Hotel Adlon Die Legende lebt

Sebastian Leber
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Ein Grandhotel mit großem Namen, gut hundert Jahre alt: Hier gastierten Kaiser, Könige, Künstler. Nach dem Krieg abgebrannt, 1984 abgerissen, 1995 am gleichen Platz neu errichtet: Unter den Linden 77. 125.000 Gäste checken jährlich im Adlon ein. 400 Angestellte arbeiten für sie, davon allein 70 Köche.

Was so schlimm sein soll an der Farbe Grün, haben sie nicht gefragt. Die Dame mochte kein Grün, also wurden sämtliche Gegenstände dieses Farbtons aus der Suite entfernt. Das ist das Credo des Adlon im Umgang mit Kundenwünschen: Es wird nicht lange gefragt, es wird gemacht.

Das war so bei der Dame mit der Aversion gegen Grün, das war so bei dem wohlhabenden Herrn, der sein Zimmer stockdunkel wollte. Für ihn haben sie alle Fenster abgeklebt, bis kein Lichtstrahl mehr durchkam. Dann gab es den Gast, der eine Woche vor Anreise mitteilen ließ, dass er zwar eine Luxussuite beziehen wolle, aber bitteschön eine ohne Badewanne. Und weil natürlich alle Zimmer im Adlon mit Badewannen ausgestattet sind, haben die Handwerker eine aus der Wand gerissen und an der Stelle die Wand neu verfliest. Kein Problem, solange der Gast die Abrissarbeiten und den späteren Wiedereinbau bezahlt – plus den Einnahmeausfall für die Zeit des Umbaus, in der die Suite nicht vermietet werden kann. In diesem Fall waren das tausende von Euro.

Solche Sonderwünsche landen auf dem Schreibtisch von Andrea Zeidler-Arslan, 36, oben im Bürotrakt im vierten Stock. Sie ist die „Direktorin für Veranstaltungen und Catering“, sämtliche Events im Haus, von der Firmenfeier über die Verbandsfachtagung bis zur Charity-Gala, werden von ihr geplant und betreut. Und eben alle zahlungskräftigen Gäste, die mehr als zehn Zimmer gleichzeitig anmieten wollen. Das sind bekannte Schauspieler, Musiker, Adlige, Großunternehmer. Und Staatsgäste, die mit Tross anreisen.

Etwa 15 Aufträge koordiniert Andrea Zeidler-Arslan pro Woche, acht Mitarbeiter helfen ihr, und im Büro geht es zu wie in einem Callcenter, sagt sie. Weil ständig Absprachen nötig sind. Um nicht den Überblick zu verlieren, klebt sie sich gelbe Post-its gleich stapelweise auf den Schreibtisch. Vergangenes Jahr waren besonders viele nötig. Wegen des G-8-Gipfels und der deutschen Ratspräsidentschaft zog es viele ausländische Spitzenpolitiker nach Berlin. Aber auch, weil die Bundesregierung inzwischen laufend Staatsgäste einlädt: „Frau Merkel ist ganz schön fleißig“, sagt Andrea Zeidler-Arslan. So wohnten 2007 unter anderem Königin Beatrix, Juan Carlos aus Spanien und Norwegens König Harald der Fünfte im Adlon. Das meiste Aufsehen erregte König Abdallah von Saudi-Arabien – auch wenn „wir vom Adlon uns niemals dazu öffentlich geäußert haben“. So konnte die Presse nur spekulieren, wie viele Zimmer das Staatsoberhaupt tatsächlich für sich und sein Gefolge angemietet hatte. Von 200 war die Rede und von äußerst aufwendigen Umbauten der Zimmer. „Kein Kommentar“, heißt es auch im Nachhinein dazu.

Andere prominente Gäste waren weniger anspruchsvoll: Ex–Bonddarsteller Pierce Brosnan wurde während der letzten Berlinale an der Bar gesehen, wie er ungezwungen mit anderen Hotelgästen plauderte. Und im Dezember logierte Renée Zellweger hier, um ihren neuen Film „Bee Movie“ der Presse vorzustellen.

Andrea Zeidler-Arslans Aufgabe ist es, alle besonderen Vorgänge im Haus zu koordinieren. Das heißt: Planen, Kosten ausrechnen und dann die betroffenen Abteilungen informieren. Die Küche, die Butler, die Techniker, die Reinigungskräfte. Man kann es auch so formulieren: Wenn irgendwo im Adlon das Telefon klingelt und Frau Zeidler-Arslan ist dran, bedeutet das Arbeit. „Beliebt macht man sich damit nicht“, sagt sie lächelnd. Aber ja, bisher redeten noch alle Kollegen mit ihr, selbst der Elektriker. Der musste eine Nachtschicht schieben, als ein Staatsgast am Abend vor der Anreise ausrichten ließ, dass vorsorglich alle elektronischen Geräte, vom Fernseher über die Glühbirnen bis zur Stereoanlage, ausgetauscht werden müssten. Aus Sicherheitsgründen, ein Gerät könnte ja zur Bombe umgebaut sein.

Die größten Veranstaltungen im Haus sind für bis zu 1000 Gäste gedacht, so findet jedes Jahr zur Internationalen Tourismusbörse eine Party statt, mit riesigem Büfett und Livebands. Dann wird auch die berühmte Eisbar aufgebaut, zwölf Meter lang und vier Meter hoch.

Die aufwendigste Dekoration gab es vergangenes Jahr im Oktober. Da hängten Mitarbeiter den ganzen Ballsaal mit weißen Tüchern ab und verteilten Skulpturen aus Eis im Raum. Der Anlass war bedeutend: die 100-Jahr-Feier des Hotels. Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher feierten mit, natürlich auch Klaus Wowereit und seine Vorgänger. Es waren mehr Gäste da, als das Adlon Geschirr hat. Aber keine Panik: Die Chefplanerin hatte es vorausgesehen und welches angemietet.

Stressig wird es, wenn Gäste kurzfristig neue Wünsche haben. „Wenn ich etwa abends um 18 Uhr erfahre, dass der Gast morgens für seinen Rückflug im Privatjet Verpflegung braucht.“ Verpflegung heißt dann etwa: ein Teller mit Meeresfrüchten, exotische Süßigkeiten, viel frisches Obst, verschiedene Hauptgänge. Alles ganz genau notiert auf einem halben Din-A4-Zettel, abzuliefern bis zum nächsten Morgen um sieben.

Manche Gäste kommen ins Adlon, um ihrem Partner in stilvoller Umgebung einen Heiratsantrag zu machen. Dann bekommen sie ein Zimmer, meist mit Blick aufs Brandenburger Tor, ein schönes Essen, Blumen, ein bisschen Dekoration. Der Champagner steht bereit, auf Wunsch kommt eine Band. Nur fragen muss der Gast schon selbst. Zehn Anträge gab es im vergangenen Jahr. Alle wurden angenommen. Keine schlechte Quote, findet Andrea Zeidler-Arslan.

Auch für Hochzeitsfeiern kann das Adlon angemietet werden, entweder unten der Ballsaal oder ein Stockwerk höher der Palaissaal mit Blick zum Potsdamer Platz. Auf internationale Gäste ist man bestens vorbereitet: Für Moslems gibt es Gebetsteppiche mit eingewebtem Kompass, damit sie wissen, wo Mekka ist. Größere Gruppen bekommen laminierte Pfeile, die auf dem Boden festgeklebt werden.

Und dann sind da noch die riesigen Tücher, die man an der Zimmerdecke aufhängen kann und die bis zum Boden hinunterreichen. Ein bisschen wie Steilwandzelte sehen die aus. Gebraucht werden sie in der Küche, wenn jüdische Gäste koscheres Essen wünschen. Milch- und Fleischprodukte müssen dann getrennt voneinander zubereitet werden. Es passiert, dass die Tücher fünf Tage in der Küche hängen: So lange braucht es manchmal für die Zubereitung von koscherem Essen.

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