Unser Experte Klaus-Jürgen Lind­stedt ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit eigener Praxis in Berlin-Wilmersdorf. Foto: Promop

Burnout Mehr als ausgebrannt

0 Kommentare

Ausweichdiagnose, überstrapaziertes Schlagwort, Modeerkrankung? Burnout steht immer wieder in der Kritik. Doch die Beschwerden der Betroffenen sind echt - und oft behandlungsbedürftig.

Überstunden, Kinderbetreuung, Behördengänge, dazu ständige Erreichbarkeit via Internet und Smartphone - das Leben kann manchmal sehr anstrengend sein. Doch während viele Menschen diese Belastungen des Arbeits- und Familienlebens scheinbar mühelos - oder zumindest relativ gut - meistern, hinterlassen sie andere auf lange Sicht gestresst, kraftlos und leer. Ausgebrannt.

Für diesen Zustand hat sich ein Begriff eingebürgert: Burnout. Seit Jahren geistert er durch die Medien, steht für Menschen, die überarbeitet sind, die sich übernommen haben, die an ihre Grenzen gekommen sind - und die nun einfach nicht mehr können. Die erschöpft sind und überlastet.

Burnout passt dabei sehr gut in diese Zeit, in der Leistung so viel zählt. Denn wer ausgebrannt ist, muss vorher für etwas gebrannt haben, heißt es. »Manager-Krankheit« wird Burnout deshalb häufig auch genannt. Um diese vermeintlich gut situierte Kundschaft herum ist ein riesiger Markt erwachsen: Ratgeber-Literatur und Bekenntnis-Bücher prominenter Betroffener, Präventionskurse, Entspannungsseminare - all das nährt den Mythos einer Krankheit der Erfolgreichen.

Dabei sind es eben nicht nur Vorstandsvorsitzende, Spitzenmanager oder TV-Berühmtheiten, die die Erschöpfungssymptome zeigen. Sondern vor allem Menschen, die in Teilzeit arbeiten, sowie Rentner, Studenten - und auch Arbeitslose. Nur lässt sich mit diesen eben nicht so viel Geld verdienen. Auch deshalb steht das Burnout immer wieder in der Kritik: als Modeerkrankung, als lukratives Geschäft für Arztpraxen, Anbieter von Coachings und andere.

Dennoch gilt: Die Erschöpfung, die viele Menschen verspüren, die damit verbundene Leere und Lustlosigkeit sowie die körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Probleme - all das ist für die Betroffenen kein modisches Accessoire, sondern real. Und damit meist auch behandlungsbedürftig - unabhängig davon, ob man ihr Leiden nun Burnout nennt oder nicht.

Was bedeutet Burnout?

»Allgemein versteht man unter einem Burnout einen bestimmten psycho-physiologischen Zustand«, sagt Klaus-Jürgen Lindstedt, niedergelassener Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Berlin-Wilmersdorf. Dieser Zustand mache sich durch emotionale Erschöpfung bemerkbar, Energiemangel, verschiedene körperliche Beschwerden und häufig auch durch Niedergeschlagenheit. Hinzu käme eine zunehmende innere Distanzierung von der eigenen Arbeit, die Betroffenen seien meist frustriert oder auch zynisch. Ein drittes Merkmal sei dann eine wachsende Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung, die sich auch in einem tatsächlichen Abfall der Arbeitskraft zeigen könne.

Deshalb gelte: »Nicht jeder, der mal erschöpft ist, hat auch gleich ein Burnout.« Auch wenn - oder gerade weil - diese Bezeichnung vielen sehr schnell von der Hand gehe. Geprägt hat den Begriff der New Yorker Psychotherapeut Herbert Freudenberger: In den 1970er Jahren beschrieb er damit einen Zustand, den er bei überengagierten Menschen in sozialen Berufen beobachtet hatte: Sie fühlten sich müde, überfordert und lustlos, hatten körperliche Probleme wie beispielsweise Rückenschmerzen. Dies sind auch heute noch die Grundzüge des Beschwerdebildes.

Dahinter steht die Idee, dass eine Arbeitssituation mit ihren Anforderungen, ihren Enttäuschungen und zwischenmenschlichen Querelen einen Menschen krank machen kann. »Mit der Zeit wurde die Idee vom krank machenden Stress dann von den sozialen Berufen auf andere Bereiche übertragen, insbesondere auf die Wirtschaft«, sagt Lindstedt. »Und schließlich auch auf das Privatleben.«

Ein entscheidendes Element des Burnout ist laut Lindstedt vor allem dieses: Der Leistungsgedanke. »Menschen, die Leistung als sinnstiftend und als Maßstab des eigenen Wertes ansehen, sind besonders gefährdet, ein Burnout zu erleiden.« Denn sobald sie die eigenen Ansprüche nicht mehr erfüllen könnten oder ihre Leistungen von anderen nicht mehr ausreichend wertgeschätzt würden, wandle sich der positive Stress, den sie bei ihren Tätigkeiten empfänden, in einen negativen, krank machenden. »Einige Patienten zeigen auch so etwas wie eine Leistungssucht«, sagt Lindstedt. »Sie können nicht loslassen, gönnen sich keine Pause, grübeln unentwegt über ein mögliches Versagen nach.« Die Folgen von solch übersteigerten Ansprüchen und Anstrengungen: Verausgabung, Überforderung, emotionale Erschöpfung. Bis zum Zusammenbruch.

Unser Experte Ulrich Hegerl ist Klinikdirektor in Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Foto: Promop

Welche Kritik gibt es an dem Konzept?

Auch wenn Burnout medial stark präsent und in aller Munde ist: Es existiert nach wie vor keine eindeutige Definition des Beschwerdebildes. »Burnout ist weder eine international anerkannte Diagnose noch gibt es klare Kriterien, mit deren Hilfe er festgestellt werden könnte«, sagt Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Das bedeute: »Im Grunde kann jeder unter Burnout das verstehen, was er möchte.«

Und tatsächlich liegt es vor allem im Ermessen eines Arztes, die Beschwerden seines Patienten als Burnout zu benennen. Denn den einzigen »offiziellen« Anhaltspunkt, worum es sich beim Burnout handelt, liefert die sogenannte »Z-Kategorie« des ICD-10, des Klassifikationssystems der Weltgesundheitsorganisation für Krankheiten: Dort finden sich Zusatzdiagnosen, die zwar keine eigenen Krankheiten darstellen, aber dennoch den Gesundheitszustand eines Menschen beeinflussen und möglicherweise eine Behandlung rechtfertigen. Burnout firmiert hier unter der Kategorie Z73, »Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung«.

In den vergangenen Jahren wurden diese Probleme bei immer mehr Menschen festgestellt, meist gemeinsam mit anderen Beschwerden wie Depressionen, Angststörungen oder auch Rückenschmerzen. Und immer häufiger führten sie somit auch zu Krankschreibungen: Nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer verachtfachte sich der Anteil der Arbeitsunfähigkeitsbescheide, die auf Burnout als einzigen oder zumindest beteiligten Auslöser zurückgingen, zwischen 2004 und 2011 - allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau: Von 5 Krankschreibungsfällen je 10 000 Versicherte im Jahr 2004 auf 40 im Jahr 2011.

Somit gilt Burnout vielen als Modeerkrankung: Als ein Leiden, das perfekt passt in eine Zeit und Kultur, in der vor allem Leistung zählt und Stress allgegenwärtig ist. »Viele Menschen fühlen sich dadurch überfordert und erschöpft«, sagt Psychiater Hegerl. Mit dem Label »Burnout« erscheine ihnen diese vermeintliche Schwäche dann gesellschaftlich akzeptierter. Oft stecke hinter ihren Beschwerden jedoch mehr als nur Überarbeitung: »Die meisten Burnout-Patienten leiden eigentlich an Depressionen«, sagt Hegerl.

Andauernde Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle, Schlafstörungen und Hoffnungslosigkeit, dazu hohe, an die eigene Leistung geknüpfte Ansprüche an sich selbst - all dies sind laut Hegerl vor allem Anzeichen von Depressionen. Das Burnout sei daher meist nur eine Ausweichdiagnose, die die eigentliche Krankheit mit einer scheinbar weniger stigmatisierten maskiere - und die Beschwerden außerdem einem äußeren Anlass, also dem Stress, zuschreibe. Dies erleichtere es zwar vielen Betroffenen, sich Hilfe zu suchen und eine psychische Beeinträchtigung einzugestehen. »Insgesamt hilft es jedoch nicht, eine Depression anders zu nennen«, meint der Psychiater Hegerl. »Im Gegenteil: Es kann sogar schaden. Vor allem, wenn es um die Behandlung geht.«

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Zunächst einmal: nichts. Zumindest solange, wie ihre Beschwerden ernst genommen werden sowie korrekt untersucht und diagnostiziert. Denn auch wenn Burnout kein eigenes Krankheitsbild ist - was in der Regel die Voraussetzung dafür bildet, dass die Krankenkassen die Kosten einer Behandlung übernehmen - steht ihnen natürlich ärztliche Hilfe offen. »Bisher werden die Burnout-Beschwerden meist unter dem Label Depression geführt und können darüber abgerechnet werden«, sagt der Berliner Psychosomatiker Lindstedt.

Wichtiger als die Finanzierung einer Therapie ist aber wahrscheinlich die Behandlung selbst. Und hier können sich laut Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe Probleme ergeben: »Nicht jeder, der erschöpft ist, braucht auch tatsächlich eine Behandlung«, sagt er. Bei einer reinen Überarbeitung, die mit zu wenig Schlaf einhergeht, reiche es oftmals aus, diese beiden Faktoren zu beheben, beispielsweise durch einen Urlaub und ordentliches Ausschlafen. »Steckt hinter den Beschwerden jedoch eine Depression, wäre dies genau der falsche Weg«, sagt Hegerl. »In diesem Fall kann sich der Zustand des Patienten dadurch sogar noch verschlimmern.«

Denn Menschen mit Depressionen nehmen ihre Krankheit in den Urlaub mit, können selbst unter Palmen nicht plötzlich gelöste Lebensfreude empfinden - und sind dadurch oft zusätzlich enttäuscht und erschüttert. Ähnliches gilt beim Schlaf: »Auch wenn Depressive sich häufig müde und erschöpft fühlen, haben Untersuchungen gezeigt, dass nicht mehr Schlaf, sondern vielmehr zeitweiser Schlafentzung sich positiv auf ihre Stimmung auswirkt«, sagt Hegerl. Darüber hinaus seien im Falle einer Depression meist noch weitergehende Therapien notwendig, gegebenenfalls auch medikamentöse.

Insgesamt sollte sich die Therapie bei Burnout-Patienten auch auf den übersteigerten Leistungsgedanken und die meist dahinterstehenden Selbstzweifel beziehen, sagt Psychosomatiker Lindstedt. »Wer seinen Selbstwert vor allem daran festmacht, was er im beruflichen oder privaten Umfeld leistet und wie viel Anerkennung er dafür von seinem Umfeld erfährt, muss sich stark umorientieren.« Er müsse lernen, seinen inneren Wert und seine Bestätigung aus anderen Quellen zu schöpfen. Stark eingefahrene Denkmuster zu verlassen, sei jedoch meist ein sehr langwieriger Prozess. Um diesen in Gang zu setzen, sei es wichtig, den Betroffenen aus seinem Leistungsdruck herauszunehmen. »Dafür ist beispielsweise eine Reha gut geeignet.« Zu dieser seien viele Patienten aber erst bereit, wenn sie völlig am Ende seien. Dabei ist auch bei Erschöpfung frühe Hilfe möglich - ob nun wegen eines Burnout oder einer Depression.

Mehr zum Thema lesen Sie im Magazin für Medizin und Gesundheit in Berlin "Tagesspiegel Gesund".

Weitere Themen der Ausgabe: Faktencheck. Spannende Infos über Geist und Seele; Du hast doch `ne Meise. Ab wann ist die Psyche wirklich krank?; Hirnforschung. Was die Neurowissenschaft kann und was nicht; Psychosomatik. Körper und Geist sind eine untrennbare Einheit; Der Weg zur Heilung. Ambulant, stationär, Reha? Der Navigator weist den Behandlungsweg; Hilfe in der Lebenskrise. Berliner Adressen für den Notfall. Medikamente. Wirkung, Nutzen und Risiken von Psychopharmaka; DEPRESSIONEN: Raus aus der Blase. Der Rückweg ins Leben kann gelingen; Trotzdem gut leben! Eine Betroffene berichtet aus ihrem Alltag; Winterdepression. Wie künstliches Licht gegen saisonale Stimmungstiefs hilft; BURNOUT: Abgeschaltet. Eine Skisprunglegende spricht über Sport und Krankheit; Ausgebrannt. Ein Comedian erzählt über die dunkle Seiten des Erfolgs; SUCHT: Leben ohne Drogen. Eine Entwöhnung ist harte Arbeit; Kinder von Süchtigen. Ein Bilderbuch thematisiert die Wirkung der Alkoholsucht auf die Familie; Rauschgift. Welche Drogen es gibt und wie sie wirken; SCHIZOPHRENIE: Reizflut. Wenn der Dopaminhaushalt im Hirn aus den Fugen ist; Familienangelegenheit. Autorin Janine Berg-Peer über das Leben mit einer schizophrenen Tochter; PSYCHISCHE STÖRUNGEN: Angstfrei leben. Eine krankhafte Furcht ist heilbar; Arztbrief. Wie Zwangsstörungen therapiert werden; Essstörungen. Wenn der Genuss verloren geht; SCHLAFSTÖRUNGEN: Selbstversuch. Schlummern im Labor; Traumforschung. Was unser nächtliches Kopfkino verrät; SERVICE: Kliniken und Ärzte im Vergleich; Kolumne. Helmut Schümann rät, die Psyche ernst zu nehmen

Zur Startseite