Grüße an den Rest der Welt

Julia Kimmerle
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Der isländische Autor Sjòn ist neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor

Als Jules Verne 1864 in seinem Roman „Die Reise zum Mittelpunkt der Welt“ Island beschrieb, fiel sein Urteil vernichtend aus. Die Hauptstadt Reykjavik bestehe aus „Bruchbuden“. Die Vegetation sei „schwindsüchtig“, seine Bewohner seien nichts weiter als „armselige Verbannte, aus denen die Natur besser Eskimos hätte machen sollen“. Dass Jules Vernes’ Darstellungen fiktiv und voller Fehler sind – er war sein Leben lang nie in Island – schadete dem internationalen Erfolg seines Werkes nicht. „Dieses Buch ist nur ein Beispiel dafür, wie leicht es für eine große Nation ist, die Wahrnehmung eines kleineren Landes durch Literatur komplett zu verändern“, sagt der isländische Schriftsteller Sjòn. Er übernimmt in diesem Semester die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin.

Ein Semester, in dem er sich mit diesen asymmetrischen Beziehungen beschäftigen will und den Dialog zwischen Kulturen unterschiedlicher Größe beleuchten wird. Den umgekehrten Weg – also eine fiktive Darstellung einer großen Nation wie Deutschland – hat Sjòn in zweien seiner Bücher gewählt. „Augu þín sáu mig – Deine Augen haben mich gesehen“ ist zum Beispiel ein Liebesroman, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in dem Dorf „Kükenstadt“ in Niedersachsen spielt. „Ich war nie in Kükenstadt, es gibt das Dorf nicht. Aber genau das fand ich spannend“, sagt Sjòn. Was Jules Verne sich als Autor einer großen Kulturnation aus Nachlässigkeit erlauben konnte, können isländische Autoren schon lange: ihre Phantasie als Stilmittel verwenden.

Literatur spielt in der Kultur Islands eine wichtige Rolle. Das erste große Werk der europäischen Literatur entstand hier. „Schon Gottfried Herder hat in seinen Aufsätzen die Islandsagas aus dem 13. Jahrhundert als eine Art erster Weltliteratur erkannt“, sagt Sjòn. Auf die Sagas gründete sich Islands jahrhundertealte literarische Tradition. Und der Stolz eines Landes, das viele berühmte Schriftsteller hervorbrachte. Als Titel für sein Seminar hat Sjòn ein Zitat aus der englischen Übersetzung des isländischen Literatur-Nobelpreisträgers Halldór Laxness gewählt: And if you should meet a poor old woman like me anywhere in the world, then give her my greetings. „Wir sind so ein kleines Land – wenn wir hinaus in die Welt gehen mit unserer Literatur, unserer Musik, unserer Kunst, dann ist das so, als würden wir den Rest der Welt von unseren Vorfahren grüßen lassen“, findet Sjòn.

Als Schriftsteller hat Sjòn, der eigentlich Sigurjòn B. Sigurdsson heißt, bereits einiges dazu beigetragen, isländische Literatur international bekanntzumachen. 2005 wurde sein Roman „Schattenfuchs“ mit dem Literaturpreis des Nordischen Rats ausgezeichnet. Er verfasste mehrere Gedichtbände, schrieb drei Kinderbücher, einen Comic, Opernlibretti und die Texte zu Lars von Triers Musikfilm „Dancer in the Dark“, für die er 2001 eine Oscarnominierung bekam. In den achtziger Jahren verfasste er Songtexte für isländische Punk-Bands. Der Punk brachte Sjòn 1986 auch zum ersten Mal nach Berlin: Seine Band trat mit der Band „Einstürzende Neubauten“ auf.

Dass er 20 Jahre später als Gastprofessor an der Freien Universität Literatur unterrichten würde, hätte er sich damals nicht vorstellen können. Denn nach der Schule wollte er auf keinen Fall an eine Universität, noch nicht einmal als Student. „Mit Freunden hatte ich ein Dichterkollektiv gegründet, mein erstes Buch veröffentlicht und eine Galerie für surrealistische Kunst eröffnet. Wir haben versucht, das literarische Establishment an den Universitäten zu ignorieren – und einfach weiter unser Ding gemacht“, erzählt Sjón.

Das macht er bis heute. Und trotz seiner Auszeichnungen und Preise gehört Sjòn immer noch nicht zu dem, was man als literarisches Establishment bezeichnet. Als Professor will er deshalb auch kein Lernziel für seine Studenten vorgeben. Denn als Schriftsteller weiß Sjòn, dass man mit Überraschungen und Erkenntnissen haushalten muss: „Sonst wäre es ja langweilig.“ Julia Kimmerle

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