Schönes Örtchen. Edle Materialien, verspielte Details und Knallfarben für die Wintergarten-Gäste. Foto: J. Gern, P. Parinejad
p

Varieté Wintergarten Stilles Örtchen mit Stil

4 Kommentare

Das Varieté Wintergarten in der Potsdamer Straße hat eine neue Attraktion: eine von der Hutdesignerin Fiona Bennett gestaltete Toilettenlandschaft.

Das nennt man eine knallharte Recherche: Monatelang fragte Hut-Designerin Fiona Bennett alle Männer, die sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis traf: „Wie pinkelst du denn gerne?“ Das Ergebnis war überwältigend eindeutig. „Im Freien und im Wald“, lautete die bei weitem häufigste Antwort.

Fiona Bennett erzählt das in dem kobaltblauen Männerklo, das sie mit ihrem Partner Hans-Joachim Böhme in der schönen neuen Toilettenwelt unter dem Hof des Wintergarten-Varietés entworfen hat. Eine Schattenmalerin hat an die Rückseite der Kabinen Artisten in Aktion geworfen. Wände und Böden bestehen aus winzigen blauen Mosaiksteinen. Spiegelbrücken ziehen sich von den Waschbecken über die Decke bis zur Rückwand, so dass man beim Blick an die Decke die Illusion erhält, auf dem Kopf zu stehen. Die Waschbecken aus Bronze sind jeweils 90 kg schwer und nach dem Bild eines fallenden Tropfens geformt. Hier wird der stille zum stilvollen Ort: Donnerbalken mit Donnerwetter-Effekt.

Eröffnungsparty für Toilettenlandschaft

Drei Jahre Vorbereitungszeit hat es gebraucht, um dieses Wunderland für die hochästhetische Entsorgung der Notdurft zu verwirklichen, die am Montag mit einer Party unter dem Titel „The First Flush“ gefeiert werden soll. Alles hier ist maßgefertigt, 20 Manufakturen waren beteiligt, um die entsprechend dem Motto des Hauses „dem Staunen gewidmeten“ Klos zu kreieren.

Wintergarten-Geschäftsführer Georg Strecker war ursprünglich fasziniert von der schönen Gestaltung von Fiona Bennetts Hutladen auf der anderen Seite der Potsdamer Straße. Ausschlaggebend für den Ausbau der Toilettenwelt waren zunächst die unschönen Schlangen, die sich jeweils vor und nach der Aufführung und in den Pausen vor den drei nüchternen Damenklos formierten. Nervig war das. Um diesen dem menschlichsten Bedürfnis gewidmeten Missstand aus der Welt zu schaffen, habe man eigens den Hof unterkellert, erzählt Georg Strecker, der sichtlich stolze Bauherr. Demnächst besteht natürlich die Gefahr, dass manche Dame ins Varieté kommt, um die schönen Toiletten zu genießen – und die Show als Zugabe. Zusammen mit den beiden Designern muss er irgendwann in einen Kreativitätsrausch geraten sein, aus dem es kein Entkommen gab. Über Geld redet er selbstredend nicht, aber wenig kann es nicht gewesen sein. Schon das Foyer der 270 Quadratmeter großen Unterwelt ist ein Traum. Den Boden zieren teils goldene Mosaikkreise in verschiedenen Varianten. Darauf verteilen sich dunkelrote, mit Seidensamt gepolsterte Hocker auf Messingringen. Unter der Decke hängen gläserne Seifenblasen.

Ein Ort der Entspannung

„Wir wollten die Welt des Varietés, der Magie, der Inspiration hier fortsetzen“, erzählt Fiona Bennett. „Man soll den Alltag vergessen.“ Alltäglich ist hier allerdings nichts. Die Decke ist geformt aus drei Ringen, wie ein Tropfen sie zieht, wenn er ins Wasser fällt. Sogar kleine Empfänge könnte man hier geben. Die barrierefreien Toiletten sind mit halbrunden Spiegeln ausgestattet. Auf einer dominieren goldene Rauten unter Stuck mit Varieté-Motiven: Tauben, die aus einem Zylinder fliegen, Bälle, Kugeln, Masken. Die Flügeltüren zur Damentoilette öffnen Hans-Joachim Böhm und Georg Strecker synchron zu einem imaginierten Trommelwirbel. Ein Feinschmied hat die runde, opulent verzierte Milchglasscheibe eingefasst. Dahinter befinden sich ein Schminkbaum mit Säulenstamm und glänzenden braunen Blättern aus Kupfer, drum herum stehen acht rosébeige Samthocker vor Kosmetikspiegeln. Tritt man ans Waschbecken, wirbeln hinter einer entspiegelten Glasscheibe vor dem eigentlichen Spiegel weiße Federn zu einem verspielten Tanz empor. „Das hat was Meditatives, wie ins Feuer oder aufs Wasser zu schauen“, glaubt Fiona Bennett.

Designerin Fiona Bennett und ihres Partners Hans-Joachim Böhme. Foto: J. Gern, P. Parinejad
p

Zu den eigentlichen zwölf Kabinen gelangt man durch einen Gang in die Unendlichkeit, leicht verzogene, mit Klavierlack bedeckte Bögen. An den Türen der Kabinen haften Sterne aus Kristallglas, die aufleuchten, wenn von innen abgeschlossen wird. Glitzerbomben in Grün, Rot und Rosé haften in den Kabinen wie an die Wand geworfene Diskokugeln. Er habe nichts von der Stange gewollt, sagt der Bauherr Georg Strecker. Mit diesem frommen Wunsch hat er so ganz aus Versehen eine neue Sehenswürdigkeit geschaffen.

Warum bevorzugen manche Männer Kabinen vor Pissoirs? Auch darauf hat Fiona Bennett eine Antwort gefunden bei ihren Recherchen. Manche Männer brauche einfach die Ruhe und Abgeschiedenheit der Kabine. Besonders Musiker sind empfindlich, wenn es um die Geräuschkulisse am Pissoir geht. Warum eigentlich nicht mal über die Installation einer Auftragskomposition von „Loo Lounge Music“ nachdenken?

Zur Startseite » Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!