Alexander Klaws ist Hauptdarsteller im Musical Ghost im Theater des Westens in Berlin. Foto: Agnieszka Budek
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Von DSDS auf die Musical-Bühne Die Emanzipation des Alexander Klaws

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Gestern Dieter Bohlen, heute Patrick Swayze. Ab Donnerstag spielt der ehemalige DSDS-Gewinner Alexander Klaws die Hauptrolle im Musical „Ghost“ im Theater des Westens.

Manchmal sitzen die Darsteller des neuen Musicals „Ghost“ nach den Proben noch zusammen und geraten ins Philosophieren. Wie erklären sich die Beziehungen zwischen den Figuren, was könnten sie in der Vergangenheit miteinander erlebt haben? Für Hauptdarsteller Alexander Klaws ist es selbstverständlich, sich „kopfüber in eine Rolle hineinzustürzen“.

Gerade bei diesem Stück ist das nicht einfach. Schließlich geht es um einen jungen Mann, der die Chance verpasst, seiner Liebsten zu sagen, dass er sie liebt, dann bei einem Überfall erschossen wird, als guter Geist zurückkehrt und von ihr nicht wahrgenommen werden kann. Er weiß aber, dass sie in Gefahr schwebt und versucht durch das Medium Oda Mae in Kontakt zu kommen. „Ich sterbe jeden Abend, das geht mir schon nahe“, sagt Klaws. Auch mit dreißig Leuten auf der Bühne zu stehen, die einen – mit einer Ausnahme – alle nicht wahrnehmen, ist nicht einfach.

Die Trennung von Dieter

Zum Glück liebt Alexander Klaws Herausforderungen. „Ich bin nie den einfachen Weg gegangen“, sagt der unprätentiöse Musical-Star. Ihm war es immer wichtig, über sich selbst hinauszuwachsen. Es begann schon zwei Jahre, nachdem er 2003, mit 19 Jahren, die erste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen hatte.

Eigentlich war alles klar: Eine Nummer 1 reihte sich an die nächste. Produzent Dieter Bohlen hatte alles im Griff, was die weitere Karriere anbelangte. Er verordnete ihm eingängige Popsongs, wie geschaffen für einen jungen Mann, dem das Image anhaftete, keine Ecken und Kanten zu haben. Wäre da nicht der Hunger auf mehr gewesen, die nagende Neugier.

„Was, du trennst dich von Dieter?“, fragten Freunde, Bekannte und Kollegen einhellig entsetzt, als bekannt wurde, dass er lieber zur Schule gehen wolle. Er hatte immer zwei Leidenschaften, die eine galt der Musik, die andere dem Schauspiel. Und die sollte nun auch zum Zuge kommen.

Eine richtige Entscheidung, sagt er heute, mit 34 Jahren. Statt in den vergangenen 14 Jahren bei der wachsenden Konkurrenz der DSDS-Gewinner „irgendwann aus dem Haifischbecken zu fliegen“, entwickelte er sich weiter, bekam als Musical-Darsteller immer größere Rollen. Und für jede dieser Rollen musste er etwas Neues lernen. Aktuell in „Ghost“ ist es das Gitarrenspiel. Als Tarzan bewegte er sich vorher über Monate jeden Abend im Affengang über die Bühne.

Um bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg den Old Surehand geben zu können, musste er reiten lernen, aber nicht etwa auf einem braven Ackergaul, sondern im Galopp auf einem Heißblüter namens Moreno. Von der Zeit schwärmt er immer noch. Jeden Tag 8000 begeisterte Zuschauer von ganz klein bis ziemlich alt. Er hat als Kind die Karl-May-Filme geliebt.

Das Ziel vor Augen

Seine Berufung für die Musik war „schon immer“ da. Er hat nie was anderes machen wollen. Mit zehn Jahren begann er daheim im Münsterland Klavier spielen zu lernen. Er stand mit der Schulband der St.-Martin-Realschule ebenso auf der Bühne wie mit der „Kant Connection“ des Immanuel-Kant-Gymnasiums in Münster, die ihn einfach mal so gefragt hatten, ob er nicht mit ihnen als Lead-Sänger auftreten wollte.

Kein einfacher Fall für die Eltern, die selbst keine künstlerischen Ambitionen hatten, der Vater Drahtweber, die Mutter Außenhandelskauffrau. Das Kind sang und jaulte und spielte mit Lust auf einer Orgel, die dann nachts weggeschlossen wurde. Da er nie Zeit für Hausaufgaben hatte, musste er in der Schule schließlich „eine Ehrenrunde drehen“, wie er es ausdrückt. Insgesamt hat ihn das auf die Teilnahme bei DSDS aber gut vorbereitet. „Das war schon krass“, sagt Klaws. Aber es war eben auch genauso eine Herausforderung, an der er wachsen konnte.

Er mag die Vielseitigkeit, die ihm die Musicals bieten, legt Wert darauf, immer wieder auch unterschiedliche Genres auszuprobieren. Im Theater des Westens stand er vor elf Jahren im „Tanz der Vampire“ zum ersten Mal in Berlin auf der Bühne. In Dortmund spielte er die Hauptrolle in „Jesus Christ Superstar“, einem Musical, dem er ein Remake als Film wünschen würde.

Einen der schönsten Momente seine Karriere hat der Borussia-Dortmund-Fan ebenfalls dort erlebt. „Das war, als ich mit den Dortmunder Philharmonikern auf dem Borsigplatz‚ ‚You’ll Never Walk Alone‘ gesungen habe.“ Was für eine Art von emotionalem Erlebnis im Herzen des Borussen-Kults das für einen Hobbyfußballer ist, kann man nur erahnen: Eine Etüde in Gänsehaut.

Gänsehaut gibt’s natürlich auch in „Ghost“. Der Hauptdarsteller war ganz gerührt, als vor Kurzem eine Gruppe aus 100 Probenzuschauern, die in den Sozialen Netzwerken ausgelost worden waren, immer wieder zum Taschentuch griffen: „Auch die Männer“, sagt er grinsend.

Songs auf Deutsch

Neben all dem nimmt Klaws sich immer noch Zeit, neue Alben herauszubringen, arbeitet gerade an der Nummer 7. Er schreibt seine Songs auf Deutsch: „Ich mag einfach die Sprache.“ Und fürs Komponieren „reicht mein Klavierspiel noch“.

Nachdem er anfangs Millionen Platten verkauft hat, ist das Geschäft durch die Streaming-Dienste und die veränderten Ansprüche des Publikums schwieriger geworden. „Alle wollen Musik, aber möglichst umsonst“, sagt er plötzlich ganz ernst. „Keiner macht sich bewusst, wie kostbar Musik für uns ist. Wo die Sprache aufhört, beginnt die Musik.“

Als kleiner Junge habe er sich noch seine Groschen zusammengespart, um Platten kaufen zu können, von den Beatles, von Elton John und George Michael, aber auch von Zucchero. „Den mochte mein Vater so.“ Dass er in „Ghost“ in große Fußstapfen tritt, ist ihm völlig bewusst. Der Film mit Patrick Swayze aus dem Jahr 1990 ist Kult. Er freut sich trotzdem darauf. Und nein, den Trick, wie er durch Türen geht, verrät er nicht. Nur, dass es nichts mit Computeranimation zu tun habe, schließlich wolle man das Publikum nicht veralbern.

Und unterm Weihnachtsbaum

Die nächsten Herausforderungen? Dr. Jekyll und Mr. Hyde würde ihn als Rolle reizen, den krassen Gegensatz der beiden Charaktere, die völlig verschiedenen Facetten darzustellen. Einen großen Kinofilm hat er auch noch nicht gemacht, „aber das hat Zeit“. Er hätte Lust auf anspruchsvolles Entertainment im Fernsehen in der Tradition von Peter Alexander und Harald Juhnke. Da sieht er im Moment eine echte Lücke.

Die schönste Herausforderung wartet freilich zu Hause. Vor zehn Monaten kam sein erster Sohn zur Welt. Für ihn möchte er sich demnächst mal eine längere Auszeit nehmen. Ein besonderes Weihnachtsfest wartet auf die Familie. Dass er daheim bei den Eltern feiert, ist ihm bei dem ansonsten unruhigen Leben ganz wichtig. Es bedeutet schließlich, einmal im Jahr Ruhe zu haben, sich mit vertrauten Menschen auszutauschen. Heiligabend gibt’s Raclette und tiefe Gespräche, die sich bei so unterschiedlichen Charakteren und Einsatzfeldern ganz automatisch ergeben. Dann wird aus dem „Ghost“ ein junger Vater, der das Leben selbst so intensiv auskosten kann wie seinen Beruf.

Ghost, ab Donnerstag, 7. Dezember im Theater des Westens, Kantstraße 12, Charlottenburg, Tickets ab 39 €.

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