Beim "Stadtforum 2030" dürfen Berlins Bürgerinnen und Bürger die Zukunft der Stadt mitdiskutieren. Foto: dpap

"Stadtforum 2030" Berlin diskutiert seine Zukunft

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Berlin debattiert im Roten Rathaus: Zum "Stadtforum 2030" kamen ganz verschiedene Bürger Berlins, um über die Zukunft der Stadt zu diskutieren. Doch nicht alle waren begeistert.

Der Bausenator hat eingeladen, und alle kommen: Die Dame jenseits der 70, Bewohnerin eines barrierefreien Hauses, mutet sich diesmal die Barriere der Treppe zum Festsaal des Roten Rathauses zu, weil sie sich wegen „existentiell bedrohlich“ steigender Mieten sorgt. An ihr vorbei stürmt Christoph Langhof, Architekt eines Hochhausneubaus am Zoo. Auch der allgegenwärtige Bauträger Klaus Groth ist Michael Müllers (SPD) Einladung gefolgt. Er hat sich einen Platz in der letzten Reihe gesichert und hofft vor allem auf eine Beschleunigung der Baugenehmigungsverfahren in der Stadt. Sogar die blaue Litfasssäule im Vorraum mit den unzähligen Merkzettelchen, auf die Besucher sich zur Zukunft Berlins äußern, macht sich auf die Beine – es sind allerdings, unsichtbar in ihrem Inneren, die von Studenten.

Das erste öffentliche „Stadtforum“ zum Stadtentwicklungsplan 2030 (Stek) hat alle zusammengebracht. Andere fehlen. Der Sprecher für Stadtentwicklung der CDU-Fraktion, Stefan Evers, wundert sich über die schwache Beteiligung von Parlamentariern. Auch der Chef der Senatskanzlei Björn Böhning, der laut Programm über die „Herausforderung für die ganze Stadt“ berichten soll, ward nicht gesehen.

„Alle spüren es, Berlin verändert sich und wächst“, sagte Bausenator Müller. Heute leben 100 000 Menschen mehr in der Stadt als noch vor drei Jahren. Junge Leute kommen, viele aus den Krisenländern Südeuropas oder den Schwellenländern im Osten des Kontinents. Sie drängen auf den Wohnungsmarkt, kämpfen um Stellen auf dem Arbeitsmarkt, sie bringen Ideen mit und eröffnen Geschäfte. Und sie mischen die Quartiere auf, aus denen sich die Alteingesessenen schon mal verdrängt fühlen. Die Stadt gewinnt an Vielfalt, es wird aber auch enger. Veränderung, Chancen und Risiken.

Das Stadtforum zeigt auch den Blick von außen

Und eine Herausforderung für die Politik. Der „Stek“ soll ihr die Leitlinien liefern, auf Grundlage einer über hundertseitigen Analyse und mit einem Dutzend teils öffentlicher Veranstaltungen bis Frühjahr kommenden Jahres. Dann soll das Programm, das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Schwerpunkte setzt, als Senatsbeschluss verabschiedet werden. Eine Herkulesaufgabe.

Der Termin am Mittwoch hat einen Anfang gesetzt – nicht unklug eingeleitet mit Blicken von außen: Der französische Berlin-Korrespondent Pascal Thibaut referiert aus heimischen Reiseberichten, in denen Franzosen dem fernen Preußen eine „Verachtung für Gastronomie und Garderobe“ bescheinigten, Sozialsystem und Straßenreinigung allerdings bewunderten. Bon – heute gelte Berlin als „sehr schick“ in Paris, sagt Thibaut, auch wenn der Straßenreinigung nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit gelte.

Rainer Danielzyk von der Leibniz-Universität in Hannover pries Berlins „Dominanz in der Forschung“. Ein vergiftetes Lob, denn er wies sogleich auf den deutlichen Rückstand Berlins gegenüber anderen Metropolen bei den Patentanmeldungen hin, ein Symptom für das schwache Band zwischen Forschung und Wirtschaft. Auch fehle es an Konzernzentralen, was Berlins Ausstrahlung als Hauptstadt relativiere. Kümmerlich sei auch die Anbindung an „internationale Verkehrsströme“: Im Vergleich zu Frankfurt oder Wien fielen die Luftfracht- und Passagierzahlen deutlich ab. Wie war das mit dem Eröffnungstermin vom BER? Ach ja, auch bei der Bildung müsse „viel mehr getan“ werden. Dramatisch hoch sei der Anteil der Schulabbrecher und der Kinder mit erwerbslosen Eltern im Bundesvergleich. Und die Wohnungsnot könne den sozialen Zusammenhang einer Stadtgesellschaft zerreißen.

Berlin zieht an, doch es muss sich auch im Wettbewerb durchsetzen

In der bunt gemischten Talkrunde – aus Unternehmensberaterin, Schriftstellerin, Klimaexperten und Sozialunternehmerin – erntete die weit reisende Autorin Daniela Dahn den größten Applaus für ihre Erklärung der Anziehungskraft Berlins im Ausland: „Der RAW-Tempel, die preiswerten Clubs, die leeren Fabrik-Etagen, sie haben Berlins Image geschaffen“ unter den Jugendlichen weltweit. Und deshalb warnte sie: „Das bröckelt. Der Markt greift hart durch“. Dass der Stadtentwicklungsplan dann noch die Kunst nur als Lockvogel für Investoren darstelle, das sei geradezu zynisch.

McKinseys Wirtschaftsexpertin Katrin Suder klagte, dass „wir uns nur gegenseitig die Haare schneiden“, ein schönes Bild für die „zu geringe Wertschöpfung“ der „zu wenigen Leute, die in Berlin arbeiten“. Jeder Dritte ist es nur, in Hamburg ist es jeder zweite. Möglichst schnell Planungssicherheit müsse der Senat für die Zukunftsindustrien schaffen, forderte sie und meinte damit wohl den künftigen High-Tech-Standort Tegel. Doch zu einem Zentrum etwa für die Batterieproduktion könne Berlin nur dann werden, wenn es sich im weltweiten Wettbewerb gegen andere Metropolen durchsetze.

Und das Publikum? Bis auf den letzten Platz waren die Reihen gefüllt und wer keinen Stuhl mehr aus Nebenräumen herschleppen mochte, ließ sich kurzerhand auf dem Parkett nieder. Auffällig viele jüngere Leute kamen. Einer forderte die Abkehr vom Leitbild der autogerechten Stadt, die das historische Zentrum zerstöre. Die Vorsitzende des Berliner Behindertenverbandes beklagte den Mangel an barrierefreien Wohnungen.

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