Einmal Ritter sein - oder Ritterin. Bei den Mitmachspielen im FEZ. Fotos: Kitty Kleist-Heinrichp

Ferien im Freizeit- und Erholungszentrum Berlin Eine Zeitreise zum Mitmachen

Clarissa Herrmann
0 Kommentare

Mit einem Mitmach-Stadtspiel lockt das FEZ in die Wuhlheide – und erzählt vom Dorfleben in den Zeiten der Reformation.

Wie wird Nestor, der Landesherr von Wuhlingen wohl reagieren, wenn er erfährt, dass das kleine Dorf unweit von Berlin, sich seinen Weisungen widersetzt hat? Ist es den Bewohnern doch strikt verboten, Versammlungen einzuberufen oder gar ein Abstimmungshaus zu bauen!

Die Wuhlinger aber wollen selbst entscheiden. Mitten auf dem Dorfplatz bauen sie gerade ein Rundgebäude - den „Hut“ – wo sie debattieren und eigene Gesetze erlassen. Letzte Woche wurde beispielsweise beschlossen, dass auch Mädchen an der Universität studieren dürfen.

500 Jahre Reformation: Da wird gefeiert, was das Zeug hält. Allerhand Ausstellungen und Vorträge kann man landauf, landab besuchen. Wie aber lebte es sich damals, während des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit? Als Buchdruck und Humanismus das Denken veränderten? Um das zu erleben, kann man sich im FEZ-Berlin, dem Kinder-, Jugend- und Familienzentrum im Park Wuhlheide in Köpenick, auf eine Zeitreise begeben: Durch einen schwarzen Zeittunnel, an dessen Wänden Bilder die wichtigsten Errungenschaften der jeweiligen Epoche illustrieren, kommt man von der Jetzt-Zeit zurück ins Jahr 1517.

Bei diesem Mitmach-Stadtspiel bestimmen die Kinder selbst, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Das Ganze wurde von Projektleiterin Saskia Thomas als Planspiel konzipiert. Wichtig ist ihr dabei, dass den Kindern „lebendiges Wissen“ vermittelt wird: „So oft wie möglich haben wir auf moderne Mittel verzichtet. Vieles wurde damals ja in direktem Kontakt mit der Natur hergestellt. Das kostete viel Zeit,“ erläutert Thomas. Auf spielerische Art können sich die Kinder so historische Zusammenhänge erarbeiten und Wertschätzung erleben - eine tolle Sache besonders in den Ferien.

Dabei ist das Spiel nicht völlig durchgeplant. Es gibt den Grundplot mit dem Landesherren Nestor und verschiedene Themen, die durch die 40 bis 50 Mitarbeiter nach und nach ins Spiel eingebracht werden. So wird Wuhlingen in naher Zukunft wohl von der Pest heimgesucht werden, ist zu hören. Dann ist es an den Kindern, Lösungen zu finden.

Treffsicher machte sich Justus ans Werk: Auf dem 35 000-qm-Areal des FEZ lernt man auch alte Spiele kennen. Fotos: Kitty Kleist-Heinrichp

Zu Anfang bekommt jeder Mitmacher am Check-In-Schalter am Ende des Zeittunnels einen kleinen Jutebeutel mit einem Plan von Wuhlingen sowie die Spielregeln. Saoirse, 8, Morgaine, 9, und Justus, 10, erfahren, dass die Vogtei wie eine Art Arbeitsvermittlung funktioniert und man ihnen dort sagen wird, in welchem Handwerk noch tatkräftige Tagelöhner gesucht werden. Da gibt es die Schmuckwerkstatt und den Spielzeugbau, eine Druckwerkstatt und den Holzbauplatz, die Näherei, die Schmiede und die Werft und vieles mehr. Entlohnt wird man auch: Wuhlingen hat seine eigene Währung. Man kann sein Geld sogleich auch wieder ausgeben: für den Drachenexpress, auf dem Markt oder in der Gastwirtschaft. Lehrlinge bekommen dort im Übrigen die Suppe zum halben Preis.

Die drei rasen aber erstmal zum Wasserspielplatz vor den Toren des Dorfes und vergnügen sich mit Wasserrädern und Pumpe. Auch das ist möglich: einfach nur spielen. Sich treiben lassen. Später werden Saoirse, Morgaine und Justus Bogenschießen lernen und an einem Ritterturnier teilnehmen.

„Beim Ritterturnier kann man sich qualifizieren“, erklärt Ben, der als Wache in dem kleinen Dorf Wuhlingen arbeitet. „Mein Freund Felix zum Beispiel ist Knappe, der kann jetzt zum Ritter aufsteigen.“ Gerade leitet Ritter Augustinus – einer der erwachsenen Mitarbeiter – den Wettbewerb: Die angehenden Ritter müssen mit ihren selbstgebastelten Holzschilden erfolgreich Bälle abwehren. Ben ist neun und schon den fünften Tag hier.

Mittelalterliche Spiele im FEZ. Fotos: Kitty Kleist-Heinrichp

Er gehört nicht nur zur Wache, sondern ist auch Geselle in der Apotheke und hat einen Doktor in Theologie an der Wuhlinger Universität absolviert. Sofort bietet er eine Stadtführung an und erbittet sich dafür eine kurze Unterbrechung seiner Wachtätigkeit. Später wird er mit diesem neu erschaffenen Beruf drei Papierlinge verdient haben.

Ben führt durch die Apotheke, wo eine Salbe mit selbst geernteten Ringelblumen hergestellt wird, durch den Kräutergarten, wo er alle Heilkräuter erklären kann, sowie in die Färberei, wo eine Gruppe gerade loszieht, um Blüten für den Färbesud zu sammeln. Ein Theaterstück wird auf dem Dorfplatz zum Besten gegeben, und neben der Viehwirtschaft waschen und kämmen Jil, 9, und Pia, 10, Schafwolle. Im Bankhaus, dunkel und warm, herrscht eine Spielcasino-Atmosphäre. Ausschließlich Jungs haben sich hier eingefunden und ignorieren das Wuhlinger Handy-Verbot. Sie sitzen hinter den Bankschaltern mit Geldstapeln und daddeln. „Hier gibt's eh nicht viel zu tun“, so das Argument. „Hier ist es langweilig“ – scheinen sich aber dennoch ganz wohlzufühlen in dieser schummerigen Dunkelheit. Ab und an kommt ein Kind herein und tauscht seine Papierlinge in Münzgeld: die Groschen und die Taler, die eigens in der Wuhlinger Münzwerkstatt geprägt wurden.

Zu den Mitmachspielen gehört auch das Bogenschießen. Fotos: Kitty Kleist-Heinrichp

Die größte Attraktion ist aber der Lehmbau: Baumeister Ole kann sich kaum retten vor Kindern, die bei ihm mitmachen wollen. Ein Glück, dass ihm da die Gesellen Katharina, 8, und Jeremy, 14, zur Seite stehen. Beide arbeiten schon seit Tagen bei ihm. Katharina kümmert sich um die Herstellung der Ziegel. Der mit bloßen Füßen getretene Lehm wird in Formen gedrückt und glatt geschabt. Anschließend kommen die so gefertigten Ziegel für ein paar Tage ins Trockenlager. Währenddessen bauen Jeremy und Ole den Ziegelofen. Sie hoffen, dass sie bald fertig sind, denn eine Bestellung von 300 Ziegeln wartet schon: Die Dorfgemeinschaft will endlich den Hut, ihren Versammlungsort, fertigstellen. Die Wuhlinger wollen nicht nur ihre eigenen Gesetze erlassen, sie haben einen gewagteren Plan: Sie wollen freie Bürger werden.

Man munkelt, dass Nestor schon längst vom Aufbegehren seiner Vasallen gehört hat. Man rechnet damit, dass der Bote mit einer Bulle am Dienstag, den 1. August 1517, in Wuhlingen ankommen wird und dann …Für Kinder ab 5. Einstieg jederzeit möglich. Montags-Freitags 10-17 Uhr, Wochenende 12-18 Uhr. Tagesticket: 4 €, Wochenticket: 16 €, Ferienticket: 36 €. Adresse: Straße zum FEZ 2, Oberschöneweide. www.fez-berlin.de. Reservierungen für Gruppen unter Tel. 53 071 333. Nächster Höhepunkt: Das Richtfest am 12. August, von 18 bis 21 Uhr, mit Musik, Tanz und Sport.

Weitere Ferientipps finden Sie hier.

Mehr zu Treptow-Köpenick