Langsam voran. Mehr Tempo-30-Strecken auf Hauptstraßen sollen der Anfang vom Ende der autogerechten Stadt sein. Foto: Steinach/Imagop

Verkehr in Berlin „Es geht auch mit viel weniger Autos“

Klaus Kurpjuweit
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Das Umweltbundesamt hat viel ehrgeizigere Zukunftsvisionen als der Senat. Das Tempo soll gedrosselt werden, Parkplätze sollen begrünt werden.

Der rot-rot-grüne Senat will den Autoverkehr etwas eindämmen – durch weitere Tempo-30-Bereiche auf Hauptstraßen und zusätzliche gebührenpflichtige Parkplätze vor allem innerhalb des S-Bahnrings. Stattdessen soll der Radverkehr gestärkt werden. Und auch für den Ausbau des Straßenbahn-Netzes gibt es ein Programm. Ein Klacks – verglichen mit den Plänen des Umweltbundesamtes (UBA): Nach den Vorstellungen der Präsidentin Marie Krautzberger, die früher Staatssekretärin für Verkehr in Berlin war, soll der Autoverkehr drastisch reduziert und der Nahverkehr stark erweitert werden. Das Konzept für „Die Stadt von morgen“ wird auch noch am heutigen Freitag auf einem UBA-Forum in Berlin diskutiert.

„Unsere Botschaft hört man nicht immer gern“, sagte Krautzberger am Donnerstag bei einem Gespräch. Die Verkehrswende sei aber dringend erforderlich, um Städte wieder lebenswerter zu machen – mit weniger Verkehrslärm und mit weniger von Autos verursachten Schadstoffen.

Weniger als die Hälfte der Autos werden benötigt

In Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern könnte die heutige Mobilität auch dann aufrecht erhalten werden, wenn es nur noch 150 Autos je 1000 Einwohnern gebe, sagte der Leiter der UBA-Abteilung für Verkehr, Martin Schmied. In Berlin seien es derzeit 335 je 1000 Einwohner; in Hamburg dagegen 426, in München 486 und im nordrhein-westfälischen Moers sogar 569. Der Durchschnitt in den Großstädten liege bei 450. Und die 150 verbleibenden Autos je 1000 Einwohner sollten vorwiegend als Car-Sharing-Fahrzeuge unterwegs sein – in Zukunft dann autonom.

Mehr Grünflächen für die Stadt

Bei so wenigen Autos würden öffentliche Stellplätze nahezu überflüssig, sagte Schmied weiter. Straßen und Autoparkplätze könnten dann nach und nach zu Grün- und Aufenthaltsflächen werden oder für den innerstädtischen kompakten Wohnungsbau genutzt werden.

Einen – bescheidenen – Versuch, Straßenflächen außerhalb von so genannten umstrittenen Begegnungszonen umzuwidmen, planen der Senat und der Bezirk Pankow auf der Schönhauser Allee. Zunächst sollen, wie berichtet, im Sommer zwischen der Eberswalder und der Wichertstraße auf einigen der bisherigen Parkplätzen Holzpodien aufgestellt werden, von den Planern nach amerikanischen Vorbild „Parklets“ genannt. Hierauf können Bänke aufgestellt oder Blumen gepflanzt werden. 2018 könnten dann aus Parkstreifen Lieferzonen und Parklets und aus einer Autospur Radstreifen werden. Hierzu muss aber erst eine Machbarkeitsstudie abgewartet werden. Längerfristig ist geplant, den Autoverkehr für beide Richtungen komplett auf die westlichen Fahrspuren zu verlagern. Vor den Schönhauser Allee Arkaden teilten sich die Tram, der Lieferverkehr und die Radfahrer dann die Fahrbahnen.

Nahverkehr muss ausgebaut werden

Den Platz, den man durch den Rückgang bei den Autos gewinne, könne an Hauptstraßen auch für Busspuren genutzt werden, sagte Schmied. Das Konzept funktioniere nämlich nur, wenn der Nahverkehr ausgebaut würde, sagte Krautzberger. Wichtig seien vor allem kurze Abstände zwischen den Fahrten. Aber auch neue Strecken für Bahnen müssten gebaut werden. Finanzieren lasse sich ein solches Programm, wenn der Bund „umweltschädliche Subventionen“, etwa für verbilligten Dieselkraftstoff, aufgebe und das Geld umverteile.

Und das Autofahren dürfe nicht billiger sein als der Nahverkehr. Der Senat will die Fahrpreise zumindest vorläufig nicht erhöhen. Vielleicht ein erster Schritt zur „Stadt von morgen.“

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