Ein Wahlplakat der AfD, versehen mit einem Anti-AfD-Auskleber. Foto: dpa
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Suizid statt Plakatattacke AfD nutzte Falschmeldung zum Angriff

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Ein Mann soll bei dem Versuch, ein AfD-Plakat abzureißen, von einer Brücke in Lichtenberg gestürzt sein - doch eigentlich hat er Suizid begangen. Die Falschmeldung wurde schnell zum Politikum.

Ein Suizid-Fall zeigt, wie Nachrichten politisch instrumentalisiert werden und wie schwer Falschmeldungen aus der Welt zu schaffen sind. Am Wochenende hat sich ein 23-Jähriger in Lichtenberg das Leben genommen. In mehreren Medien war jedoch zunächst zu lesen, es könne sein, dass der Mann bei dem Versuch, ein AfD-Wahlplakat zu entfernen, von der Brücke gestürzt sei. Dies wollen Zeugen so beobachtet haben, heißt es in den Meldungen.

Die AfD nutzte diese Falschmeldungen für einen Seitenhieb auf die „linken“ Parteien. Der AfD-Politiker Karsten Woldeit gab dem SPD-Politiker Kevin Hönicke eine Mitschuld an der vermeintlichen Plakatattacke und dem vermeintlich daraus resultierenden Sturz. Auch in den Sozialen Medien verbreitete sich die Falschmeldung. Ungeachtet dessen, dass sich der Mann in Lebensgefahr befand, waren Kommentare wie „Selber Schuld“, „Kein Mitleid“ oder „Das muss Karma sein“ zu lesen – und es gab noch weit schlimmere Kommentare. Kurze Zeit später starb der junge Mann im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Daraufhin löschten einige Medien ihre Beiträge. Richtigstellungen erfolgten kaum.

Stegner: "Verleumdung, Lüge und Fehlinformation"

Ein Sprecher der Polizei bestätigte dem Tagesspiegel, dass der Mann nach einem Streit auf einer Brücke Suizid begangen hatte und das dortige AfD-Plakat keinerlei Rolle gespielt habe. Nach einem Bericht im Tagesspiegel wurde auch der „Faktenfinder“ der „ARD“-Tagesschau auf den Fall aufmerksam und stellte den Sachverhalt in einem Online-Bericht klar. Woldeit korrigierte erst nach einem Hinweis seinen Facebook-Eintrag, ließ die Kritik an Hönicke aber stehen.

Die SPD kritisiert die AfD nun scharf: Auch wenn Woldeit seinen Eintrag korrigiert habe, so zeige dies doch die Strategie der Partei, meint Hönicke: „Möglichst viel Öl ins Feuer gießen, und wenn man sich verbrennt, zur Not zurückrudern. Irgendetwas wird schon hängen bleiben.“ SPD-Bundesvize Ralf Stegner reagierte ebenfalls: „Die Zutaten der braunen Suppe der AfD sind nicht nur Hass und Hetze, sondern auch Verleumdung, Lüge und Fehlinformation.“ Woldeit von der AfD betonte, dass die Suizid-Meldung erst am Montag eintraf und vorher Medien wie „B.Z.“ und „Berliner Kurier“ anders berichtet haben.

Erika Steinbach hat die Meldung bisher nicht zurückgezogen

Auch die fraktionslose Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach hatte die Falschmeldung auf Twitter verbreitet und auch nicht gelöscht, nachdem sie von zahlreichen Users darüber informiert worden ist. In den Sozialen Netzwerken finden sich weiterhin Kommentare von Leute, die sich über einen Menschen lustig machen, der ein Plakat abreißen wollte und dabei umgekommen ist. Die Richtigstellung der Meldung scheint bei diesen Leuten entweder nicht angekommen zu sein - oder sie wollen diese bewusst nicht wahrnehmen.

Hinweis: Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym. Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. www.telefonseelsorge.de

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