Ananas? Kartoffel? Artischocke? Denkmal einer Hugenotten-Bäuerin im alten Dorfkern von Französisch Buchholz. Foto: Jens Mühlingp

Unterwegs in Berlins Ortsteilen Französisch Buchholz: Wo das Gemüse aus Bronze ist

Jens Mühling
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96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 20: Französisch Buchholz.

Das Französischste, was mir in Französisch Buchholz begegnete, war ein Stapel ausrangierter Fondue- Teller nebst den dazugehörigen Fondue- Gabeln. Das Ensemble stand im Rosenthaler Weg auf dem Bürgersteig, am Gartenzaun daneben hing ein Zettel: „Zum Mitnehmen“. Schlauberger werden jetzt einwenden, dass Fondue nicht französisch, sondern schweizerisch ist. Mag sein – aber immerhin ist der Name französisch, darin ähnelt das Schweizer Gericht dem Berliner Ortsteil.

Der Name kommt natürlich, wie fast alles Französische in Berlin, von den Hugenotten, die ab 1685 als verfolgte Bürgerkriegsflüchtlinge im Auffanglager Buchholz landeten. Die Zuzügler bauten unerhörte Gemüsesorten wie Blumenkohl, grüne Bohnen, Artischocken und Feldsalat an, die seinerzeit noch kein Berliner kannte, weshalb bald Scharen neugieriger Hauptstadtausflügler in die französische Kolonie jenseits der Stadtgrenze pilgerten.

An die damalige frankophile Welle erinnert heute ein Bronzedenkmal im alten Dorfkern. Es zeigt eine hübsche französische Bäuerin, die in der linken Hand ein exotisch aussehendes Gewächs hält. Da ich das Bronzepflänzchen nicht ganz einordnen konnte, fragte ich ein paar Buchholzer.

„Ananas“, sagte ein polnischstämmiger Mann in den Fünfzigern.

„Ananas wächst nicht in Berlin“, entgegnete eine jüngere Frau. „Kartoffel.“

„Mit Kartoffeln haben die Hugenotten nichts zu tun, die hat der Alte Fritz eingeführt“, widersprach ein Familienvater. „Schalotte.“

Sein kleiner Sohn schüttelte den Kopf. „Artischocke, Papa.“

Der Artischocken-These schloss sich ein älteres Ehepaar an. „Det sieht man doch, wat soll det sonst sein?“

Abgesehen von der mutmaßlichen Bronzeartischocke sind die französischen Spuren in Buchholz spärlich. Der Pfarrer-Hurtienne-Platz neben der alten Dorfkirche erinnert an den letzten hugenottischen Vorsteher der evangelischen Gemeinde, der 1934 von den Nazis abgesetzt wurde. Auf dem Friedhof entdeckte ich zwar mehrere Gräber einer weitverzweigten Familie namens Guyot, ansonsten aber so gut wie keine frankophonen Namen. Ein Viertel mit klingenden Straßenbezeichnungen wie La-Rochelle-, Nantes-, Arnoux- und Nisbléstraße stellte sich als Neubauschöpfung der Nachwendezeit heraus: Zu DDR-Zeiten, erzählte mir ein älterer Anwohner, hätten die Feldwege hier nur schnöde Nummern getragen – der Petitweg zum Beispiel, wo wir uns unterhielten, hieß Straße 137. In seiner Kindheit, erinnerte sich der Mann, seien da, wo heute die Neubauten stehen, noch die einstigen Gemüsefelder der Hugenottenfamilien gewesen, aber übrig sei nichts davon, und er könne sich nicht entsinnen, jemals einem französischstämmigen Buchholzer begegnet zu sein.

Erst fand ich es irgendwie traurig, dass in Buchholz kaum etwas Französisches geblieben ist. Dann aber malte ich mir eine ferne, glückliche Zukunft aus, in der von der heutigen Flüchtlingsdebatte nichts übrig sein wird außer eingebürgerten Ortsteilnamen wie Syrisch Moabit oder Libysch Schmöckwitz und vielleicht ein paar afghanischen Gemüsesorten, die dann keinem Berliner mehr exotisch vorkommen werden.

Fläche: 12,0 km² (Platz 22 von 96)

Einwohner: 20701 (Platz 53 von 96)

Durchschnittsalter: 42,6 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: : Albert Hurtienne (Pfarrer), Helmut Faeder (Fußballnationalspieler)

Gefühlte Mitte: Dorfkirche

Diese Kolumne erschien am 22. Juli 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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