Sie zupft das Grün vom Grab. Über die Tragödie soll kein Gras wachsen. Foto: Mike Wolffp

Sternenkinder in Berlin Ein Grab, klein wie ein Handtuch

Barbara Nolte
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Es ist ein harter Schlag, ein Kind nach der Geburt sterben zu sehen. Auf einem besonderen Berliner Friedhof können die Eltern trauern. Unser Blendle-Tipp.

Nadja Stadlers Tochter ist eine der jüngsten auf dem Alten St.-Matthäus- Kirchhof. Abort in der 12. Schwangerschaftswoche, sagte die Frauenärztin nüchtern. Und: „Sie können ja wieder Kinder kriegen.“ Dann drückte sie ihr eine Kiste in die Hand, eine Gewebeprobe, wie sie erklärte, die sie in der Pathologie des nahe gelegenen Krankenhauses abgeben sollte. Als ihr Freund und sie die Schachtel vor der Praxis aufmachten, stießen sie auf ein gläsernes Röhrchen, darin ihr daumengroßes Kind. „Mit Augen, Handpaddeln, Fußpaddeln“, sagt Stadler.

Vier Jahre ist das her. Nadja Stadler ist noch immer fassungslos über den abgebrühten Ton der Ärztin. Stadler ist eine zierliche, mädchenhaft wirkende Frau. Kurze, lockige Haare, Schlaghose, Gartenschere in der Hand. Ein Kind zu verlieren sei ein lebensveränderndes Ereignis, sagt sie. „Mein Freund und ich hatten das Gefühl, dass wir dem Baby einen Namen geben möchten.“ Sie wollten es auch bestatten: am liebsten zu Hause unterm Apfelbaum. Doch sie bekamen das Kind nicht mehr aus der Pathologie zurück. Aus Gründen der Hygiene, hieß es.

Stadler wandte sich ratlos an eine Bestatterin. Die rief bei der Klinik an: „Ich sitze hier vor der Mutter des Kindes. Sie hätte es gerne wieder!“

Nadja Stadler sagt, es sei wohltuend gewesen, dass sie endlich mal jemand Mutter genannt habe. Denn so fühlte sie sich. Die Bestatterin gab ihr auch den Tipp mit dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, auf dem auch Fehlgeburten bestattet werden dürfen.

Das Grab ist klein wie ein Handtuch, halb zugewuchert von einem Bäumchen auf dem Nachbargrab. Nadja Stadler schneidet die Äste zurück. Die Mutter, deren Kind nebenan liegt, habe ihr das ausdrücklich erlaubt, sagt sie. Zum Vorschein kommen ein Kieselstein, auf dem in gelb Felice geschrieben steht, zwei hölzerne Marienkäfer, Pinguine aus Ton.

Wie auf einem Friedhof sieht es hier nicht aus, mehr wie in einem bunt dekorierten Kräutergarten. Hinter der Mauer, die den Friedhof vom Schöneberger Teil der Monumentenstraße abschottet, breitet sich ein Flickenteppich von hunderten kleinen Gräber aus, auf denen Windspiele rotieren und Spielzeugautos parken. Dazwischen sitzen Männer, Frauen und Kinder auf Decken und essen Kuchen, Nudelsalat. An den Bäumen hängen Girlanden. Neben einer Stele zum Gedenken an die verstorbenen Babys, die nie bestattet werden konnten, steht ein Tapeziertisch mit Getränken. Das „Erste Hilfe Köfferchen“, ein Kreis von Eltern, deren Babys hier begraben sind, hat am vergangenen Sonntag zum jährlichen Picknick geladen.

Den vollständigen Text lesen Sie für 45 Cent im Online-Kiosk Blendle.

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