Das Hotel The Standard steht auf Stelzen über der High Line. Foto: Laif
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Die Stadt New Yorks grüner Laufsteg

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Früher fuhren auf dieser Hochbahn Schweinehälften und Tiefkühlputen durch Manhattan. Heute entsteht auf dem Viadukt ein umwerfend schöner Park

Der New Yorker schlendert nicht, er jagt im Dauerlauf. Selbst wenn er mal flanieren wollte, er könnte es nicht: Alle anderen würden ihn über den Haufen rennen. Zeit ist hier so kostbar wie Raum, der größte Luxus, den man sich mit Geld kaufen kann. Die viel beschworene Entschleunigung ist so ziemlich der einzige Trend, den New York weder erfunden noch mitgemacht hat. Manhattan lebt von seiner elektrisierenden Energie. Hier stehen alle unter Strom.

Und jetzt das: Lächelnd spazieren die Eingeborenen auf der High Line zwischen Touristen aus aller Welt, zwischen Blumenwiesen und Birkenwäldchen herum und bestaunen ihre eigene Stadt. Bleiben stehen, um den Blick auf den Hudson River zu genießen und auf die Schlucht der 14. Straße herabzugucken, beobachten die Shoppingwütigen im Meatpacking District. Sie legen sich auf die Holzliegen, die eine eigene Landschaft bilden, und gucken der Sonne beim Untergehen zu. Angestellte machen Mittagspause hier, eine Mutter füttert ihr Baby, ein kleiner Junge klettert über die Bänke, ein Hochzeitspaar lässt sich fotografieren. Studenten lesen, Jugendliche hocken herum, ein Mann hat seine Schuhe ausgezogen und ordentlich nebeneinandergelegt, mit geschlossenen Augen lauscht er der Musik aus seinem Kopfhörer.

„Wow!“ ruft ein junger Mann, als er mit seiner Freundin eine der Treppen zur High Line hochsteigt und den ersten Blick erwischt. Das Wow-Gefühl will gar nicht weichen. Selbst die abgebrühtesten Kritiker lassen sich von diesem langgestreckten Dachgarten bezaubern: „einer der schönsten Parks der Welt“, jubelte die „Süddeutsche Zeitung“ nach der Eröffnung. „Wie ein fliegender Teppich, der durch die Stadt treibt“, fand die „Financial Times“. Und tatsächlich hat die High Line etwas Magisches. Als ginge man durch die Luft, auf du und du mit dem dritten Stock. Man schwebt über dem Getümmel Manhattans, an dessen südwestlichem Rand. Die für Trends jeder Art zuständige Zeitschrift „Wallpaper“ ernannte den neuen Park zum „Life Enhancer of the Year“: der Lebensverbesserer des Jahres.

Die High Line: ein Sommermärchen. Im letzten Juni eröffnet, erlebt sie gerade ihren zweiten Sommer.

Dabei sollte es die Hochbahntrasse, 1930 für den Gewerbelieferverkehr vor allem im Meatpacking District angelegt, eigentlich gar nicht mehr geben. Investoren waren scharf auf das kostbare Bauland, das das ungenützte und von den meisten unbeachtete Viadukt blockierte. Der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani hätte ihnen gern den Gefallen getan und es abgerissen. Nachdem 1980 die endgültig letzten drei Waggons, gefüllt mit Tiefkühlputen, über die Schienen geruckelt waren, war die Anlage für den Güteranliegerverkehr doch überflüssig. Das südliche Ende, in SoHo, war schon in den 60er Jahren verschwunden.

Aber dass auch der große Rest dieses Stücks New Yorker Industriegeschichte, der von der Gansevoort Street im Meatpacking District durch Chelsea bis zur 34. Straße, auf der Höhe von Penn Station führt, plattgemacht werden sollte, hat zwei Anwohner aus der Nachbarschaft, Joshua David und Robert Hammond, auf die Barrikaden gebracht. 1999 gründeten der Journalist und der Künstler den Verein „Friends of the High Line“, der heute auch den Park pflegt und betreibt – unter der Obhut des Park Departments der Stadt, der die Anlage gehört. Eine Bürgerinitiative in der Hauptstadt der Individualisten: Schon allein das ist eine Sensation.

Die beiden Initiatoren, die heute noch aktiv sind und im Aufsichtsrat des Freundeskreises sitzen, kümmerten sich bald full time um ihr Projekt.

Zehn Jahre nach dem Start wurde der erste Abschnitt, von der Gansevoort Street bis zur 20. Straße in West Chelsea eröffnet; eigentlich sollte noch in diesem Jahr der zweite Teil, bis zur 30. folgen, aber wegen des harten Winters und noch fehlender Gelder wird er erst im nächsten Jahr fertig sein. Und noch wird um den nördlichsten Teil, zwischen 30. und 34. Straße westlich von Penn Station gekämpft; immerhin: Gerade haben die Abgeordneten der Stadt grünes Licht erteilt, auch die letzte Strecke zu übernehmen.

Bei der Diskussion, wie man die Strecke retten könnte, gab es verschiedene Ideen zur Weiternutzung: als riesiger Spielplatz, gigantische Achterbahn, als Schwimmbad. Die Entscheidung für die Grünanlage, in Manhattan jenseits des Central Parks eine Rarität, war ein Glücksfall.

„Keep it simple, keep it quiet, keep it slow“: Das waren die Vorgaben des Architekturwettbewerbs. Auf geniale Weise haben die Landschaftsarchitekten von James Corner Field Operations zusammen mit dem Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro es geschafft, den Genius loci zu respektieren und zu bewahren, und doch etwas ganz Neues, Modernes und sehr Ästhetisches zu schaffen. Das Design, ob von Abfalleimern oder Sitzplätzen, ist so dezent wie elegant.

Die für einen Park – und für das in die Höhe gewachsene New York – ungewöhnliche langgestreckte schlanke Form wird zum Beispiel nicht überspielt, sondern betont; die Betonplanken erinnern an Gleise und Holzschwellen. Bänke scheinen aus dem Boden zu wachsen, als würde eine Holzschwelle sich aus dem Gleis erheben. Die Bepflanzung, entworfen von dem holländischen Gartendesigner Piet Oudolf, lehnt sich mit den vielen Gräsern und Birken an das alte Biotop an, als die Natur sich die jahrzehntelang brachliegende Industrieruine zurückerobert hatte. Die Mehrzahl der Pflanzen sind echte New Yorker, einheimische Spezies und robust. Und mit der Zeit wird das alles immer wilder aussehen. Dabei ist das Ganze „ein riesiges Experiment“, wie der junge Gärtner Kaspar Wittlinger sagt. Denn noch weiß niemand, wie Büsche und Bäume sich in den flachen Beeten entwickeln werden.

Die Wiese blüht, ein Beet sieht aus wie eine große rosa Wolke, am Gitter ziehen sich Clematis und Geißblatt hoch, und im Feuchtgebiet zeigt „Handsome Harry“ sich von seiner schönsten Seite. Das muss er auch, denn die Konkurrenz ist groß: der Hudson, die Skyline, die Hotelgäste, die sich vor den Augen der Spaziergänger ausziehen oder tanzen – die Panoramafenster des Standard sind sehr durchsichtig. Das Design-Hotel, ebenfalls im letzten Jahr eröffnet und bei Schauspielern, Künstlern und Modeleuten besonders beliebt, steht wie auf Stelzen über der Hochbahntrasse. Schon aus der Ferne gut zu sehen, ist es zu einer Art Leuchtturm für den Park geworden.

Die High Line ist ein durch und durch urbaner Park, fast eine Stadt in der Stadt – einige Ecken tragen sogar Namen wie Chelsea Grasslands, und vom 10th Avenue Square aus erblickt man in der Ferne die Freiheitsstatue. Der Park macht die Stadt zur Bühne. Touristen und Einheimische, die über den nur etwas mehr als zwei Kilometer langen Laufsteg wandeln oder sich auf die Bänke setzen, sind Zuschauer und Schauspieler zugleich. Was sie sehen, ist das New York-typische architektonische Sammelsurium an Solitären, darunter ein paar Gebäude von Stars wie Jean Nouvel und Frank Gehry, dazwischen ein von Graffiti besprühtes verrammeltes Haus, Parkplätze, auf denen die Autos übereinandergestapelt werden, ein bunkerähnlicher gigantischer Klotz, in dem die New Yorker all die Möbel, Kleider und Bücher lagern können, für die sie in ihren winzigen überteuerten Wohnungen keinen Platz haben. Was ins Auge sticht: wie braun New York ist – überall Backsteingebäude. Dem Auktionshaus Philipps de Pury kann man in die Fenster gucken und Klassiker der Moderne bewundern, demnächst gibt’s noch mehr Kunst zu sehen: Renzo Piano baut am unteren Ende der High Line einen Ableger des Whitney Museums, ein paar Schritte entfernt von einem der allerletzten fleischverarbeitenden Betriebe der Gegend. Von oben hat man einen freien Blick auf dessen Parkplatz, auf dem gerade Berge von Fleischabfall auf einen Laster geschüttet werden.

Zu den genialsten Ideen gehört das Amphitheater. Am Fuße der Bänke, wo normalerweise die Bühne wäre, ist ein riesiges Fenster: Das Publikum guckt dem Verkehr beim Rollen zu. Auf dieser Bühne hat New Yorks amtierender Bürgermeister Michael Bloomberg, ein Freund und Förderer der Fußgänger in New York, den „Friends of the High Line“ vor ein paar Wochen eine von inzwischen zahlreichen Auszeichnungen überreicht.

Pattey Hefley, die in einem alten Backsteinhaus an der 20. Straße ganz dicht an der High Line wohnt, hat auf ihrer Feuerleiter eines Nachts sogar ein eigenes Theater aufgeführt, das Renegade Cabaret. Auch die Wildnis ist natürlich eine bühnenreife Illusion, eine Inszenierung, genau wie die erhaltenen Bahnanlagen. Selbst wenn die Gleise so aussehen, als seien sie einfach liegen geblieben – um die Trasse zu nutzen, musste sie erst mal sorgfältig auseinandergenommen, gesichert und mit Sandstrahl gesäubert werden. Selbst der Schotter zwischen den Gleisen ist künstlich hergestelltes Vulkangestein.

Morgens scharren die Jogger schon mit den Füßen, bevor Treppen und Aufzüge sich um Punkt sieben öffnen, abends um zehn müssen Liebespärchen sanft aus der romantischen, angestrahlten Umgebung herauskomplimentiert werden.

Sicher ist der sehr ästhetische Park Teil des massiven Gentrifizierungsprozesses, den der Meatpacking District und Chelsea seit einigen Jahren durchmachen. Die meisten der einst 350 fleischverarbeitenden Betriebe sind geschlossen, wurden durch schicke Lofts, Hotels, Restaurants, Boutiquen, Galerien und Ateliers ersetzt. Junkies und Prostituierte sind längst verschwunden.

Aber was die Promenade angeht, ist es eine Gentrifikation für jedermann.

Auch anderswo werden aus stillgelegten Bahngleisen Parkgelände oder sollen es werden, etwa in Berlin. Aber in New York ist das eine Sensation: Eine kommerzfreie Zone in einer Stadt, in der jeder Schritt einen Dollar kostet, wo man selbst im teuersten Restaurant nach dem letzten Bissen quasi rausgeworfen wird, weil man mit dem satten Gast kein Geld mehr verdienen kann. Der Eintritt zur High Line ist frei, und wenn hier ein Orchester trompetet, was das Zeug hält, kostet das nichts extra. Im Café stehen Tische und Stühle bereit, aber jeder kann sich sein Picknick selber mitbringen; so wie die drei munteren älteren Damen aus Pennsylvania, die sich ihren Ausflug in die große Stadt mit Cupcakes und Sandwiches und Weißwein versüßen. Praktischerweise liegt direkt unter den Gleisen der Chelsea Market mit Feinkostgeschäften und Cafés. Hier oben gibt ein paar ausgesuchte fliegende Händler, die zeitlich begrenzte Konzessionen erhalten, Sandwiches oder Wassereis anbieten.

Womit der Verein allerdings nicht gerechnet hatte: dass es sehr viel einfacher sein würde, die Reichen für diesen neuen öffentlichen Raum zu begeistern als die Armen. So hat die Modemacherin Diane von Fürstenberg, die zu Füßen der Hochbahn eine Boutique betreibt und selber in der Nachbarschaft wohnt, im letzten Jahr fünf Millionen Dollar gestiftet. Die Bewohner der nahe gelegenen Sozialwohnungsbaukomplexe zeigen sich eher desinteressiert, fühlen sich offenbar ausgeschlossen. Vielleicht ist das nur auf den ersten Blick überraschend: Wer in einer engen, dunklen Wohnung im Hochhaus wohnt, möchte vielleicht nicht gesittet durch einen Designer-Park lustwandeln, sondern lieber toben, grillen, Decken ausbreiten, Frisbee spielen, Fahrrad fahren. Und all das ist hier verboten, um die Oase so friedlich und gepflegt zu halten, wie sie ist. „Keep it wild“, bittet ein Schild. „Keep on the path.“ Vielleicht weckt das Wort „Park“ auch falsche Erwartungen, sollte man eher von einer grünen Promenade sprechen, auf der der gehetzte New Yorker einmal kurz Atem holen kann.

Für die Gärtner ist der Park eine ähnliche Herausforderung wie er es für die Gestalter war. Denn so kurz die im Moment zugängliche Strecke ist, führt sie doch, wie der Gärtner Kaspar Wittlinger sagt, durch verschiedene Klimazonen. Wo keine Häuser stehen, fegt der Wind ungebremst vom Hudson über die Wege. An manchen Stellen sind Pflanzen und Menschen der prallen Sonne ausgesetzt, an anderen ist es schattiger, auch stiller.

Vor ein paar Wochen ehrte die Rockefeller Foundation die beiden bis heute aktiven Gründerväter Joshua David und Robert Hammond für ihr Engagement, das, wie es in der Begründung heißt, „neue Wege schafft, New York City zu sehen und zu verstehen, das traditionelle Ansichten infrage stellt und die urbane Umgebung kreativ nutzt, um New York City zu einem Ort der Hoffnung zu machen“.

Die High Line ist wie der sanfte Triumph des Guten über das Böse, nicht nur des Gemeinwohls über den Kommerz, auch über den 11. September – die Twin Towers standen nicht weit von hier – und über alles, was danach im Namen der Terrorismusbekämpfung passierte. Wie eine Kuratorin merklich erleichtert seufzt: „Da hat Amerika mal was richtig gemacht.“

Die Friends of the High Line haben eine hervorragende Website, die auch über Veranstaltungen und Führungen informiert: www.thehighline.org. Der Fotograf Joel Sternfeld hat die Hochbahntrasse ein Jahr lang in ihrem wilden Zustand festgehalten. Sein Band „Walking the High Line“ ist im Göttinger Steidl Verlag erschienen.

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