Radfahren in Berlin kann gefährlich werden. Foto: Violetta Kuhn/dpap

Verkehr der ZukunftDamit Berlin Fahrt aufnimmt

von Stefan Jacobs305 Kommentare

Der rot-rot-grüne Senat will die Mobilitätswende einleiten. Höchste Zeit, denn die Verhältnisse auf Berlins Straßen müssen grundlegend geändert werden.

Im Dienstgebäude der Berliner Verkehrsverwaltung begann ziemlich verspätet das 21. Jahrhundert. Es trafen sich die (parteilose) Verkehrssenatorin und ihr grüner Staatssekretär mit Fahrradlobbyisten, um über den Inhalt des von Rot-Rot-Grün geplanten Radverkehrsgesetzes zu verhandeln. Das soll einer von mehreren Bausteinen im „Mobilitätsgesetz“ werden, das die Verhältnisse auf Berlins Straßen grundlegend verändern dürfte. Muss das sein? Ja, unbedingt.

Der Gesprächstermin ist kein Gipfeltreffen irgendwelcher Autohasser, die aus Liebe zum Weltklima Autofahrer drangsalieren wollen und nebenbei dem Wirtschaftsverkehr den Garaus machen. Er ist vielmehr die überfällige Befassung mit einer Normalität, die bei genauerer Betrachtung absurd ist. Es ist nämlich nicht normal, dass sich Autos, nur weil sie mächtiger und größer sind als Rad und Fußgänger, auf deren Kosten ausbreiten. Und erst recht nicht normal ist die Selbstverständlichkeit, mit der akzeptiert wird, dass Anwohner von Hauptverkehrsstraßen eben öfter krank werden und früher sterben, weil ihnen Pendler vom grünen Stadtrand mit ihren Dieselautos die Atemluft mit krankmachenden Schadstoffen vergiften.

Rechnet man die von der Europäischen Umweltagentur ermittelte bundesweite Zahl der Stickoxidopfer auf Berlin herunter, kommt man auf etwa 500 Tote im Jahr allein durch dieses Abgas. Dagegen erscheinen die etwa 50 Berliner Verkehrsunfalltoten (zu denen allerdings noch 18 000 Verletzte kommen) pro Jahr fast gering.

Platzmangel in der Innenstadt

Die Elektromobilität wird das Abgasproblem lindern und die Technik ein paar Menschenleben retten, aber erst auf lange Sicht. Doch ein anderes Problem wird der Fortschritt nicht beseitigen können: den Platzmangel vor allem in der Innenstadt. Der verschärft sich weiter, solange Berlin wächst. Mit jeder geschlossenen Baulücke wächst das Gedränge am Straßenrand – und da, wo eigentlich Fußgänger, Busse und Radfahrer unterwegs sind. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Eine Handvoll Falschparker reicht, um den Fahrplan einer Buslinie zu sprengen.

Und ein Auto auf der Radspur, um einen tödlichen Unfall zu provozieren. So ist der Status Quo, den es zu ändern gilt. Deshalb müssen neue Prioritäten nicht nur vereinbart, sondern auch durchgesetzt werden. Es wird nur mit massiven Kontrollen gelingen, den Leuten das Falschparken, Drängeln und Rasen abzugewöhnen. Ein ernsthaftes Risiko, erwischt zu werden, dürfte den Verkehr rasch zivilisieren – übrigens auch den Radverkehr, der bisher oft nach dem Motto läuft: Wer keine Rechte hat, der nimmt sich welche.

Die jetzt beginnende Neuaufteilung von Platz und Prioritäten ist eine Chance, von der Berlin auf viele Jahrzehnte profitieren kann. Es ist kein Luxusproblem, sondern bringt Lebensqualität für Tausende, wenn sie in Bussen nicht mehr im Stau stehen und auf dem Fahrrad nicht mehr mit weichen Knien auf schmalen Buckelpisten zwischen Gehweg und parkenden Autos unterwegs sein müssen, wobei der Langsamste das Tempo diktiert, weil zum Überholen kein Platz ist. Dass Verbesserungen für die anderen oft auf Kosten des Autoverkehrs gehen werden, mag nach Schikane aussehen, aber ist doch allzu oft nur Ergebnis der aktuellen, allein autogerechten Verhältnisse.

Das Geld ist da

Die Kunst wird sein, nicht einfach den Leuten das Autofahren zu verleiden und Lastenräder als Ersatz für sämtlichen Lkw-Verkehr herbeizuträumen, sondern die Alternativen zu verbessern. Bei den Öffentlichen wird es viele Jahre dauern, weil beispielsweise Ersatz für die teils schrottreifen S-Bahnen erst gebaut werden muss und Reserven für dichtere Takte gibt es nicht.

Aber bei Fuß- und Radverkehr muss es schneller gehen. Das Geld für die Verkehrswende ist da, und die Grünen wissen, dass sie liefern müssen. Mit der neu konzipierten Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz haben sie ihr Traumressort bekommen. Sie können sich Lorbeeren verdienen oder unter großer Anteilnahme des Publikums scheitern. Noch ist alles offen, aber die Chancen waren nie so gut wie heute.