Unsere Autorin war mit ihrer Tochter im Berliner Olympiastadion, um ihre Lieblingsmannschaft gegen Hertha BSC endlich einmal live anzuschauen. Foto: privat
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Was macht die Familie? Verlieren lernen

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Das Fußballteam unserer Redakteurin und der Tochter gewinnt nicht - der Siebenjährigen ist das peinlich. Auch ein Besuch im Olympiastadion half nicht.

Wir müssen über das Verlieren reden. Oder über das Nicht-Gewinnen, wie man’s nimmt. Neulich bat mich meine Tochter, künftig in meinen Texten nicht mehr den Namen der Bundesligamannschaft zu nennen, für die wir beide sind. Es ist ihr peinlich. Also schreibe ich nur noch von dem grün-weißen Verein, über den bösartige Gegner behaupten, dass er nach Fisch stinkt. Das Kind, es ist sieben Jahre alt, kennt diesen Verein eigentlich nur am Rande des Abgrunds. In dieser Saison (Platz 17 von 18) ist es wieder einmal besonders schlimm.

Ich nutzte die Gelegenheit und nahm mein Mädchen kürzlich mit ins Olympiastadion, als der grün-weiße Verein bei der Hertha zu Gast war. Meine Tochter sollte die Mannschaft meiner Heimat endlich einmal live spielen sehen und die tolle Stimmung und Szenerie im Olympiastadion erleben. Damit sie ein Bild davon bekam, wie erfolgreich unser Team früher einmal war, zeigte ich ihr stundenlang Internetvideos von den Meisterfeiern und vom Gewinn des Doubles (Meisterschaft und Pokalsieg in einer Saison) im Jahr 2004. Wir hörten die Fanlieder und die Vereinshymne in voller Lautstärke.

Heimlich entfernte die Tochter den Vereinsaufkleber vom Fahrradhelm

Dann zogen wir uns unsere grün-weißen Trikots an, legten die Fan-Schals um und nahmen mit Freund M., der ebenfalls seit seiner Kindheit Fan der Grün-Weißen ist, unsere Plätze im Stadion ein. Das Kind war enttäuscht, „unsere“ Hymne ertönte dort nicht. Stattdessen nur das Hertha-Lied. Meine Kleine wunderte sich etwas über den Frank-Zander-Song, indem schon vor der Partie „nur nach Hause geh’n wir nicht“ gegrölt wird. Dann ging es auch schon los. Das langweilige Spiel endete 1:1. Wieder nicht gewonnen. Wenigstens weinte das Kind nicht. „Was passiert, wenn wir nie mehr gewinnen?“, fragte es auf dem Heimweg. „Dann steigen wir ab“, sagte ich.

Am Folgetag hatte meine Tochter heimlich den Vereinsaufkleber auf ihrem Fahrradhelm entfernt. Daraufhin erzählte ich ihr meine persönlichste Geschichte von unserem Club. Es war der 22. April 1986, ich war zehn Jahre alt. Es stand 0:0 gegen den FC Bayern. Kurz vor Schluss, Elfmeter für die Grün-Weißen. Trifft Michael Kutzop, sind wir Meister. Doch der Ball geht an den Torpfosten. Am Ende wurden die Bayern noch Meister. Meine Flut an Tränen, die hämischen Kommentare meines Sandkasten-Freundes (Bayern-Fan) – ich berichtete meiner Tochter alles im Detail.

Trotzdem bin ich Fan geblieben. Das Hochgefühl des Sieges nutzt sich irgendwann ab, mein Kind. Gewinnen, ist leicht. Aber verlieren, das muss man können.

Das Olympiastadion ist immer einen Besuch Wert – egal, wer gerade spielt. Fan-Zubehör gibt es in den Vereinsshops.

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