Ein Kindsgrab auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin. Foto: Mike Wolffp

Tod eines Kindes „Sie sind doch trotzdem Eltern geworden“

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Über das Trauma, ein Kind nach der Geburt zu verlieren: Ein Gespräch mit Kathrin Fezer Schadt, Gründerin einer Initiative, die Betroffene betreut.

Frau Fezer Schadt, was sagt man bloß zu Eltern, die gerade ihr Kind verloren haben?
Am besten keine Ratschläge geben, außer man wird ausdrücklich darum gebeten. Es reicht zu sagen: „Es tut mir leid“ oder „Ich bin da“ und noch viel wichtiger: „Was brauchst du jetzt? Wie kann ich dir jetzt helfen?“ Ich würde auch nach dem Kind fragen: wie es heißt, wie es aussah.

Sind solche Standardfragen, die man Eltern gesunder Kinder stellt, nicht unpassend?

Wieso? Die Betroffenen sind doch trotzdem Eltern geworden. Wenn das in irgendeiner Form anerkannt wird, erleben sie das oft als Balsam. Neben all den Schmerzen sind ja immer auch Muttergefühle da.

Und Vatergefühle?

Die natürlich auch. Ich habe über Jahre betroffene Familien betreut und dabei die Erfahrung gemacht, dass Frauen häufig enger mit ihren Gefühlen verbunden sind. Dagegen versuchen Männer, relativ bald in den Alltag zurückzukehren, arbeiten zu gehen, die Frau zu stützen. Nach dem Motto: Meine Frau leidet, ich muss und möchte sie tragen. Ihre eigene Trauer verdrängen manche.

Sie gründeten die Initiative für Betroffene. Warum ist der Austausch untereinander hilfreich?

Nur wer einmal Ähnliches erlebt hat, kann in der Tiefe nachvollziehen, was der andere gerade durchmacht.

Freunde können das nicht?

Wenn ein Kind kurz nach der Geburt stirbt, geht das Umfeld relativ schnell zur Normalität über. Für einen selbst bleibt dieses Kind für immer vorhanden, für die anderen geht es verloren. So entsteht eine paradoxe Situation: Man ist Mutter, aber eines unsichtbaren Kindes. Das kann niemand aus dem Umfeld begreifen, daraus entstehen Verletzungen.

Wie genau?

Etwa durch verunglückte Bemühungen, Trost zu spenden. Da heißt es: „Es ist doch besser, dass das Kind stirbt. Wer will schon mit einem behinderten Kind leben?“ Oder: „Bestimmt bekommst du bald noch eins.“ Oder: „Sei froh, dass du keinen Angehörigen verloren hast.“ Wenn Kinder in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben, wenn die Lebensspanne kurz ist, wird schnell darüber geurteilt, dass es kein – im Sinne des Wortes – vollwertiges Leben war. Dies ist meiner Auffassung nach ein Trugschluss.

In Ihrem Sachbuch „Weitertragen“ ist von „Totalschaden im Bauch“ die Rede, um die Sicht der Gesellschaft auf ein ungeborenes Kind zu beschreiben, bei dem pränatal schwere Fehlbildungen festgestellt worden sind. Zwischen 90 und 95 Prozent die Kinder werden nach einer solchen Diagnose abgetrieben.

Der erste Impuls, den viele Familien zunächst verspüren, ist: Schnell weg damit. Das ist auch meist der Impuls des Fachpersonals. Ein solches Kind auszutragen, bedeutet für alle, dass keiner mit Sicherheit sagen kann, was genau passieren wird. Viele Ärzte haben folglich Angst, später für etwas haftbar gemacht werden zu können. Meiner Erfahrung nach ist ein Abbruch für die Betroffenen aber nicht der einfachere Weg. Das Thema ist zu komplex, um es hier ausreichend behandeln zu können, aber einige stellen sich auch Jahre später noch die Frage, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben.

Wenn sich eine Frau fürs Austragen entscheidet, läuft sie mit einem dicken Bauch herum und ist falschen Erwartungen ausgesetzt.

Die Schwangerschaft kann zum Spießrutenlauf werden. Wenn Betroffene doch mal den Mut aufbringen, auf Fragen aus dem Umfeld ehrlich zu antworten, kommt es oft vor, dass ihr Gegenüber schockiert reagiert. Die Eltern müssen dann Trost spenden, obwohl sie selbst Trost dringend nötig hätten.

Welchen Einfluss hat ein Friedhof auf den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema?

Der Friedhof kann eine wichtige Anlaufstellen sein für alle, die ein Kind verloren haben. Hier kann all die Liebe für das Kind gelebt werden, die sonst ins Leere läuft. Aber auch Spaziergänger, die diese Grabfelder sehen, öffnen ihren Blick. Und diese Öffnung hat unsere Gesellschaft dringend nötig.

Kathrin Fezer Schadt, 37, gründete 2009 in Berlin die Initiative „Erste Hilfe Köfferchen“, die Eltern kranker und verstorbener Kinder betreut. Zum Thema Pränataldiagnostik verfasste sie einen Roman und zwei Sachbücher. Sie lebt in Barcelona. Die Fragen stellte Barbara Nolte.

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