sie: „einen wie Zumthor kann man nicht drängen“. Das Störrische ist bei genauer Hinsicht plötzlich Prinzipientreue, das Kompromisslose Bedingung eines stringenten Entwurfs. Zumthor, der in Berlin inzwischen als Zumutung für Bauherren gehandelt wird, arbeitet an einem Entwurf, der „ein Gefühl von Würde und Freiheit vermitteln“ sollte.

Sie sehen, wie er sich zu neuen Ideen treibt, dass er ihre Geduld und Großzügigkeit nicht grundlos strapaziert. Christen können glauben, ohne verstehen zu müssen. Hat nicht auch Bruder Klaus das Unverständnis seiner Umgebung in Kauf genommen, als er sich in die Einsiedelei zurückzog, und dort unter Entbehrungen seine Vision verfolgte? Es sind die Bewegungen eines Suchenden.

Im November 2003 sagt Zumthor bei einem Vortrag: „Ich bin durch Bruder Klaus wieder katholischer geworden.“ So osmotisch benimmt sich der Katholizismus manchmal. Im Juli 2005, fast sechs Jahre nach dem ersten Brief, messen sie die Baustelle ab, und dann steht Scheidtweiler mit Gummistiefeln in seinem Traum, im ersten Beton, unterste Feinschicht, und zieht ihn glatt wie einen See.

Sie fertigen Betonmuster im heimischen Gemüsegarten. Alles trifft sich so günstig, die Helfer sind so begeistert, dass Trudel Scheidtweiler anfängt zu glauben, über allem liege ein Segen.

Die Kapelle soll auf einem fünfeckigen Grundriss stehen und zwölf Meter hoch werden. Scheidtweiler ist sich nicht sicher, ob so viel Beton verbaut werden muss. Zumthor schon.

„Ich glaube, jedes gut geschaffene Ding hat ein ihm angemessenes Ordnungsgefüge, das seine Form bestimmt und zu seinem Wesen gehört. Dieses Wesentliche will ich entdecken“, hat Zumthor einmal geschrieben. Dazu musste er Ort und Zweck erforschen, sich präzises Wissen über die Voreifel aneignen und über Bruder Klaus.

Am 25. Juli 2005 segnen sie mit einem Pastor die Baustelle ein. Sie stellen den Kran auf, die Eisenbewährung für das Fundament, 2,5 Tonnen Eisen, rund 70 Kubikmeter Beton. 120 Fichtenstämme richten sie auf als innere Schalung.

Die Freunde, der „Rentnerclub“ stampft mit ernsten Gesichtern das erste Tagewerk Beton. Drei Tage vor Weihnachten 2005 macht das Büro Zumthor einen Betriebsausflug in die Eifel, im Haus ziehen alle höflich ihre Schuhe aus und essen Kartoffelsalat, und die Gastgeber und Bauherren sind erfüllt von dieser Arbeitsweise zwischen gestalterischer Strenge und menschlicher Wärme.

Im Mai 2006 tragen sie wieder kurze Hosen und im August mauern sie einen Domstein ein, den das Generalvikariat in Köln dem Bauherrn, der inzwischen über die Sache 70 geworden ist, zum Geburtstag geschenkt haben. Die Helfer stampfen Beton, mal im Ostfriesennerz, mal mit freiem Oberkörper. Einer sagt noch: hätten wir eine normale Kapelle gebaut, könnten wir schon Richtfest feiern.

Und dann, im September, beim letzten Tagewerk, ist auch Peter Zumthor dabei, in grüner Latzhose, er sieht glücklich aus, mit einer Kelle kümmert er sich persönlich um den Betonabschluss, buschige Brauen, weißer Bart, doch auch im Glück verlässt sein Gesicht die Besorgnis nie.

Zumthor steht in den Diensten eines anderen, wie er es in seinem Antwortbrief formuliert hatte: im Dienst der modernen Architektur. Ein Ideal, dem nachzustreben ständige Beschäftigung ist, aller Ehrgeiz liegt in der Verringerung der Distanz zu dem Ideal. Zumthor ist auf der Suche nach Substanz und Wahrheit. Er nennt es die „Magie des Realen“.

Etwa im Innenraum der Kapelle: Er soll tropfenförmig werden und schwarz. Denn Bruder Klaus und viele Schweizer wohnten über Jahre mit offenen Feuerstellen in ihren Hütten, da nimmt das Holz eine glänzende, schwarze Färbung an. Scheidtweiler organisiert Farben von verschiedenen Herstellern, aber alle sehen stumpf aus. So entscheiden sie sich für ein richtiges Feuer, dessen Rauch die Wände färben soll. Sie verschließen alle Löcher, schichten Holz und Lehm und einen Sack Kiefernzapfen auf und lassen das Feuer zwei Wochen lang schwelen.

Heraus kommt, als sie die Fichtenstämme herauslösen, das Negativ eines Waldes. Wie ein Instrumentenkoffer mit fehlenden Instrumenten: Die Bäume sind da und doch nicht da. Man sieht die Höhlung der Stämme und riecht den Rauch des Holzfeuers, doch anfassen kann man nur Beton. Innen ist nichts eckig und alles gewunden und durch das tropfenförmige Deckenloch fällt der Regen, der an der Wand herunterrinnt, sich am Boden in einer Vertiefung sammeln soll und in unsichtbare Ritzen abfließt. Die Kapelle atmet mit der Natur. Nichts hier ist ohne Grund. Der Bau ist die Essenz aus Zeit und Anstrengung, von der ungeheuer wenig sichtbar, aber das Wenige ungeheuer aufgeladen ist. Es sieht nicht aus wie eine Kapelle, aber es enthält ihr Wesen.

Zuletzt schmelzen sie in einem großen Topf Blei und Zinn über einem gasbetriebenen Feuer, das Blei kommt aus der Gegend. „So einen Fußboden gibt es nirgendwo auf der Welt“, sagt Hermann-Josef Scheidtweiler. Als seine Frau zum ersten Mal den frisch ausgehärteten Boden betritt, zieht sie die Schuhe aus. „Wie Zumthor in seinem Büro“, sagt sie, vor dessen Bürotür sie die Filzpantoffeln für die Mitarbeiter hat stehen sehen. Und wie zu Hause beim Kartoffelsalat-Essen.

Im Innenraum soll bis zur Eröffnung am 18. Mai ein Meditationsrad von Bruder Klaus hängen, und eine Bank soll es geben, über der eine Büste des Heiligen hängen wird, damit man in die gleiche Richtung guckt wie er. Die Bank soll genau 1,04 Meter breit sein, hatte der Architekt gesagt. Kann sie nicht etwas breiter werden?, fragte der Bauherr. Nein, sagte Peter Zumthor, Bruder Klaus habe schließlich in einer Einsiedelei gelebt, nicht in einer Mehrsiedelei.

Auch außen um die Kapelle läuft eine Bank. Der Bauherr steht gebückt davor und reibt ein Imprägniermittel ein. Er hofft, dass Zumthor davon nichts merkt: Scheidtweiler ist pragmatisch veranlagt, er muss an die Pilger denken: Sie werden hier bald Thermosflaschen abstellen und Kaffeeringe hinterlassen.