Tanz im Raum. Ausschnitt der Ausstellung mit einem Aquarell von María Magdalena (links). Foto: Jens Ziehe
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„Black Matters“ in der Galerie Thumm Das berühmte Wir

Matthias Reichelt
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Gegen Rassismus und die Dominanz weißer Kulturgeschichte: Die Galerie Thumm in Berlin präsentiert in der Ausstellung „Black Matters“ Arbeiten schwarzer Künstlerinnen und Künstler.

Es ist eher die Ausnahme, dass eine Galerie eine Ausstellung mit Künstlern organisiert, die sie nicht in ihrem Programm vertritt. Barbara Thumm hat dies für ihre aktuelle Schau „Black Matters“ getan und den renommierten, in den Vereinigten Staaten lebenden Kurator Octavio Zaya für eine Kooperation gewonnen.

Empörung über die Zunahme eines tödlichen Rassismus in den USA und auch in Europa einerseits und gleichzeitig das gestiegene Interesse an afrikanischer und afroamerikanischer Kunst andererseits können als Beweggründe gelten, eine Ausstellung sieben ausschließlich schwarzen Künstlerinnen und Künstlern zu widmen. Gleich im Eingangsbereich setzt Dread Scott ein radikales Zeichen mit seinem Foto-Triptychon von 2011, das die Verbrennung der US-Verfassung zeigt. Die formelhaften Rühmung der ältesten Demokratie der Gegenwart übergeht stillschweigend, dass das berühmte „Wir“ ihrer Verfassung auf der Exklusion der indigenen Völker wie auch versklavter Afroamerikaner beruhte und diese Kapitel bis heute kaum aufgearbeitet sind.

Vielschichtige Interferenzen

Radcliffe Bailey verarbeitet in seinen Bildern Fotografien, Notenblätter und Reproduktionen alter Stiche und überzieht diese Dokumente mit Malerei. Reminiszenzen an eine nicht abgeschlossene Vergangenheit durchdringen seine Bilder und führen zu vielschichtigen Interferenzen. Bailey schöpft aus dem Fundus schwarzer Geschichte; in seinen Gemälden überlagern sich afrikanische Wurzeln und die bitteren Erfahrungen der Sklaverei (ab 6300 Euro).

Eine Skulptur von Nick Cave, dem 1959 in Missouri geborenen und in Chicago lebenden, multimedial arbeitenden Künstler ist mit allem möglichen Tand opulent geschmückt und oszilliert zwischen einem Trash-Weihnachstbaum und einem Voodoo-Pfahl. Durch das Gewusel aus Ketten, künstlichem Obst, Kunststoffvögeln, Porzellanrosen hindurch lässt sich im Kern nahezu völlig verdeckt vom poor man’s trash eine jener typisch rassistisch stilisierten „Neger“-Skulpturen erkennen. Cave versagt dem Betrachter bewusst die freie Sicht auf das Relikt (118 000 Euro).

Die doppelte Unterdrückung aus schwarzer und feministischer Perspektive

Carrie Mae Weems gehört schon lange zu den international renommierten Künstlerinnen. Ein Philip Morris-Stipendium hatte sie bereits 1989 ans Künstlerhaus Bethanien nach Berlin geführt, wo sie 1992 auch in einer Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst mit dem Titel „Schwarze Kunst“ vertreten war. Das Medium Fotografie spielt in ihrem multimedialen Werk eine zentrale Rolle und wird mit Texten kombiniert. Carrie Mae Weems komponiert mit ihren Fotosequenzen Erzählungen, die auf komplexe Weise schwarze Identität vor dem Hintergrund des weißen Rassismus untersuchen und die Dominanz weißer Kulturgeschichte hinterfragen (ab 21000 Euro).

Die aus Cuba stammende und in Boston lebende María Magdalena Campos-Pons war an der diesjährigen Documenta in Kassel beteiligt. Auch ihr Werk zeichnet sich durch Multimedialität aus, enthält Fotoperformances ebenso wie Installationen und Malerei. Bei „Black Matters“ ist sie mit drei großen Aquarellen vertreten. Auf einer ungemein attraktiven Zeichnung schwebt eine schwarze Frau mit illuminiertem Gesicht und geschlossenen Augen im weißen Kleid trancehaft im Raum. Der blauweiße Gürtel umschließt nicht nur die Taille, sondern durchzieht das Bild als horizontale Bildachse.

Lorraine O’Grady ist mit 83 Jahren die älteste Künstlerin und startete erst als Mittvierzigerin ihre Karriere. Die Fotografie einer frühen Performance zeigt sie im weißen langen Kleid und einer Sklavenpeitsche (17 000 Euro). Mit ihren Auftritten thematisiert sie die doppelte Unterdrückung aus schwarzer und feministischer Perspektive. Der kürzlich im Alter von 72 Jahren gestorbene Barkley L. Hendricks schließlich malte die populären schwarzen role models als Prototypen wie Dancehallqueens und Baseballspieler.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68; bis 4. 11., Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr

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