Der Kenner weiß: Dies ist die Fassade des DDR-Plattenbautyps MGH an der Schwarzmeerstraße. Foto: Jens Mühlingp

Unterwegs in Berlins Ortsteilen Friedrichsfelde: Wo die höchsten Häuser stehen

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96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 22: Friedrichsfelde.

Es heißt, dass der Tierpark in Friedrichsfelde bis heute selten von West-Berlinern besucht wird, weil die sturen Wessis nach wie vor lieber in „ihren“ Zoo gehen. Gleichzeitig dürfte der Tierpark so ziemlich die einzige Sehenswürdigkeit sein, die überhaupt Besucher aus anderen Ortsteilen hierher lockt. Durchaus vorstellbar also, dass den Teil von Friedrichsfelde, in dem keine Tiere, sondern Menschen wohnen, noch nie ein Charlottenburger betreten hat.

Nach meinem Besuch kann ich nur sagen: Charlottenburger, steigt in die U5! Fahrt bis zur Station Friedrichsfelde, besucht die Bäckerei Müller, kauft ein Vollkornbrot der Marke „Friedrichsfelder Korni“ und plaudert ein bisschen mit der Verkäuferin, die euch erzählen wird, wie sehr sie den grünen, ruhigen Ortsteil schätzt.

Wenn ihr dann fragt, liebe Charlottenburger, was es in Friedrichsfelde außer dem Tierpark Interessantes zu sehen gibt, wird euch die Bäckerin den „Hochhauspfad“ empfehlen. Staunend werdet ihr von Hochhaus zu Hochhaus und von Infotafel zu Infotafel wandern, quer durch den ganzen Ortsteil und durch die Plattenbaugeschichte der Vorkriegs- und der DDR-Ära. Erfahren werdet ihr dabei, dass in der Friedrichsfelder Splanemann-Siedlung in den 20er Jahren zum ersten Mal überhaupt in Deutschland mit vorgefertigten Betonbauteilen experimentiert wurde. Mühelos werdet ihr am Ende die DDR-Plattenbautypen Q3, QX, QP64, MGH, PK, WHH 17 Dresden und WHH GT 18 Berlin unterscheiden können.

Dass ihr euch langsam dem Tierpark nähert, wird euch die Nachwendebemalung der Betonfassaden mit ihren funkelnden Tigeraugen und flatternden Papageienflügeln verraten, und wenn ihr schließlich bei der letzten Infotafel ankommt, wenige hundert Meter vom Haupteingang des Tierparks entfernt, werdet ihr vermutlich genau so überrascht wie ich zur Kenntnis nehmen, dass in einem 14-Stöcker vom Plattenbautyp „SK Scheibe“, in einer Sechs-Zimmer-Wohnung in der obersten Etage, von 1979 bis 1993 der Dramatiker Heiner Müller gelebt hat.

Als ich die Concierge des Wohnkomplexes nach dem einstigen Star-Mieter fragte, zuckte sie unbeeindruckt mit den Schultern. „Sagt mir nix. Müller heißen viele. Aber es gibt nur eine Sechs-Zimmer-Wohnung im 14. Stock. Klingeln Sie doch einfach mal.“

Ich nahm den Aufzug und klingelte. Die Frau, die mir die Tür öffnete, stellte sich als Betreuerin einer Wohngemeinschaft vierer Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen heraus. Ihre Schützlinge begrüßten mich so herzlich, wie ich als unangemeldeter Gast noch nirgends empfangen worden bin. Der Name Heiner Müller sagte auch ihnen nichts, aber als ich zur Erklärung das Wort „Theater“ fallen ließ, bekamen zwei Frauen strahlende Augen. „Wir spielen auch Theater!“, riefen beide. Sie machten bei einem integrativen Bühnenprojekt der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg mit. Was für ein unwahrscheinlicher Zufall, dachte ich, während die WG-Bewohner mir ihr Gemeinschaftszimmer und die spektakuläre Aussicht zeigten – so vieles hat sich verändert, aber noch immer strahlt der Fernsehturm hoch über Friedrichsfelde in eine Wohnung, in der Theatermenschen leben.

Fläche: 5,55 km² (Platz 72 von 96)
Einwohner: 51 371 (Platz 21 von 96)
Durchschnittsalter: 46,4 (Berlin: 42,7)
Lokalpromis: Heinrich Dathe (Tierparkdirektor), Heiner Müller (Dramatiker)
Gefühlte Mitte: Bärengehege

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Diese Kolumne erschien am 29. Juli 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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