Auf der Bildfläche. Durchaus freudig spricht Karamba Diaby von den vielen unzerstört gebliebenen Wahlplakaten mit seinem Konterfei. Foto: John Macdougall/AFPp

Bundestagswahl "Es ist wieder härter geworden"

Helmut Schümann
20 Kommentare

Haut ab! Die Wütenden werden wieder lauter. Was der SPD-Abgeordnete Karamba Diaby besonders zu spüren bekommt.

Doktor Diaby ist sich eigentlich ziemlich sicher, wieder in den Bundestag gewählt zu werden. Die Zuversicht hat gute Gründe. Der Bildungspolitiker, auch Mitglied im Ausschuss für Forschung und – begrifflich etwas sperrig – Technikfolgenabschätzung und Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, ist in seinem Wahlkreis 72 so etwas wie ein kleiner Star. Schulterklopfen hier, aufmunternde Worte dort, Zuspruch allerorten, freundlicher Zuspruch, herzlicher Zuspruch.

So weit, so gut, so wenig ungewöhnlich für einen Politiker, der seit 2013 für die SPD im Bundestag sitzt, mit keinem Fehler aufgefallen ist und unumstritten. Nur, dass Karamba Diaby schwarz ist – wie die Nacht, hätte man früher völlig unbekümmert gesagt. Was aber abwertend klingt und damit im Grunde eine rassistische Bemerkung ist, immer schon, aber auch und gerade in Deutschland 2017.

Karamba Diaby kandidiert im Wahlkreis 72, das ist Halle an der Saale, und diese schöne Stadt ist nach Erkenntnissen der Extremistenbeobachter einer der dunklen Flecken Deutschlands, ein Zentrum brauner Kriminalität in Sachsen-Anhalt.

„Es ist wieder härter geworden“

Im Juli hat die Identitäre Bewegung in unmittelbarer Nähe der Universität eine Begegnungsstätte eröffnet. Vier Stockwerke für WGs, an der Fassade hängt ein Banner, „Halle ist nicht Hamburg. Patriotismus statt Linksextremismus“. Im Mai griffen Rechtsradikale eine Gruppe Jugendlicher an, die neben einem Infostand „Bündnis gegen Rechts“ standen, und schlugen mit Eisenstangen zu. Und gerade erst ist ein 17-Jähriger vom Hallenser Landgericht zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren verurteilt worden, weil er im vergangenen Jahr einen Studenten mit neun Messerstichen schwer verletzt hatte.

In dieser Gesamtkonstellation wird Karamba Diaby zu einer Projektionsfigur für die innere Befindlichkeit der Republik zehn Tage vor der Wahl. Die vermeintlichen Wutbürger, von denen die Öffentlichkeit hat annehmen können, dass sie sich in den Monaten zuvor ein wenig verlaufen haben, „ja“, sagt Diaby, „sie melden sich wieder, es ist wieder härter geworden, auch hier in Halle.“

Karamba Diaby ist Deutscher durch und durch, hat seit 2001 die alleinige deutsche Staatsbürgerschaft.

Die NPD beschimpft ihn als „Schwarzen Affen“

Ist Hallenser durch und durch, lebt seit 31 Jahren in der Stadt, hat sie „höchstens mal vier Wochen am Stück verlassen, Heimat ist Halle, Halle ist meine Heimat.“

Er hat hier Chemie studiert und seinen Doktor gemacht, hat sich hier verliebt, geheiratet, zwei Kinder, „Mischlinge“, wie er sagt, einen Sohn, zehn Jahre alt, eine Tochter, 22 Jahre alt, er kennt jeden Stein in der Stadt, jeden Grashalm am Ufer der Saale, und in der Innenstadt offensichtlich jeden Menschen.

An einem Spätsommertag im September bekommt Diaby gleich nach dem ersten Wahlkampfauftritt beim „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“ vor der Autofahrt zum nächsten Termin noch schnell ein Schreiben durchs Fenster gereicht, das er unterschreiben muss und soll und will: eine Anzeige gegen die NPD, die ihn auf einer ihrer Facebook-Seiten rassistisch angepöbelt hat, „Schwarzer Affe“, „Volksverräter“ steht da unter anderem. „Solche Anzeigen stelle ich nahezu wöchentlich einmal“, sagt Diaby.

In der Innenstadt kann er sich unbehelligt bewegen

Wiederum andererseits kommentiert er durchaus freudig die unzerrissenen Wahlplakate mit seinem Konterfei. Deren Verunglimpfung dürfte allerdings für seine Gegner eine ziemliche logistische Herausforderung darstellen, ohne höhere Leiter ist an Diabys Abbild wohl nicht heranzukommen. „Na ja“, sagt er, „in den Außenbezirken der Stadt und im ländlichen Wahlkreis wurde mir schon ein Hitler-Bärtchen angemalt.“ Was ein bisschen einen Blick auf die Denkfähigkeit der Rassisten und Faschisten wirft.

Durch die Innenstadt kann Diaby unbehelligt spazieren, ohne Pöbeleien, ohne Anfeindungen oder gar körperliche Attacken. Halle ist hier multikulturell, studentisches Milieu, bildungsbürgerlich im Geburtsort von Georg Friedrich Händel.

Auf dem Weg zur SPD-Zentrale, dem nach dem Widerstandskämpfer und in Berlin-Plötzensee von den Nazis umgebrachten Adolf Reichwein benannten Haus, sagt Diaby mehrmals „ah, Moment, da muss ich schnell noch guten Tag sagen.“ Und dann begrüßt er einen türkischstämmigen Gastwirt, „meine Stimme hast du“, sagt der. Diaby begrüßt andere erkennbare Migrationshintergründler, bleibt kurz am Stand des Freiwilligendienstes stehen und gibt in einer lustigen Szene zwei Schülern Auskunft. Die sprechen ihn an, weil sie einen Schulauftrag zur Erkundung der Stadt auszuführen haben, sie kennen ihn natürlich, den SPD-Politiker, und fragen nach dem Weg zur CDU-Zentrale. „Das fragt ihr mich“, sagt Diaby, lacht, er lacht überhaupt gerne, und erklärt exakt den Weg. „Und dann kommt ihr zum Reichweinhaus, oder?“ Die Schüler grinsen ein wenig verlegen, „wir dürfen ja noch nicht wählen, aber wenn, dann Sie.“ Diaby lacht wieder.

Zur Startseite