Das Blattgold ziert zum Beispiel Uhren. Foto: Anett Kirchner
p

Steglitz-Zehlendorf Vergolderwerkstatt auf der Domäne Dahlem

0 Kommentare

Anja Isensee ist Vergolderin und Fassmalerin. Auf der Domäne Dahlem hat sie ihre eigene Werkstatt.

Noch ist ihr Beruf nicht ausgestorben. Aber die Uhr tickt. Europaweit gibt es nur noch eine Berufsschule, und zwar in München, die die Ausbildung anbietet; für etwa 18 Gesellen im Jahr. Anja Isensee ist Vergolderin und Fassmalerin. Vor fünf Jahren hat sie neben den anderen historischen Handwerksbetrieben auf dem Gelände der Domäne Dahlem ihre eigene Werkstatt eingerichtet. „Wenn ich einen Sprung 500 Jahre zurück machen würde, könnte ich ganz normal weiterarbeiten“, beschreibt sie. Denn die Vergolderin nutzt ausschließlich jahrhundertealte Handwerkstechniken.

Fassmalerin kommt von „fassen“

Nagel, Zange, Hammer, Pinsel, Schwamm, Skalpell: die Utensilien auf ihrer Werkbank erinnern gleichzeitig an eine Tischlerei, Malerwerkstatt, ein Kosmetikstudio oder eine Arztpraxis. Der Unterschied: In einem Regal stehen Gläser mit bunten Blattmetallen wie Silber, Gold, Messing, Kupfer, Platin oder Aluminium. In einem weiteren Regal sind Öle, Kreide und Leime gelagert. All das gehört zu den typischen Arbeitsmaterialien einer Vergolderin und Fassmalerin. Die Berufsbezeichnung Fassmalerin kommt dabei von „fassen“, also bemalen. Im Mittelalter war es allgemein üblich, Bilder, Schnitzarbeiten oder Kirchenfiguren zu fassen.
Wenn Anja Isensee arbeitet, braucht sie besonders feine Instrumente. Denn oft kommt es auf kleinste Details an. Ein Stück Blattgold etwa ist ein Zehntausendstel Millimeter dünn. Wenn sie es aufbringt, helfen ihr eine ruhige Hand, jahrlange Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Konzentration.

Bei der Arbeit: Anja Isensee Foto: Anett Kirchner
p


So vergoldet sie beispielsweise Heiligenfiguren, Rahmen, Möbelteile, Skulpturen, Stuck, Glückwunschkarten, Schriften auf Grabsteinen oder Zaunelemente. Damit das Gold eine gewisse Wucht bekommt, wie es im Fachjargon heißt, also nach dem Polieren richtig schön glänzt, ist die Qualität des Untergrundes besonders entscheidet. Es braucht mehr als 30 Arbeitsgänge, bis eine Vergolderarbeit fertig ist.
Beispielsweise bei der so genannten Polimentvergoldung auf Stuck oder Holz, die bereits in der Antike verwendet worden sein soll. Bei dieser aufwendigen Handwerkstechnik wird Schicht für Schicht jeweils sehr dünn aufgetragen. Auf einem Leimgrund folgen mehrere Schichten aus Kreide, die später mit Tonerde abgeschlossen werden. Alle Schichten greifen ineinander und verbinden sich. Es entsteht ein weiches Polster für das Blattgold. Hierbei geht es vor allem darum, die Dauerhaftigkeit der Arbeit zu sichern.
Als Materialien für die Schichten verwenden die Vergolder zumeist ihre eigenen Rezepturen. Manche Kollegen machen daraus große Geheimnisse. Anja Isensee schmunzelt: „Ich nicht, denn ich möchte, dass die Menschen verstehen, welcher Aufwand und Hintergrund in dieser Arbeit steckt.“

Eigentlich wollte sie Kunstgeschichte studieren

Dass sie tatsächlich einmal Vergolderin und Fassmalerin werden würde, hätte die 42-Jährige nie vorhergesehen. Sie ist in Altenburg in Thüringen geboren und in Magdeburg aufgewachsen. Schon früh habe sie den Wunsch verspürt, etwas Künstlerisches zu machen. Nach dem Abitur wollte sie eigentlich in Leipzig Kunstgeschichte studieren, entschied sich aber zunächst für eine praktische Berufsausbildung. Sie mochte es, mit den Händen zu arbeiten; am liebsten zu malen. „So bin ich die Liste der künstlerischen Malerberufe durchgegangen und bei Vergolderin gelandet“, erzählt sie. Es folgten drei Jahre Lehrzeit. Ihr Ausbildungsbetrieb war eine Restaurierungswerkstatt in Plauen.
Aus familiären Gründen zog sie im Jahr 2000 nach Berlin. Anja Isensee ist verheiratet und hat zwei Kinder. An der Freien Universität (FU) Berlin in Dahlem studierte sie einige Semester Kunstgeschichte, merkte aber, dass Studium und zwei kleine Kinder nicht leicht miteinander zu vereinbaren waren. „Es wurde einfach zuviel“, gesteht sie und deshalb habe sie danach einige Jahre als freiberufliche Vergolderin gearbeitet; auf Honorarbasis in verschiedenen Betrieben.
„In dieser Zeit entstand die Idee einer eigenen Werkstatt“, erinnert sie sich. Nachdem sie 2011 ihre Meisterausbildung abgeschlossen hatte, ging sie deshalb auf die Suche nach geeigneten Räumen. Bei einem Familienausflug zur Domäne Dahlem entdeckte sie die Werkstätten. „Ich habe mich also beworben und nun bin ich hier“, berichtet sie, schmunzelt wieder und wirkt dabei, als sei sie angekommen. Ihre rund 40 Quadratmeter große Werkstatt liegt zwischen denen des Schmiedes Torsten Theel und der Töpferin Regine Lüder. Früher war dieser Raum eine Stellmacherei, von der noch historische Apparaturen an der Decke erhalten sind.

Keine klassischen Schauwerkstätten


Anja Isensee sieht sich mehr als Handwerkerin denn als Künstlerin. In Watte packen - das passe nicht zu ihr. Im Gegenteil. Manchmal sei ihr Job so gar nicht filigran und sauber, stattdessen grob und schmutzig. Erst neulich habe sie die Zeiger einer Kirchturmuhr vergolden dürfen. Dafür stand sie in luftiger Höhe gemeinsam mit den Dachdeckern auf dem Baugerüst. Seitdem schaue sie ganz anders hinauf zu dem Kirchturm, wenn sie Uhrzeit ablese. Und in gewisser Weise überkomme sie dann auch oft Wehmut. Wer wird die Zeiger das nächste Mal vergolden? Ob es ein Vergolder sein wird, der das Handwerk noch gelernt hat? Sie zweifelt.
Und noch etwas ist Anja Isensee wichtig: ihr Betrieb und auch die anderen Werkstätten der Domäne Dahlem seien keine klassischen Schauwerkstätten, wie oft angenommen. Zwar stünden die Türen hier meist offen, aber nicht immer sei es möglich, auf alle Fragen der Besucher einzugehen. „Wenn ich die Zeit finde, mache ich das gern, aber ich muss auch Geld verdienen“, sagt sie offen. Deshalb komme es hin und wieder vor, dass die Tür zu ihrer Vergolderwerkstatt geschlossen bleibt. Möglicherweise arbeitet sie dann gerade an einem besonders wertvollen Restaurierungsobjekt.

Zur Startseite