In der Dorfkneipe von Eiskeller kennt jeder die Geschichte von Erwin Schabe, dem Schulschwänzer. Auch Hund Luzy. Foto: Jens Mühling
p

Unterwegs in Berlins Ortsteilen Hakenfelde: Wo die Biker Burgen bauen

0 Kommentare

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 31: Hakenfelde.

Ganz im Osten von Hakenfelde liegt die Insel Eiswerder. Zwei Brücken verbinden sie mit den Ufern der Havel, dazwischen liegen Kleingärten, alte Munitionsfabriken und das Vereinsgelände des Kanu-Polo-Clubs „Havelbrüder Berlin“, Vize-Europameister 2017 in der U21-Klasse der Herren.

Neugierig blieb ich vor einem Schild am Eingang einer Industriehalle stehen: „Wer hier klaut, stirbt!“ Ein Mann in schwarzer Biker-Kluft lehnte mit einem dampfenden Pott Kaffee im Hallentor. „Und“, fragte ich, „wie viele sind schon gestorben?“ Er sah mich belustigt an. „Du kannst der erste werden.“

Peter, der wahrscheinlich netteste Biker Berlins, zeigte mir sehr ausgiebig, was es in der Halle zu klauen gab. Sein Motorradclub war gleichzeitig eine Art Künstlerkollektiv, dessen Mitglieder hier ihren Schaffensdrang auslebten.

Ein Schloss voll Vampire und Zombies aus Hartschaum

Einer hatte aus Hartschaumblöcken ein bis zur Decke reichendes Spukschloss voller Vampire, Hexen und Zombies gebaut, andere schweißten hier Chopper-Fahrräder zusammen oder sprühten Airbrush-Landschaften. Peter selbst war Kunstschmied, sein Amboss und die Esse standen in einer Hallenecke. „Happy Metal“ nannte er seine Werkstatt. Die kleinen Silberhandschellen, die er als Verschlusshaken an der Lederjacke trug, hatte er selbst geschmiedet.

Gelegentlich unterbrach Motorendröhnen unser Gespräch, weil die Flugzeuge auf dem Weg nach Tegel so niedrig über Eiswerder hinwegziehen, das man bequem die Schriftzüge auf dem Rumpf lesen kann. Peter war daran gewöhnt. „Komisch klingt’s erst, wenn sie mal nicht fliegen“, sagte er. „Wie damals, bei dem Vulkanausbruch in Island. Diese Stille – das war nicht mehr mein Eiswerder.“

Die Havel-Insel Kleiner Wall. Links im Hintergrund die etwas größere Insel Eiswerder. Das Dröhnen von Flugzeugen gehört hier dazu. Foto: Jens Mühling
p

Der Rest des Ortsteils ist merkwürdig unstrukturiert. Es gibt in Hakenfelde von allem etwas: Mietskasernen, Einfamilienhäuser, schöne Villen, hässliche Hochhäuser, eine alte Gartenstadtsiedlung, neue Apartmentblöcke, schicke Lofts in umgebauten Industriehallen – und den riesigen Spandauer Forst. Nur einen erkennbaren Ortskern gibt es nicht. Lange suchte ich vergeblich danach, bis ich begriff, dass Hakenfelde nicht von einem Zentrum zusammengehalten wird, sondern von zwei eisigen Polen: Ganz im Osten liegt Eiswerder, ganz im Westen Eiskeller.

Von Soldaten zur Schule eskortiert

Letzteres war zu Mauerzeiten eine West-Berliner Exklave, die mit dem übrigen Stadtgebiet nur durch einen dünnen, quer durch DDR-Gebiet verlaufenden Korridor verbunden war. Berühmt ist die Geschichte des zwölfjährigen Erwin Schabe, der kurz nach dem Mauerbau behauptete, DDR-Grenzer hätten ihm den Schulweg nach Spandau versperrt. Danach wurde er eine Weile von britischen Soldaten zur Schule eskortiert, die Bilder gingen um die Welt. Erst Jahrzehnte später gestand Schabe, dass die Geschichte Humbug war – in Wirklichkeit hatte er einfach die Schule geschwänzt.

Erwin Schabe lebt schon lange nicht mehr in Eiskeller, aber in der winzigen Kneipe der Bauernhofsiedlung fand ich einen alten Mann, der ihn noch gekannt hat. Der „Dorfbürgermeister“, wie die anderen Biertrinker ihn nannten, lachte nur müde, als ich ihn auf die Geschichte ansprach. „Ach, der Erwin“, sagte er. „Hier in Eiskeller hat ihm das von Anfang an keiner geglaubt.“

Fläche: 20,4 km² (Platz 7 von 96)

Einwohner: 28 466 (Platz 43 von 96)

Durchschnittsalter: 46,6 (Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Erwin Schabe (erfindungsreicher Schulschwänzer)

Gefühlte Mitte: Streitstraße

Diese Kolumne erschien am 7. Oktober 2017 in unserer Samstag-Beilage Mehr Berlin. Alle Folgen lesen Sie hier.

Zur Startseite