Festung für Gott. Die große Klosteranlage Marienstern wurde 1228 gebaut, später als Herrenhaus und für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Foto: Andreas Franke/TMBp

Serie "Durch Luthers Brandenburg", Folge 5: MühlbergNichts mehr übrig vom Kampfgeist der Reformation in Mühlberg

von Hella Kaiser0 Kommentare

Das kleine Städtchen an der Elbe war 1547 Schauplatz eines schrecklichen Gemetzels. Das Reformationsmuseum im Ort erzählt die Geschichte.

Ruhig floss die Elbe dahin, auch an diesem Aprilsonntag im Jahre 1547. So, als sei nichts geschehen, als hätte sich das Ufer nicht vollgesogen mit Blut. Es tobte die Schlacht von Mühlberg. Die Vereinigten Heere Kaiser Karls V. hatten den Fluss überquert, schwimmend oder zu Fuß über die Planken zusammengebundener Schiffe. Ihnen gegenüber standen die Soldaten des Schmalkaldischen Bundes, einem Zusammenschluss von protestantischen Reichsständen um den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich den Großmütigen.

Wer siegen würde, war von vornherein klar. Denn während das Fürstenheer nur rund 1000 Reiter und 5000 Fußknechte aufbieten konnte, verfügte der Kaiser über 25000 Söldner. Unter ihnen waren bunt angezogene Deutsche mit Hellebarden, ungarische Reiter mit schweren Säbeln, Spanier mit Lang- und Sizilianer mit Stangenwaffen. Ein grausames Gemetzel fand statt. Hier stand Reichsgewalt gegen Fürstenmacht, aber es ging auch darum, den alten Glauben gegen den neuen zu verteidigen.

Im Reformationsmuseum können Besucher verschiedene Perspektiven einnehmen

Im Reformationsmuseum in Mühlberg wird die Geschichte verständlich und facettenreich erklärt. Vor zwei Jahren eröffnete die Dauerausstellung in der vorbildlich restaurierten Klosterprobstei. Sparsam dekorierte Ausstellungsstücke, klar formulierte Texte auf Deutsch und Englisch und das moderne didaktische Konzept präsentieren das Thema wie aus einem Guss. „Wir haben bewusst darauf verzichtet, Kleidungsstücke, Rüstungen oder Waffen zu zeigen“, sagt Museumsführerin Martina Pöschl, die auch die Touristeninformation im Haus betreut.

Mithilfe einer Medieninszenierung kann sich der Besucher während der Schlacht in drei verschiedene Personen hineinversetzen und so verschiedene Perspektiven einnehmen. Da ist Wolf von Schönberg, der Heerführer des Kurfürsten, und jener des Kaisers, Fernando Alvarez de Toledo, Herzog von Alba. Aber auch in die Rolle eines einfachen Landsknechts kann man schlüpfen.

Im Museum über Reformationsgeschichte ist eine Replik des Stadtwappens von Mühlberg an der Elbe zu sehen. Foto: Patrick Pleul/dpap

Martin Luther war nie in Mühlberg. Aber mit Einführung der Reformation im Herzogtum Sachsen in den 1530er Jahren waren die meisten Bürger der Stadt zum evangelischen Glauben übergetreten. 1540 kam eine sogenannte Visitationskommission, zu der enge Vertraute Luthers gehörten. Man wollte nach dem Rechten sehen – und war erfreut. Sogar der frühere Vikar der Neustädter Kirche hatte den evangelischen Glauben angenommen.

Das Kloster blieb zunächst unangetastet, wenn die Nonnen auch ihre Ordensgewänder ablegen mussten. Sie durften allerdings weiter in dem Gebäude wohnen. Erst 1559 mussten sie es endgültig verlassen. Danach wurden in der Klosterkirche evangelische Gottesdienste gefeiert.

Restaurierungen nach der Wende

Das Kloster, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museum, steht heute wieder prächtig da. Im 16. Jahrhundert war es ein evangelisches Stift, später auch Aufbewahrungsort für landwirtschaftliche Geräte. Nach der Wende begannen die sorgfältigen Restaurierungen. So wurden unlängst etwa 16 fehlende Filialtürmchen neu aufgesetzt. Schon die Steine dafür zu finden, war schwierig. In Europa produzieren nur noch vier Ziegeleien das notwendige Material. Seit 2006 wird das Kloster von der katholischen Ordensgemeinschaft der Claretiner betrieben. Pater Alois Andelfinger führt hier ein Ökumenisches Haus der Begegnung und Stille. „Es ist offen für alle“, betont der Geistliche freundlich.

Kurfürst Johann Friedrich kannte das Kloster natürlich gut. Er würde es kaum verändert finden. Der Fürst wurde nach der verlorenen Schlacht von Kaiser Karl V. gefangen genommen. Im Feldlager von Wittenberg verurteilte man ihn zum Tode. Er spielte gerade Schach, als ihm die Nachricht überbracht wurde. Und er soll zu seinem herzoglichen Schachpartner ungerührt gesagt haben: „Spielen wir weiter.“

Das Todesurteil wurde „in ewige Gefangenschaft“ umgewandelt. Zwar durfte Johann Friedrich die kaiserliche Umgebung nicht verlassen, genoss aber durchaus Privilegien. Ein Ölgemälde zeigt den wohlbeleibten, bärtigen Fürsten wieder beim Schachspiel, diesmal mit einem seiner Bewacher.

Die befürchtete Rekatholisierung Mühlbergs war ausgeblieben. Nach fünf Jahren Haft wurde er freigelassen. Seinen Beinamen „der Großmütige“ erhielt er später für seinen Einsatz für die Reformation. 1555 wurde in Augsburg der Religionsfrieden geschlossen, der das gleichberechtigte Nebeneinander der Konfessionen regelte.

Heute stehen viele der alten Häuser leer

Mühlberg legt noch immer beredtes Zeugnis von der damaligen Zeit ab. Die Neustädter Kirche, in der 1539 der erste evangelische Gottesdienst im Städtchen gefeiert wurde, besitzt noch einen vorreformatorischen Marienaltar, hat aber auch ein Lutherfenster. Am Rathaus prangt ein rundes Schild: „Ratskeller 1543“. Leider ist er längst verschwunden, auch wenn die Gemeindevertreter noch in dem Gebäude mit schönem Maßwerkgiebel arbeiten.

Viele alte Häuser stehen heute leer. Der ehrwürdige Gasthof zum Löwen etwa, mit dem steinernen Leo über dem Portal. Als die Bürgermeisterin 1981 nach Mühlberg zog, waren noch 6433 Menschen hier ansässig. Inzwischen ist die Einwohnerzahl auf gut die Hälfte geschrumpft. Das Städtchen, so malerisch an der Elbe gelegen, wirkt an diesem Dienstagvormittag fast wie ausgestorben.

Beim Hochwasser 2002 wurde der Ort evakuiert. Doch die Menschen hatten Glück. Die Deiche hielten und wurden später noch verstärkt. „Beim Tornado 2010 ist der Turmhelm unserer Kirche weggeflogen“, erzählt Pater Alois Andelfinger. Nun hat der Turm seine Haube zurück.

Schloss zu verkaufen - für knapp 600 000 Euro

Im Ort weisen Schilder zum Schloss. Leider steht es schon lange leer. Ein Einheimischer hatte das historische Gebäude 1999 erworben und sich dabei finanziell verhoben. Die Zwangsversteigerung wurde angeordnet. Jetzt wird das Schloss auf der Internet-Plattform immowelt angeboten – für 598000 Euro. Wer sollte so viel Geld für ein Gebäude hinlegen, das erst mal von Grund auf saniert werden muss? So bleibt es im Dornröschenschlaf. Auf der Website der Stadt Mühlberg endet die Geschichtsschreibung für das Schloss 1999. Vom Plan, ein Hotel und eine „anspruchsvolle Gaststätte“ dort einzurichten, liest man dort und auch von der Erschließung der erhaltenen historischen Keller.

Ein Prinz müsste kommen und am besten gleich den ganzen Ort wachküssen. Die Bürger, so scheint’s, haben aufgegeben. Viele sind alt, den übrigen fehlt wohl der Elan. Zwar gibt es ein paar Lokale, aber die Öffnungszeiten sind erstaunlich kurz. Dass es sich nicht lohne, „für die paar Radler, die in die Stadt fahren“, hört man von einigen. Dass der Mindestlohn verhindere, Aushilfen einzustellen, wenn man denn überhaupt welche fände. Der Pferdeschlachter, der einige Lokale beliefert, öffnet nur freitags. Die einzige Konditorei ist am Wochenende geschlossen.

Zur Zeit der Reformation herrschte hier wohl ein anderer, kämpferischer Geist. Vielleicht kehrt er zurück, wenn in dieser Saison mehr Besucher kommen – und sich Geschäfte wieder lohnen. Der Pater, übrigens ein Bayer, lässt sich jedenfalls nicht beirren. „Wenn die Nachfrage da ist, bieten wir im Klostergarten natürlich Kaffee und Kuchen an“, sagt er strahlend.

TIPPS ZU MÜHLBERG

AUSSTELLUNGEN

„Zwischen Pfarrhaus und Ratssaal – die Reformation im Amt Mühlberg“ heißt die Sonderausstellung, die bis zum 5. November im Reformations-

museum zu sehen ist.

KLOSTER

Ein Rundgang übers Klostergelände

Marienstern und die Besichtigung der Klosterkirche ist zu jeder Zeit empfehlenswert. Unvergleichbar aber ist die besinnliche „7-Sterne-Führung“ im

Kerzenschein. Stattfinden wird sie wieder am 16. September und 27. Oktober, jeweils um 20 Uhr. Anmeldung: Telefon: 035342/87784, im Internet: kloster-marienstern.de

RADTOUR

Auf einer Rundtour entlang der Radroute „Historische Stadtkerne 5“ entdeckt man schöne alte Bauten, Kirchen und Schlossanlagen. Auch Mühlberg wird auf dieser Route berührt. Die

gesamte Strecke lässt sich in sechs Etappen von jeweils 30 bis 65 Kilometern erradeln. Oder eben in mehreren Tagesausflügen.

AUSKUNFT

Tourismusverband Elbe-Elster-Land e.V., Markt 20, 04924 Bad Liebenwerda,

Telefon: 035341/30652

KONDITOREI SCHALLER

Hier wird das leckere Haynichbrot gebacken, nach einem Originalrezept aus der Lutherzeit. Vorbestellung empfohlen unter Telefon 035342/426. Wer was Süßes möchte, probiert die „Elbschiffchen“, überzogen mit rosa und weißem Zuckerguss.

DIE AUSFLUGSKARTE

Mühlberg liegt im südwestlichsten Teil des Landes Brandenburg, auf halber Strecke zwischen Riesa im Süden und Torgau im Norden. Mit der Bahn fährt man bis Falkenberg/Elster und steigt dort in den Bus 536 nach Mühlberg. Der fährt neuerdings (bis zum 3. Oktober) im Zwei-Stunden-Takt. Der erste Bus startet ab Bahnhof Falkenberg um 9.15 Uhr, der letzte ab Mühlberg um 18 Uhr. Unsere Ausflugskarte hilft, sich im Städtchen zurechtzufinden.