Von Tag zu Tag: Verzählt

Susanne Vieth-Entus
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Fernsehtalker Michel Friedman hat den Berlinern ein Geschenk gemacht. In seiner Sendung am Mittwoch stellte er dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit die Frage, wie viele Tote es denn "an der Mauer" gegeben habe. Der SPD-Mann sagte erst "äh" und dann "über 100". Worauf Friedman konterte: "Es waren 765, und der Regierende Bürgermeister sagt, es waren über 100". Wowereit wechselte rasch das Thema.

"Wie peinlich", dachte sich jetzt mancher Zuschauer, "das wäre dem Diepgen bestimmt nicht passiert". "Wie peinlich", dachten die besser Informierten, der Friedman kann nicht mal die Mauer von der innerdeutschen Grenze unterscheiden und vermischt nun die Opferzahlen.

Gewiss. Friedman hat was durcheinander gebracht. Aber Berlins Regierender hat es nicht gemerkt. Wowereit hatte nur die "über 100" parat, denn diese Zahlenangabe war ihm von der Senatskanzlei in die Gedenkrede zum 17. Juni geschrieben worden.

"Über 100". Das geistert durch viele Berlin-Broschüren, vermutlich, weil einer sie vom anderen abschreibt. Aber wo sind die vielen Opfer geblieben, die man inzwischen aus Stasi-Akten rekonstruierte?

Das Mauermuseum am Checkpoint Charlie nennt 238 Mauertote, 957 Grenzopfer insgesamt. Die Seriösität dieser Angaben wird gern angezweifelt, aber weder an der FU noch bei der Senatsinnenverwaltung war am Donnerstag jemand aufzutreiben, der diesen Angaben überzeugende Zahlen entgegensetzen konnte.

Nach Friedman wissen wir also nun, dass es in Berlin ein Problem mit einer ziemlich wichtigen Zahl zur jüngsten Geschichte gibt. Es sollte bis zum 40. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August zu lösen sein.

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