Kurras Foto: ddp
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Fall Kurras Versteinerte Geschichte

Werner van Bebber
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Studentenprotest und Stasi-Verstrickung: Zwei große deutsche Themen treffen sich auf fast bizarre Weise in Karl-Heinz Kurras, dem Polizisten, der Benno Ohnesorg erschoss. Aber den mittlerweile 81-Jährigen scheint das seltsam kalt zu lassen "Wir haben noch keine Erklärung für den Schuss".

Man muss nur lange genug warten, dann läuft einem Karl-Heinz Kurras über den Weg. Der Mann, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, versteckt sich nicht – auch jetzt nicht, nach der Stasi-Geschichte. Dabei ist der 81 Jahre alte ehemalige Polizist nun wirklich in Verruf geraten. Sogar in dem Spandauer Mehrfamilienhaus, in dem er wohnt, denken sie neuerdings anders über den bekannten Unbekannten.

Viele Jahre lang hat sich kaum einer um diesen Polizisten, der Geschichte macht, gekümmert. Doch in den vergangenen Tagen ist in der freundlich-behüteten Gegend am Rand von West-Berlin der mediale Irrsinn los gewesen: Alle wollten mit Kurras reden, und sie wollten Bilder von ihm. Jetzt ist Ruhe in der Gegend, in der vor allem Einfamilienhäuser stehen und zwischendurch ein paar Gartenbaubetriebe. Alte Bäume wiegen sich beschaulich im Wind. In den Blumenkästen leuchten dunkelrot die Geranien. Dieser Kiez ist in Ordnung: Ein Rentner mit Hund führt sogar ein Tütchen mit sich, um die Hinterlassenschaft des Hundes einzusammeln. „Sie wollen bestimmt zu Kurras“, sagt eine alte Frau vor der Tür des Hauses, in dem Kurras wohnt. „Der ist nicht da.“ Sie erkennt es am Fahrrad des alten Mannes, das nicht wie sonst neben dem Hauseingang abgestellt ist.

Wer Kurras sprechen will, der muss sich mehr Mühe geben, als nur mal an der Haustür zu klingeln. Er muss es machen wie Uwe Soukup: nachhaltig und ausdauernd.

Soukup hat dieser Tage auf eine andere Weise so viel Stress wie Kurras. Der Autor ist einer der wenigen, die sich mit Kurras und mit dem tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg wirklich auskennen. Vor zwei Jahren hat er das Buch „Wie starb Benno Ohnesorg?“ herausgebracht. Darin liest man von einem Studenten, der genauso friedfertig eingestellt war wie in den ersten Monaten von 1967 noch fast alle seine Generations- und Protestgenossen. Soukup hat keine großen Neigungen zum Pathos. Wenn er sie hätte, dann könnte er für sich in Anspruch nehmen, Benno Ohnesorg, der stets nur im Zusammenhang mit Studentenrevolte und Straßenschlachten genannt wird, ein Gesicht und der Bewegung ihre Unschuld zurückgegeben zu haben.

Jetzt sitzt Uwe Soukup in einer Pizzeria an der Krumme Straße in Berlin-Charlottenburg, 200 Meter entfernt von dem Ort, an dem Benno Ohnesorg von Karl-Heinz Kurras in den Kopf geschossen worden ist. Eine große Tafel vor dem Gebäude Krumme Straße 66/67 klärt Passanten über die Geschichtlichkeit des Ortes auf. Gegenüber von Uwe Soukup steht der gute alte Waschbetonkubus Deutsche Oper mit dem Ohnesorg-Mahnmal, das der Bildhauer Alfred Hrdlicka gemacht hat. Am Abend des 2. Juni 1967 wollten der persische Schah Reza Pahlewi, der auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik gekommen war, und seine deutschen Gastgeber eine Aufführung der Oper besuchen – und einige tausend Studenten protestierten gegen das Schah-Regime. Es gab einen rabiat-umstrittenen Polizeieinsatz, der zur Eskalation der Lage führte. Auf den Seitenstraßen in der Nähe der Oper prügelten Polizisten heftig auf Studenten ein, Wasserwerfer waren im Einsatz. Demonstranten flohen in die Hinterhöfe. Hier waren Zivilpolizisten wie Kurras unterwegs. Irgendwann kurz nach 20 Uhr lag Ohnesorg tödlich verletzt in einer Blutlache. Es entstand eines der Fotos, die ein Leben auf einen Moment verkürzen. „Der Tod des Demonstranten“ heißt Hrdlickas Bronzerelief. Doch das Mahnmal vor der Oper und die Infotafel vor dem Tatort täuschen: Die Geschichte ist nach dem Fund von Kurras’ Stasi-Akte wieder sehr lebendig, verlangt nach Deutung, und deshalb ist Uwe Soukup jetzt der Experte.

Er merkt es an seinem Magen. „Mein Frühstück“, sagt er lachend über die Pizza am Nachmittag. Vorher hatten ihm die Termine mit Fernseh- und Rundfunksendern keine Zeit gelassen. Dabei liegt die Expertenrolle dem schlanken Mann mit dem grauen Dreitagebart gar nicht. Er ist Autor, hat Texte von Sebastian Haffner verlegt, eine Biografie des großen Historikers geschrieben – und versteht sich als politischer Detektiv.

Zum 2. Juni, Ohnesorg und Kurras kam er, „weil da was fehlte“, wie er sagt. Bücher über die Studentenbewegung gibt es für jeden Bedarf, aber der 2. Juni war unerforscht. Für Soukup war es ein bisschen wie mit einem Kindheitsmythos: Von seinem Vater wusste er als Junge schon, dass sich an diesem 2. Juni in der Nähe der Deutschen Oper etwas Wichtiges, Bewegendes zugetragen hatte. Uwe Soukups Buch transportiert außer vielen Details und Fotos zwei Thesen: Damals gab es in der Berliner SPD Bestrebungen, den Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz aus politischen Motiven zu entmachten. Als Regierender musste Albertz die Verantwortung für den Polizeieinsatz am 2. Juni mit allen politischen Weiterungen übernehmen. Und auch in der Polizei, davon ist Uwe Soukup überzeugt, hatten manche Interesse daran, den 2. Juni zum Fiasko des amtierenden Polizeipräsidenten werden zu lassen.

Eine Intrige gegen den Regierenden Bürgermeister und eine in der Polizei – und beide sollen auf den Schultern von Karl-Heinz Kurras gelegen haben? Und wie passt die Stasi da hinein? Die DDR hatte sich doch immer als Sympathisantin der Studenten und Gegnerin der geplanten Notstandsgesetze geriert.

Uwe Soukup ist kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Aber zum politischen Detektiv gehört der Mut zur steilen These. Und Soukups Art bringt jeden, der mit ihm redet, ein wenig zum Grübeln: Da könnte was dran sein. Soukup überrollt die Leute nicht mit Massen eindeutiger Fakten, die seine Theorien stützen. Aber er fragt, bis er eine Antwort hat. Er sitzt hinter seiner halbierten Pizza, trinkt einen Schluck Wasser und sagt: „Warum hat er eigentlich geschossen?“

Als sein Buch über den 2. Juni vor zwei Jahren erschien, sprach Soukup davon, sich mal gründlicher mit Karl-Heinz Kurras zu befassen. Schon damals wusste er immerhin, wo er Kurras finden würde. Im November 2007 habe er versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, sagt Soukup – auf der Straße, aus Sicherheitsgründen. Kurras, der fast vergessene Zeitzeuge vom Berliner Stadtrand, war bekannt als Präzisionsschütze, dem die Sache mit Ohnesorg kein bisschen leidtat. Zwei Gerichtsverfahren hatte er durchgestanden. Diesem Mann wollte Soukup lieber in aller Öffentlichkeit gegenüberstehen, als er ihn zum ersten Mal ansprach.

Waffennarr, ehemaliger Soldat, drei Jahre in Kriegsgefangenschaft, Polizist: Kurras hatte mit 39 schon einiges erlebt, als er sich den Tod des Studenten Ohnesorg auf das Gewissen lud. Uwe Soukup wird fast ein wenig vorsichtig, als er über den Charakter von Kurras spekuliert. Die ganze Generation der 1927 Geborenen sei „in einen Lebenskampf reingerutscht“, sagt er. Alles, was Kurras im Krieg und in der Gefangenschaft erlebte, muss er mit sich abgemacht haben – manchem Alten gehen diese Erlebnisse bis heute nach. So habe es der Polizist auch mit dem tödlichen Schuss gemacht, glaubt Soukup: „Er kapselt das ein.“ Dass Kurras aggressiv und impulsiv reagiere, wenn man ihn auf den Schuss anspreche, beweist für Soukup, wie wenig der Polizist das Ganze verarbeitet hat. Wie auch? „Heute würde man Kurras einen Psychologen geben“, sagt Soukup. Leute, die Kurras kennen, halten ihn für einen, der Probleme wegtrinkt.

„Man kann die Sozialisationsbedingungen den Menschen nicht zum Vorwurf machen“, sagt Soukup. Der ehemalige Soldat ist als Polizist nicht nur für seine Geschicklichkeit mit der Pistole bekannt. Er ist, so sagt es Soukup, „schießsüchtig“. Womöglich ist das ein Grund für Kurras Bereitschaft, der Stasi gegen Honorar zuzuarbeiten. Soukup hat es nicht herausgefunden, auch in einem längeren Gespräch mit Kurras nicht. Auf der Grundlage der vorsichtig angebahnten Straßenbekanntschaft vom November 2007 konnte Soukup den Polizisten vor einer Woche in dessen Wohnung sprechen. „Vollkommen verdattert“ sei Kurras gewesen, als Soukup ihn mit der Nachricht über die Stasi-Akte konfrontierte. Der Polizist, der längst ein Rentner ist und auf Soukup „gemütlich“ wirkt, fast „bräsig“, scheint unter der Freizeitjacke und dem Hemd aus Stein zu bestehen.

Keiner weiß, wie aus dieser versteinerten Gestalt der Zeitgeschichte noch etwas herauszubekommen ist. Ein neues Verfahren gegen Kurras wegen des tödlichen Schusses kann es nur geben, wenn nun noch ein glaubwürdiges Geständnis auftaucht.

Von allein wird der Mann nicht reden. Dass die Studentenrevolution als die erste große Zäsur in der Nachkriegsgeschichte noch bei jedem Jahrestag die Leute bewegte, hat Kurras kaltgelassen. Dass mit der zweiten großen Zäsur, dem Untergang der DDR, seine persönliche Stasi-Geschichte bekannt werden könnte, hat Kurras kaltgelassen. Dass sich auf eine fast bizarre Weise in diesem Scharfschützen zwei große deutsche Themen treffen – Studentenprotest und Stasi-Verstrickung –, lässt Kurras kalt. „Wir haben immer noch keine Erklärung für den Schuss“, sagt Soukup mal wieder und fragt sich über dem letzten Pizzastück: „Wieso konnte er glauben, dass das nicht rauskommen würde?“

Oder ist noch gar nicht in ihm angekommen, wie ihn die alten Geschichten verfolgen? Derzeit bröckelt die Schutzmauer bürgerlichen Schweigens um Kurras’ Wohnung. Man habe gewusst, dass mit Kurras und dem toten Studenten was war, sagt eine alte Frau. Geredet hat man nicht darüber. Aber die Stasi-Sache jetzt wird nicht mehr beschwiegen: „Wir sind alle schockiert“, sagt die Frau, dass einer so „doppelgesichtig“ sein konnte.

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