Hey, ich bin auch noch da! Aus schierer Verzweiflung über den Besuchermangel im Tierpark hat Eisbär Wolodja nun ein Baby gezeugt. Foto: dpap

Zoo versus Tierpark in Berlin Im Osten gibt’s auch schöne Tiere

Christiane Meixner
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Bringt das neue Eisbärbaby mehr Zulauf für den Tierpark in Friedrichsfelde? Das wäre gut – er ist der bessere Zoo der Stadt. Liebe West-Berliner Tierfreunde, reißt die Mauer in euren Köpfen nieder! Ein Rant.

Ice Ice Baby! Den Song von Vanilla Ice können bald auch Besucher des Tierparks rappen, zu Ehren des neuen Eisbärbabys. Wobei hier auch ohne Nachwuchs jedes Loblied angebracht ist. Weshalb sich alle im Zoo drängeln, statt im Berliner Tierpark das Weite zu suchen, ist mir ein Rätsel. Der Park hat ein Schloss mit barockem Garten, durch den im Sommer Pelikane spazieren. Er hat große Gehege, deren Bewohner ganz tiergerecht auch mal den neugierigen Besuchern aus dem Weg gehen können. Und jetzt hat er auch noch süßen Nachwuchs! Wenn der kleine Eisbär die nächsten Wochen gut übersteht, wird er bald aus seiner Kinderstube krabbeln. Und dann? Stehen die Fans jubelnd vor der Eisbärenhöhle.

Hunderte werden es täglich sein, die den ewig defizitären Tierpark endlich mit ihrem Eintritt unterstützen, um eine lebende Wand vor dem Bärenfelsen zu bilden. So war es damals bei Knut, den spontane Zoo-Besucher kaum sehen konnten vor lauter verschworenen Knutisten mit Jahreskarte. Zur Wiederauflage der Bärenwonnen müsste man nun bloß dem Zoo den Rücken kehren, gegenüber am Bahnhof ein öffentliches Verkehrsmittel besteigen und – ja, wohin eigentlich fahren?!

Im Zoo sind die Tiere wie auf Supermarktregalen verstaut

Der Tierpark, das ist das unbekannte Wesen für den West-Berliner. Die Mauer, sie steht noch, wenn es um die Lieblingsbeschäftigung der Fauna-Versessenen geht: animal spotting. Am liebsten tun die aus dem Westen das dort, wo die Tiere wie im Supermarktregal nach vertrautem Schema einsortiert sind: links vom Haupteingang das Nashorn, rechts die Giraffen, ganz hinten die Kängurus.

Wer es doch einmal statt in den Zoo nach Lichtenberg schafft, ist ohne Orientierung. 160 Hektar Bäume und Zäune: Wie bitte geht es hinein, und wo stehen welche Tiere? Bloß keine Abenteuer, wir sind schließlich nicht auf Safari. So halten die Zoo-Verwöhnten, denen sonst alles auf kompakten 33 Hektar geboten wird, verzweifelt Ausschau nach „markanten Höhepunkten“ wie dem Dickhäuterhaus, wie sie die Website verspricht. Und sehen: erst Lichtenbergs Hochhaussiedlung an den Rändern des Tierparks, die selbst die Schlafstatt der Elefanten locker um das Vierfache überragt. Und dann: lange nichts.

Der Tierpark, behaupte ich, ist eine der letzten Herausforderungen Berlins. Großartig ungehegt, ein bisschen anarchisch. Klar frustriert er auch: Es gibt 7000 Fische, Krokodile, Wölfe, Seekühe – und manchmal zeigt sich einfach keines der Tiere. Die Wege zu den kleinen Sensationen, den schlafenden Schlangen, steif gefrorenen Pinguinen oder sich lausenden Äffchen sind lang und von unendlich viel Grün gesäumt.

Das ist ärgerlich für den Metropolisten ohne Tierpark-Sozialisation. Wenn der Kaninchen zwischen Bäumen sehen will, geht er in den Tiergarten. Ein Zoo aber, das soll für ihn ein tierisches Konzentrat sein, dick wie der Waldmeistersirup in der Berliner Weisse. In Kauf nimmt er dafür Menschenschlangen an den Kassen, Gedrängel vor den engen Gehegen, Rempeleien bei der Robbenfütterung – Dinge, von denen der Tierpark nur träumen kann.

Der Tierpark soll neu geordnet werden - zur besseren Orientierung

Andreas Knieriem, seit 2014 Direktor beider Einrichtungen, will gerechte Verteilung. Der Tierpark soll neu geordnet werden – zur besseren Orientierung. Tarnkabinen und Dschungelhäuser schweben ihm vor. All das ist Vision, der Mann spricht von zwei Jahrzehnten Realisierungszeit. Schneller wächst ein Eisbär. Ein Geschenk, das schon einmal ungeahnte Wirkung hatte: Die Menschenmassen vor Knuts Zoogehege, das ganze Tamtam mit Souvenirs und dauernder Presse beeindrucken auch Jahre später noch. So etwas für Lichtenberg, das muss einfach funktionieren.

Wenn bloß das Eisbärengehege im Tierpark nicht so weit hinten läge. Um die Zoo-Besucher dahin zu locken, wird sich Knieriem etwas einfallen lassen müssen. Dromedare zum Reiten vielleicht, oder die allseits populären Eselführungen – aber so kommen die Besucher wahrscheinlich erst an, wenn das Eisbärbaby im Flegelalter ist.

Sollten die Massen ausbleiben, kann man die einzigartig verwunschene Atmosphäre des Tierparks noch ein bisschen genießen. Und wenn doch alle eisbärverrückt werden? Na gut, dann gehe ich zur Abwechslung vielleicht mal wieder in den Zoo.

Dieser Text erschien zunächst gedruckt als Rant in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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