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Michael Jackson Moonwalk am Reichstag

Andreas Conrad
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Wie der „King of Pop“ Berlin eroberte: Dreimal kam Michael Jackson zu Konzerten in die Stadt, und über den Mauerfall schrieb er ein Gedicht. Auch der Bambi wurde ihm hier überreicht. Doch als er seinen Sohn aus dem Adlon-Fenster hielt, war die Entrüstung groß

Um die 16 Jahre mag sie gewesen sein, einer der vielen Fans, die an jenem Sommerabend 1988 beim Auftritt von Michael Jackson vor dem Reichstag reihenweise kollabierten. Meist Opfer von Kreislaufzusammenbrüchen, doch auch Prellungen, Brüchen, wenn ihre provisorischen Ausgucke zusammengebrochen waren. Das Mädchen, das Helfer ins Zelt der Malteser nahe der Bühne gebracht hatten, war ein besonderer Fall. Michael habe ganz allein sie angesehen, stammelte sie, hin- und hergerissen zwischen Weinkrämpfen und Lachen.

Eine an die Beatlemania früherer Jahrzehnte erinnernde Hysterie, kaum mehr vorstellbar, hatte am Abend des 19. Juni 1988 von der Stadt Besitz ergriffen. Die von der Mauer noch durchschnittene Mitte war durch Michael Jacksons erstes Berliner Konzert für einige Stunden Krisengebiet, hüben wie drüben. Das Konzert war Teil seiner ersten Welttournee, im Jahr nach der Veröffentlichung des „Bad“-Albums. Wie im Jahr zuvor gab es auch 1988 eine Serie von drei Rockkonzerten vor dem Reichstag, die Jackson, damals auf dem Höhepunkt des Ruhms, krönte. Im Vorfeld hatte es neben dem üblichen Werbegetrommel Gerüchte gegeben, dass gefälschte Tickets kursierten, sichergestellt wurden nur einige Dutzend, bei rund 40 000 Besuchern, womit die Kapazität des Platzes bei Weitem nicht erschöpft war. Trotzdem wurde das Gedränge nach Konzertbeginn an den Eingängen so beängstigend, dass der Veranstalter auf Bitten der Polizei tausende Fans ohne Kontrolle einließ. Gegen 15 Uhr waren die Eingänge geöffnet worden, eine Stunde später war es vor der Bühne völlig überfüllt, und so endete für manchen das Konzert bereits, bevor Jackson auch nur den ersten Kiekser gesungen hatte. Immer wieder mussten die Ordner völlig erschöpfte Mädchen und junge Frauen aus dem Gedränge ziehen, eimerweise schütteten sie Wasser über den Wartenden aus, reichten Getränke.

Auch jenseits der Mauer ging es hoch her. Rund 5000 Jugendliche, so hieß es, hatten sich am Brandenburger Tor versammelt. Anders als 1987, als es schwere Auseinandersetzungen zwischen Rockfans und den Sicherheitsorganen gegeben hatte, blieb es recht ruhig, dafür gingen Vopos nun vor allem gegen Westmedien vor, die über die Reaktionen der Ost-Jugend auf Jackson berichten wollten.

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Das Konzert selbst muss viele enttäuscht haben, während es lief, war der Abfluss resignierter Fans un übersehbar. Allzu eng hielt sich die Choreografie an die Videos, Euphorie wollte da nicht aufkommen. Immerhin sah man den Moonwalk nun live. Übernachtet hat Jackson damals im Schweizerhof in der Budapester Straße. Offiziell war er im Interconti abgestiegen – dort schlief ein Doppelgänger.

Noch zweimal gab Jackson Konzerte in der Stadt. Am 4. September 1992 trat er im Rahmen der „Dangerous“-Tour im Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion in Prenzlauer Berg auf. Ursprünglich sollte er auf dem Maifeld am Olympiastadion singen, der Vorverkauf lief aber schleppend. Die Ost-Berliner waren dennoch stolz, dass der „King of Pop“ nun zu ihnen kam. Bei Konzertende sauste Jacko mit Düsen auf den Rücken davon. „Ladies and Gentlemen, Michael Jackson has left the stadium“, tönte es aus den Lautsprechern, so ähnlich war stets auch Elvis abgetreten.

Das dritte Berliner Konzert, innerhalb der „HIStory“-Tour am 1. August 1997 im Olympiastadion, schloss daran an: Als Raketenmensch war Jacko entschwunden, in einer Raumkapsel brach er nun durch den Bühnenboden, Beginn eines wie gewohnt mit eiskalter Perfektion abgespulten Programms. Im Titelsong des „HIStory“-Albums hatte Jackson weltgeschichtlich bedeutsame Tage wie den 9. November 1989 – „The Berlin Wall comes down“ – Revue passieren lassen, auch mit der Show versuchte er eine Tour de Force durch die Weltgeschichte. Eine Hysterie wie 1988 blieb dennoch aus.

 Im Sommer 2005 tauchte kurz das Gerücht auf, Jackson wolle die Potsdamer Kampffmeyer-Villa an der Glienicker Brücke kaufen, woraus nichts wurde. So blieb sein letzter Berlin-Besuch der Auftritt am 19. November 2002. Anlass war die Bambi-Verleihung, in Erinnerung blieb der Tag aber nicht durch die Preiszeremonie und die Visite bei den Zoo-Gorillas, sondern durch das „Baby-Baumeln in Berlin“, wie es in US-Medien bald hieß. Zu aller Entsetzen hatte Jacko seinen neun Monate alten Sohn aus einem Fenster des Adlon gehalten, wofür er sich tags darauf entschuldigte: „Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.“

Damals ging er hier auch shoppen, erwarb im Kulturkaufhaus Dussmann CDs und Filme. Dort waren Jackson-DVDs gestern am frühen Nachmittag ausverkauft, auch vom CD-Bestand gab es nur noch Reste – ein derzeit in Plattenläden weltweites Phänomen. Auch zu Madame Tussauds Unter den Linden zog es die Fans, wo die Wachsfigur des Sängers in den frei zugänglichen Eingangsbereich umgesetzt und ein Kondolenzbuch ausgelegt wurde, das später der Familie des Stars geschickt wird. Und wer noch Jacksons Buch „Dancing the Dream – Gedichte und Gedanken“ von 1992 im Regal stehen hat, wird vielleicht zum Gedenken mal wieder darin blättern und auch auf „Berlin 1989“ stoßen – Jacksons Version des Mauerfalls. „Sie hassten die Mauer, aber was konnten sie tun?“, heißt es einleitend, dann lässt der Dichter die Mauer selbst sprechen: „Ich lehre euch schon Mores.“ Doch da erinnern sich alle an die Verwandten drüben, versuchen in einer Art Röntgenblick der Liebe durch die Mauer zu blicken, bis sie zerbricht: „Eine Million Herzen hatten zueinander gefunden.“

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