Alles, was der Fall ist. Ein Basejumper stürzt sich ins Lauterbrunnental. Foto: Keystone Schweiz/laif
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Extremsport Sechs Sekunden freier Fall
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Sechs Sekunden im freien Fall. Einundzwanzig – zweiundzwanzig – dreiundzwanzig – vierundzwanzig – fünfundzwanzig – sechsundzwanzig.

Sechs Sekunden totale Freiheit, sagt Martin Schürmann. Vor allem, wenn man einen dieser „Wing Suits“ trägt, in dem man aussieht, als hätte man eine Zeltplane an. Bis man die Arme hochreißt und sich Flügel aufbauschen. Damit kann man mit 160 Stundenkilometer einen Hang entlanggleitet. „Konturen fliegen“, sagt Schürmann. Irgendetwas zwischen Vogel und Batman sein. Schürmann darf sich jetzt nicht überschlagen, und es darf kein Windstoß kommen. Sonst knallt er gegen die Wand. Danach, sagt Schürmann, ist der Boden ziemlich nahe, er muss seinen Spezialschirm öffnen. Die Pioniere sind noch in Jeans geflogen und mit herkömmlichen Fallschirmen, das ging oft schief.

Man kann das Ganze nun von oben oder von unten betrachten. Von oben: Weite, Freiheit. Kein Luftwiderstand, „die erste Sekunde hast du nichts, du springst ins Leere“, sagt Schürmann. Bis zu 20 000 Mal im Jahr springen sie im Lauterbrunnental von der „Nase“, vom „Büffel“ oder vom „Yellow Ocean“, wie die Fallrouten heißen. Unten, in Lauterbrunnen, sieht das so aus: zertrampelte Futterwiesen, in denen Basejumper gelandet sind. Die Bäume, in denen Basejumper hängen bleiben. Die Unfälle, die Basejumper bauen, die bei böigem Wind springen oder ohne Helm, alles schon da gewesen.

Auch blutige Anfänger kommen ins Lauterbrunnental, Leute, die nicht mindestens 200 Fallschirmsprünge hinter sich haben, bevor sie auf den ersten Berg gehen. Erst unlängst ist wieder einer bei schlechtem Wetter gesprungen. Er verfing sich, schwer verletzt, im Seil der Gondelbahn. Unten leben die, die mit ansehen müssen, wenn die Extremfallschirmspringer abstürzen. Mit einem dumpfen Knall aufschlagen, schreien, tot liegen bleiben. Auf der Homepage der Schweizer Base Association ist eine Liste, wer wie gestorben ist, mit einem Foto des Basejumpers.

Da wäre Oleg aus der Ukraine, bei dem sich der Schirm nicht öffnete. Bert, der mit seiner Freundin auf Urlaub war, als er starb. Oder jener amerikanische Arzt, der einst die Leiche des Sängers Kurt Cobain obduzierte. Er starb 2002, bei seinem 502. Sprung. Einmal machte eine Gruppe Kinder ein Picknick, als ein Basejumper von der Mürrenfluh stürzte. Der Bauer Matthias Feuz wiederum sah, wie einer ein paar Mal gegen den Berg „getätscht“ ist. Dafür solle Lauterbrunnen nicht bekannt werden, man lebt schließlich vom Tourismus. Das hat Feuz Schweizer Zeitungen gesagt, seither wird viel Wind gemacht um die Basejumper vom Lauterbrunnental. Inzwischen hat der Bauer keine Zeit mehr für Interviews, er muss heuen.

Es ist einer dieser flirrend schönen Sommertage, an denen man schon den Herbst spürt. Auf der Mürrenfluh gleitet alle paar Minuten ein gelber Schirm nach unten, der Bauer wuchtet seinen Traktor die steile Wiese hinauf und hinunter. Sammelt das Heu, macht Ballen. Fährt die Ballen weg, macht weiter auf der Wiese. Wenn nun unten einer Heu sammelt für den Winter, und oben springen sie, als ob immer Sommer wäre, dann kommt sich der unten wahrscheinlich vor wie die Ameise in der Fabel. Die sich abrackert, während die Grille den ganzen Tag zirpt.

Lesen Sie auf Seite 3, wie der Pfarrer von Lauterbrunnen zu den Todesmutigen steht.

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