Illustration: Julia Schneider
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Barrierefreies Yoga Verkehrter Sonnengruß

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Yoga machen kann jeder: Katja Sandschneider gibt Kurse für Menschen mit und ohne Handicap.

Es hat ein bisschen gedauert, bis Katja Sandschneider herausfand, wie der Lotussitz für sie am besten funktioniert: Sie verwendet jetzt einen Yogaklotz aus Moosgummi, winkelt das linke Bein an, streckt das rechte aus. Auch den Sonnengruß hat sie für sich abgewandelt: „Ich mache ihn anders herum, ich laufe mit den Händen vorwärts statt mit den Beinen nacheinander zurück zu treten“ , sagt die 35-Jährige mit den langen blonden Haaren. Wenn sie Yoga unterrichtet, ist sie nicht die einzige, bei der sich die Übungen etwas von denen in anderen Kursen unterscheiden: „Ich habe oft vier Leute im Kurs, die vier verschiedene Sonnengrüße machen.“

Einmal pro Woche unterrichtet Katja Sandschneider, die von sich sagt „meine Orthese ist meine Lebensgrundlage“, einen barrierefreien Yogakurs. Sie ist Yogalehrerin trotz körperlicher Einschränkungen – oder gerade deswegen. Und auch viele Teilnehmenden ihrer Kurse haben ein Handicap: Einige sitzen im Rollstuhl, andere brauchen einen Rollator, wieder andere bewegen sich mithilfe von Krücken vorwärts. Eine Frau hat Handgelenksprobleme, einer ist nach einem Schlaganfall mit 40 Jahren halbseitig gelähmt, ein anderer hatte einen Rückenmarksinfarkt, eine ist kleinwüchsig, auch Glasknochen, Multiple Sklerose und Arthrose waren schon dabei. Einmal pro Woche unterrichtet sie ihren Kurs in einem kleinen Studio nahe ihrer Wohnung.

Vor etwa sechs Jahren kam die studierte Musikpädagogin, die als Büroangestellte arbeitet, zum Yoga. „Bei mir um die Ecke hatte ein Studio aufgemacht, und ich wollte es mal ausprobieren, hatte aber Hemmungen einfach so hinzugehen.“ Also rief sie die Yogalehrerin vorher an und schilderte ihr, was mit ihrem Körper los ist: Einige Tage nach ihrer Geburt hatte sie eine Blutung im Rückenmark. Als Baby war sie daraufhin komplett querschnittgelähmt. Mit drei Jahren hat sie doch noch laufen gelernt.

Sie war ganz hin und weg vom Yoga

„Inkomplette Querschnittslähmung“ nennt sich ihr Handicap heute – „das bedeutet, dass ich die Muskeln in meinem rechten Bein und meiner rechten Hüfte nur zu etwa 20 Prozent nutzen kann. Um mich fortbewegen zu können, bin ich auf Hilfsmittel wie eine Orthese oder Unterarmstützen angewiesen.“ Das Bein ist auch kürzer, sie könnte den Fuß gar nicht erst aufstellen. Das sei alles kein Problem, sagte die Yogalehrerin damals, sie solle einfach vorbeikommen und es ausprobieren.

„Von Anfang an habe ich viele Übungen abgewandelt. Es war ein kreativer Umgang damit, und wenn ich einige Hilfsmittel verwendete, konnte ich alles mitmachen. Ich war ganz hin und weg vom Yoga.“ Vorher sei sie von ihrem damaligen Job ziemlich gestresst gewesen, durch das Yoga fühlte sie sich nach kurzer Zeit „innerlich ganz ruhig, gestärkt und aufgerichtet.“ Und ihrem Rücken tat es gut. „Weil ich ja rechts keine Hüftmuskulatur habe, gleiche ich das ständig mit der Wirbelsäule und dem Oberkörper aus.“ Das führt zu Verspannungen, die nicht nur im Rücken, in den Schultern und im Nacken schmerzen, sondern bis in den Kopf ausstrahlen.

Sie war so sehr vom Yoga begeistert, dass sie selbst gern unterrichten wollte. „Ich habe dann nach Yoga für Menschen mit Einschränkungen gegoogelt. Aber damals, vor fünf Jahren wurde ich nicht wirklich fündig – zumindest nicht in Deutschland.“ In Kalifornien fand sie eine Fortbildung zum Thema „Yoga für spezielle Bedürfnisse“, an der sie teilnahm. Inzwischen gebe es aber ein internationales Netzwerk, das mit dem Begriff „Accessible Yoga“ arbeitet und damit etwa auch Yoga für stark Übergewichtige oder Häftlinge in Gefängnissen meint.

Sandschneider unterrichtet angehende Heilpädagogen und Sozialarbeiter

Sie hat auch schon in einem Krankenhaus mit Parkinson-Patienten Übungen gemacht und gibt Workshops für Assistenten, die Schwerstbehinderte im Alltag begleiten. Wer die Arme nicht selbst bewegen kann, bei dem heben die Helfer sie zum Beispiel. „Im Rollstuhl ist man in einer Position eingesperrt, und das ist fatal. Es ist wichtig, dass die Gelenke bewegt werden und das Blut auch mal in die andere Richtung fließt.“ Seit April unterrichtet Sandschneider zudem ein Mal pro Woche angehende Heilpädagogen und Sozialarbeiter an einer privaten Hochschule darin, wie sie barrierefreies Yoga in ihrer späteren Arbeit verwenden können. „Ich sehe mich als Botschafterin dafür, dass wirklich jeder Yoga machen kann.“

In ihrem Hauptberuf als Assistentin der Geschäftsführung bei einem Forschungsinstitut arbeitet sie 30 Stunden. „Die Balance ist super. Vom Yoga allein zu leben, ist sehr schwer.“ Es macht einen Großteil ihres Alltags aus: Morgens steht sie meist um sechs Uhr auf, um noch Zeit für eine halbe Stunde Yoga zuhause zu haben, ein- bis zwei Mal pro Woche besucht sie eine Stunde als Teilnehmerin. „Yoga ist auch deshalb hilfreich, weil man lernt, auf seinen Körper zu hören und seine Grenzen zu respektieren. Ich muss aber noch besser lernen, dass ich mir und anderen nicht immerzu beweisen muss, dass ich trotz Behinderung alles kann.“

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