Illustration: Julia Schneider
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Neugier statt Big Data Vielfalt programmieren!

Henning Beck
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Der Mensch denkt gern in Mustern – Technologien verstärken das. Und wer Neues gestalten will, im Job oder als Arbeitgeber? Der muss aus der Algorithmus-Herrschaft ausbrechen. Keine leichte Sache in digitalen Zeiten.

Mein Nachbar ist knapp vier Jahre alt und liebt das, was Kinder lieben: Pommes mit Ketchup. Man könnte meinen, dass er sich jeden Tag davon ernähren will. Seine Mutter hat neulich eine Probe aufs Exempel gewagt und ihm so häufig Pommes vorgesetzt, wie er wollte. Doch schon beim vierten Mal hintereinander hatte er die Lust daran verloren und verlangte (freiwillig!): Salat. Danach war er von seiner Pommessucht geheilt. Denn so gerne wir uns an Gewohnheiten, Muster und unser Lieblingsessen klammern, so wichtig ist für uns – im Alltag wie im Arbeitsleben – auch die Abwechslung. Zumindest manchmal.

Ein Verhalten, das jeden Amazon-Algorithmus auf die Palme bringen würde. Denn die meisten digitalen Tools, die unser Konsumverhalten auswerten, nutzen genau das aus: dass wir so gerne in Ritualen und Regelmäßigkeiten denken. Wenn wir fünf Tage lang hintereinander Würstchen mit Pommes bestellt haben, wird ein solcher Algorithmus am sechsten Tag wieder „Pommes mit Würstchen“ empfehlen. Darauf hat ein vernünftiger Mensch mit Sicherheit keine Lust mehr. Es ist die Vielfalt, die unser Leben bereichert. Doch diese zu finden fällt gerade in Zeiten in denen wir uns digital unterstützen lassen immer schwerer. Denn eine digitalisierte Arbeitswelt, die zunehmend die Macht von Algorithmen und Big Data nutzt, folgt unserem Drang nach Korrelationen und Mustern – und ist der natürliche Feind aller Abwechslung im Denken.

Musterdenken beschleunigt unser Leben enorm

Unser Gehirn ist ein Großmeister im Suchen und Erzeugen von Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten. Schon bevor wir auf die Welt kommen, hat unser Nervennetzwerk längst begonnen, wiederkehrende Muster zu erkennen. Jeder neue Reiz wird so verwertet, dass er optimal ins Denkmuster passt – ansonsten wird er passend gemacht oder verdrängt. Werden wir mit einer anderen Ansicht oder etwas Neuem konfrontiert, ist die erste Reaktion daher meistens eine Ablehnung. Schon nach einer knappen halben Sekunde, also bevor es uns also überhaupt Bewusst werden kann, geht unser Gehirn dabei in eine Abwehrhaltung und ist erstmal skeptisch ob des Neuen.

Das kann man engstirnig oder clever nennen. Auf der einen Seite wird Vielfalt und Abwechslung einer Regelmäßigkeit geopfert. Doch nur auf diese Weise sind wir überhaupt in der Lage, schnell und ohne großen Denkaufwand Entscheidungen zu treffen. Wenn Sie in diesem Moment diesen Text lesen, müssen Sie nicht groß nachdenken, wie die Schriftzeichen zusammengestellt sind, wie der Text aufgebaut ist und das Lesen funktioniert. Wenn Sie diesen Text in einer Zeitung lesen, nutzen Sie Ihr Denkmuster „Zeitunglesen“, dass Sie in jahrelanger Erfahrung immer weiter verfeinert haben. Und wenn Sie diesen Text auf einem Computerbildschirm betrachten, rufen Sie ohne groß zu überlegen das Denkkonzept „Text auf einem Bildschirm lesen“ ab.

Ein solches Musterdenken hat einen gewaltigen Vorteil: Es beschleunigt unser Leben enorm. Wir müssen nicht jedes Mal überlegen, wenn wir etwas tun, sondern können uns auf unsere Denkroutinen verlassen. Für einen Großteil unseres Lebens ist das eine wunderbare Sache, denn wer denkt schon gerne viel nach? Doch wenn man alternative Denkmuster grundsätzlich ausklammert, hat das einen hohen Preis: Man unterschätzt den Nutzen der Ideenvielfalt.

Wir hinterlassen permanent eine Datenspur

Unsere menschliche Schwäche für Gewohnheiten und Muster, also für ein eher abwechslungsarmes Leben, kann durch digitale Technologien allzu leicht nutzbar gemacht werden. Da wir in unserem Leben permanent eine Datenspur hinterlassen, ist es für Analyseprogramme kein großes Problem, unser Leben zu datafizieren und nach Mustern zu bewerten: Wir zahlen elektronisch mit Karte, sammeln beim Einkaufen Rabattpunkte, lassen uns vom GPS-System navigieren, schreiben unseren Freunden per WhatsApp, analysieren unseren Freizeitsport mit Fitnesstrackern und Smartwatches, googeln das nächstgelegene Restaurant.

Weil wir dabei die meiste Zeit unseren Ritualen und Denkmustern folgen, ist es für ein Big-Data-System leicht, anhand unseres digitalen Fußabdruckes eine ziemlich präzise Analyse unseres Lebens zu liefern. Angeblich kann man allein anhand des Einkaufsverhaltens ableiten, ob jemand schwanger ist – und schon ein paar Dutzend Facebook-Likes geben Aufschluss über die politische Orientierung.

Wir selbst befeuern dieses digitale Denken in Mustern, indem wir uns bei Spotify die Musik vorschlagen lassen, die angeblich am besten zu uns passt. Wir klicken bei Facebook auf die Meldungen, die unseren Freunden auch gefällt. Und wir wählen Medien so aus, dass deren Nachrichten möglichst gut zu unseren eigenen Ansichten passen. Eigentlich ist es paradox: Noch nie war es so einfach mit anderen Menschen und Meinungen in Kontakt zu kommen, und doch erliegen wir so oft unserer Schwäche für das Gewohnte, entscheiden uns gegen die Abwechslung, bleiben beim Altbewährten – auch, weil es uns digitale Medien so einfach machen und genau darauf spekulieren.

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