Läufer an einer Überquerungsstelle in der Kreuzberger Gneisenaustraße. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Überquerungspunkte beim Berlin-Marathon Läufer kommen den Wählern nicht in die Quere

Frank Bachner
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Damit Wähler zu ihren Wahllokalen kommen können, wurden beim Berlin-Marathon Überquerungspunkte eingerichtet. Nötig wären sie nicht überall gewesen.

Er musste jetzt doch durch, er hatte doch keine Zeit mehr. Er war sowieso schon eine Stunde zu spät, er sollte längst arbeiten, da konnte er doch keine Rücksicht nehmen auf die ganzen Läufer, die an ihm vorbeizogen. Der Mann mit der Schiebermütze hatte die Griffe seines Fahrrads so fest umklammert, als wären sie festgeklebt, sein Blick flackerte. „Bitte warten sie auf eine Lücke“, sagte Christiane Wohlert (Name geändert) neben ihm, es geht jetzt nicht.“ Im Moment wäre ja nicht mal ein schneller Fußgänger durchgekommen. Wie auch, die Masse der 43 000 Läufer des Berlin-Marathons hatte den Bereich Nostitz-/Ecke Gneisenaustraße in Kreuzberg erreicht, niemand kam jetzt auf die andere Straßenseite, außer er hätte Lust, einen Massensturz zu verursachen.

Doch der Mann mit der Schiebermütze versuchte es trotzdem. Er schob sein Fahrrad in die Masse, blieben in der Mitte der Straße kleben, schrie die Läufer an, die protestierten zurück, und am Straßenrand schlug Christian Wohlert die Hände überm Kopf zusammen. Sie arbeitet seit Jahrzehnten beim Berlin-Marathon als Streckenposten, sie kennt solche Szenen. Und doch war dieser Sonntag etwas Besonderes. Die Bundestagswahl fand gleichzeitig statt, und dort, wo Christiane Wohlert postiert war, da war auch einer die markierten Überquerungspunkte. Jene Übergänge über die Strecke, die speziell für Wähler eingerichtet wurden, damit die ungehindert zu ihrem Wahllokal konnten.

Kein Wähler will die Straße überqueren

Zwischen 11 und 13 Uhr zog sich die Masse der Läufer an diesem Punkt vorbei, zwischen 11 und 13 Uhr war die kleinste Gruppe, die hier über die Straße wollte, die der Wähler. Niemand wurde hier in seinem Wahlrecht behindert, niemand musste warten, weil kein Wahlberechtigter über die Straße wollte, niemand kam deshalb verzögert zu seinem Wahllokal. Jedenfalls hier nicht.

Es hätte aber auch niemand einen Wähler an der Querung hindern dürfen. „Wir dürfen niemanden abhalten über die Straße zu gehen, wir dürfen keinen anfassen, wir können nur darauf hinweisen, dass die Überquerung auf eigene Gefahr geschieht“, sagt Christiane Wohlert. Das war die Theorie.

In der Praxis hätten auch Wähler hier warten müssen, notfalls minutenlang. Zeitweise war die Masse der Läufer so dicht, dass es schlicht unmöglich gewesen wäre, überhaupt einen Schritt auf die Straße zu setzen. So gesehen waren die Überquerungstafeln nicht mehr als bloße Symbolik. Eine Ordnerin winkte denn auch nur ab beim Blick auf die Piktogramme von stehenden und gehenden Menschen auf den Hinweistafeln. Grundsätzlich könnte zwar jeder überall die Strecke überqueren, hindern daran könnte ihn nur die Polizei. Doch jeder weiß auch, dass zu bestimmten Zeit eine Überquerung an einem x-beliebigen Ort nicht möglich ist. „Mit diesen Überquerungspunkten suggeriert man Leuten, dass sie an diesen Stellen aber trotzdem jederzeit über die Straße gehen können, das ist aber realitätsfremd“, sagt die Ordnerin.

Na gut, dieses Problem hatte sie nicht. Wähler tauchten kaum auf. Dafür aber jene Frau, die ihr Fahrrad direkt in die Masse schob, fast einen Massensturz auslöste und sich dann wieder hektisch zurückzog, begleitet von saftigen Kommentaren. Aufgetaucht sind auch: der kleine Junge, der sein Bobbycar mit Anhänger über die Straße zog, direkt hinter seinen Eltern, während zwei Meter entfernt die Läufer heran hasteten. Der Mann, der auf den Gepäckständer seines Fahrrads eine Plastiktüte mit rund 50 leeren Bierflaschen geklemmt hatte und über die Straße hetzte. Er zog dabei Slalomkurven. Ob dies an den Läufern lag, die ihn umringten oder an seinem möglichen Alkoholpegel, war nicht klar. Es gab auch Radfahrer, die auf der Strecke rollten und damit eine Gefahr darstellten. Die Ordner winkten sie runter, dafür ernteten sie nicht selten erboste Kommentare.

Es wäre auch durchaus intelligent gewesen, die Wähler anderen Wahlbezirken zuzuordnen, als es hier geschehen ist. Im Bereich Nostitz-/Gneisenaustraße gibt es Wahllokale der Wahlbezirke 107 und 108. Sie liegen auf beiden Seiten der Gneisenaustraße. Es wäre nun naheliegend gewesen, die Menschen, die auf der Seite wohnen, auf der auch der Wahlbezirk 107 liegt, in dessen Wahllokal wählen zu lassen, das Gleiche gilt natürlich für den Wahlbezirk 108. Nur: Es war genau umgekehrt, die Wahlberechtigten mussten auf der jeweils anderen Seite wählen, das heißt, sie mussten jeweils die Gneisenaustraße überqueren.

Seltsame Frage einer Passantin

Christiane Wohlert hat diesen Umstand mit einigem Befremden zur Kenntnis genommen. Aber dieser Punkt hat sie ja nicht unmittelbar betroffen, sie wohnt ja nicht hier. Sie war aber einen Tag zuvor mit einem Problem konfrontiert, einem der sehr speziellen Sorte. Am Sonnabend starteten die Skater, und Christiane Wohlert hatte am Mehringdamm gerade ein Absperr-Plastikband in der Hand, als eine Frau auf sie zutrat. Christiane Wohlert war ja als Ordnerin im Einsatz, quasi also offiziell hier. Plötzlich hörte sie die barsche Stimme der Passantin. Die Frau brauchte Hilfe, aber so wie sie redete, war das eher ein Befehl.  Doch Christiane Wohlert konnte nicht helfen, sie lehnte ab, höflich, aber genauso bestimmt. Die Frau hatte gesagt: „Holen Sie mal ihr Handy raus und sagen Sie mir, wie ich zum Treffen der lesbischen Chöre komme.“

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