Ein durch das Sturmtief Herwart entwurzelter Baum liegt in Berlin an der Paulsborner Straße. Foto: dpa
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Sturm, Klima, Sparzwang Warum die Berliner Bäume bedroht sind

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Es ist ein einzigartiger Naturschatz, doch der Bestand der Berliner Straßenbäume nimmt ab. Daran sind nicht nur Stürme schuld. Eine Bestandsaufnahme.

Hunderte Baumwipfel auf der Insel Valentinswerder leuchten im morgendlichen Dunst. Auf einer kleinen Fähre queren vier Männer den Tegeler See. Vor ihnen Seile, Schubkarren, Kletterausrüstung, Kettensägen. Einer der Männer ist Jakob von Recklinghausen, Baumpfleger. Noch einmal durchatmen, den Ausblick genießen. Gleich werden die Kettensägen aufheulen und den Rest des Tages nicht mehr verstummen.

Der Sturm Xavier hat auf der Insel übel gewütet. Was er zerstört hat, muss jetzt von Menschenhand aufgeräumt werden. Die Männer sind auf einen langen Arbeitstag gefasst. Wenn sie am Abend wieder übersetzen, werden sie einige prächtige, aber beschädigte Baumkronen abgetrennt, mächtige Äste entfernt haben. Zur Sicherheit, damit sich später niemand verletzt. Und in Berlin wird es wieder einige Bäume weniger geben.

Riesige Wälder rahmen die Hauptstadt ein, fast 20 Prozent von Berlins Fläche besteht aus Forsten. 437000 Bäume stehen entlang der Straßen, im Schnitt 80 pro Kilometer. Parks und Grünanlagen machen 6400 Hektar des Stadtgebiets aus. Doch der Naturschatz ist bedroht.

Mindestens 46.000 Bäume hat Xavier in den Berliner Wäldern umgelegt. Weitere 10000 Park- und Straßenbäume sind im Stadtgebiet umgekippt oder abgebrochen. Ein spürbarer Verlust. 1,2 Millionen Euro Soforthilfe hat der Senat den Bezirken zugesagt, allein für die Aufräumarbeiten. Aber Herbststürme sind nicht das einzige, das dem Berliner Baum zu schaffen macht. Das Problem ist größer, vielschichtiger. Klimawandel, Verdichtung, Sicherheit, Finanzen. Die drängenden Themen der Gegenwart – sie alle betreffen auch die Bäume.

Ein Streifzug mit Baumexperten und Baumliebhabern offenbart, worunter die Linden, Ahorne, Eichen, Platanen der Stadt leiden – und was getan werden muss, damit Berlin Hauptstadt der Bäume bleibt.

"Das große Thema ist Angst", sagt der Baumpfleger

Auf Valentinswerder hat Jakob von Recklinghausen mittlerweile den ersten Baum zu Fall gebracht. Vorsichtig ist er mit seinen Steigeisen hinaufgestiegen in die abgebrochene Krone, hat Ast um Ast abgesägt, während die Kollegen am Boden die Spannseile im Auge behielten. 50 Jahre oder älter war der Ahorn, vermutlich wild gewachsen. Der lange Stamm, auf einer Höhe von acht Meter glatt durchgebrochen, wird am Ufer der Insel stehen bleiben. „Der kann da rotten“, sagt von Recklinghausen. Klingt morbide, dient aber Artenvielfalt und Naturschutz.

Berlin, Baumpfleger der Firma Baumliebe GmbH bei einem Einsatz auf der Insel Valentinswerder in Tegel. Nach dem Sturmtief Xavier gab es viele Baumschäden an den Gewächsen in Berlin und den Wäldern. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Dass Baumruinen stehen bleiben dürfen, ist die Ausnahme. Die meisten seiner Kunden wünschen sich aufgeräumte Gärten. „ Aber Bäume sind nicht ordentlich“, sagt der 37-Jährige. Vor neun Jahren hat er seine Firma gegründet, sie trägt den Namen „Baumliebe GmbH“. Jakob von Recklinghausen meint das so. Wenn der Baumpfleger der Ansicht ist, dass ein Baum zu schön, zu stattlich oder zu gesund ist, um gefällt zu werden, dann legt er sich mit seinem Auftraggeber an.

Nicht nur im öffentlichen Raum, auch auf Privatgrundstücken ist in den vergangenen Jahren deutlich mehr gefällt worden als früher. „Das große Thema ist Angst.“ Angst vor den Stürmen, Angst vor der gewaltigen Kraft der Natur. Was, wenn beim nächsten Mal der Baum aufs Auto kracht? Aufs Haus? Auf Menschen? Einige Menschen sind während des Sturms Xavier gestorben. Immer waren Bäume im Spiel.

Das Risiko lässt sich nicht ausschalten

Sie zu fällen scheint vielen Baumbesitzern als unvermeidliche Vorsichtsmaßnahme. Auch wenn der Baum im eigenen Garten steht, muss das beim Bezirk beantragt werden. Laubbäume mit mehr als 80 Zentimeter Stammumfang sind per Gesetz geschützt. Wer sich lediglich mehr Sonne auf der Terrasse wünscht, hat mit einem Antrag schlechte Karten. Anders sieht es aus, wenn der Baum bereits Sturmschäden oder nachweisbare Malaisen hat. Dann bleibt den Ämtern meist nichts anderes übrig, als der Fällung zuzustimmen.

Das Risiko lässt sich damit aber nicht ausschalten. „Wir müssen damit leben, dass wir nicht wissen können, was beim nächsten Sturm passiert“, sagt von Recklinghausen. Der nächste Orkan kann die alten, ausgehöhlten, wackeligen Bäume treffen. Die bereits von Pilzen befallen sind oder von Schädlingen geschwächt. Es kann aber auch, das hat Xavier gezeigt, gesunde, bestens verwurzelte Exemplare umhauen.

„Wir brauchen eine breitere Debatte über das Thema“, sagt er, damit nicht nur die Angstmacher Gehör finden. Sonst sei irgendwann jeder Baum ein Problem. Weil: potenziell gefährlich.

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