Detlef Schmidt-Ihnen, frisch pensionierter Schulleiter des Barnim-Gymnasiums in Lichtenberg. Foto: Kai-Uwe Heinrichp

Berlin-Lichtenberg: Ein Schulleiter blickt zurück Brücken bauen auf dem Barnim

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Erst Ost-West, dann Inklusion und Flüchtlingsarbeit: Detlef Schmidt-Ihnen weiß, wie man eine Schule erfolgreich leitet. Jetzt geht er in Pension.

Ferien? Ja und nein. Ja: Es geht gerade mit dem Wohnwagen nach Frankreich. Nein: Wer im Ruhestand ist, hat eigentlich keine Ferien, weil er immer Ferien hat.

Aber noch ist Detlef Schmidt-Ihnen nicht im Ruhemodus. Noch schwirren zu viele Pläne, Sorgen und neue Ideen in seinem Kopf herum. Und dieses „noch“ kann dauern.

Fangen wir mit den Willkommensschülern an: Ein paar Tage nach Ferienbeginn geht Schmidt-Ihnen durch sein Barnim-Gymnasium, um beim Sommercamp der Willkommensschüler nach dem Rechten zu sehen. Die Sache läuft rund, aber der gerade verabschiedete Schulleiter macht sich dennoch Sorgen, denn er weiß: Das schöne Sommercamp kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Flüchtlingskinder eigentlich viel mehr brauchen.

„Die zukünftigen Gefährder sind schon unter uns.“

„Sie brauchen Anlaufstellen, wo sie abhängen können, Sozialarbeiter, die sich kümmern.“ Da es beides nicht ausreichend gebe, „laufen wir sehenden Auges in ein Problem“, ist er überzeugt. Und obwohl Alarmismus nicht zu seinem üblichen Repertoire gehört, fügt er hinzu: „Die zukünftigen Gefährder sind schon unter uns.“

Der Pädagoge kennt sie mit Namen – diejenigen, die zu den „zukünftigen Gefährdern“ zählen könnten. Er hat ihnen in die Augen gesehen beim Aufnahmegespräch. Er kennt ihre Nöte mit den Gedanken an ihre Familien, die noch in der Heimat oder auf der Flucht andernorts gestrandet sind. Illegal und unerreichbar. Das macht diese Jugendlichen traurig oder wütend oder beides auf einmal. Und die Trauer und Wut bricht sich Bahn: Auf dem Schulhof, im Wohnheim oder auf dem Hermannplatz, wo sie die falschen Freunde treffen.

Ein halber Sozialarbeiter für 200 Kinder

Schmidt-Ihnen könnte viel über den Lehrermangel berichten, so wie alle Schulleiter. Tut er auch. Aber nicht nur, denn ihn treibt ebenso die fehlende Unterstützung für die Willkommensschüler um: „19,5 Sozialarbeiterstunden pro Woche für 200 Kinder. Das reicht nicht.“

200? Ja, sagt, Schmidt-Ihnen, in dem Nebengebäude sind noch 100 weitere Willkommensschüler untergebracht, die zur benachbarten Grundschule gehören. Sie alle sollen sich den „halben“ Sozialarbeiter teilen. Da das nicht gutgehen kann, hat er die 50.000 Euro Preisgeld, die seine Schule im Mai von der Cranach-Stiftung als Auszeichnung für ihre Flüchtlingsarbeit bekommen hat, in zusätzliche Sozialarbeiter- und Dolmetscherstunden investiert. Aber auch das sei letztlich „ein Tropfen auf den heißen Stein“ – vor allem für die unbegleiteten Kinder, „die eigentlich alle Pflegefamilien brauchen, damit sie nicht in falsche Hände geraten“.

Wie Topfschlagen in der Luft: Beim Barnim-Sommercamp für die Willkommenschüler brachte die mittelamerikanische Tradition der Pappmaché-Piñatas Spaß und Bewegung. Foto: Kitty Kleist-Heinrichp

2014 ging es los mit der Lichtenberger Inklusionswoche

Fast könnte man angesichts dieses Engagements vergessen, dass Schmidt-Ihnen noch für etwas ganz anderes steht, das ebenfalls mit Brückenbauen zu tun hat: Er ist einer der frühesten Berliner Streiter für die Inklusion. Er hat sein Gymnasium schon 1996 für Schüler mit Behinderung geöffnet und 2014 die „Lichtenberger Inklusionswoche“ mitbegründet. Dafür wurde er vom früheren Lichtenberger Bürgermeister und jetzigen Innensenator Andreas Geisel (SPD) zum Ehrenbürger des Bezirks ernannt – und zwar ohne SPD-Parteibuch.

Er hat überhaupt kein Parteibuch, engagiert sich lieber überparteilich. Zum Beispiel beim „Volksfest bunte Platte“, das vor über zehn Jahren im Bezirks erdacht wurde, um der NPD am 1. Mai etwas entgegenzusetzen: eine Art Volksfest für Bürger und demokratisch gesinnte Organisationen. Inzwischen wird die „Bunte Platte“ vom Bürgerverein Hohenschönhausen verantwortet, dessen Vorsitzender Detlef Schmidt-Ihnen heißt.

Die Eltern gingen mit ihm 1953 in den Westen

Tief im Osten ist er also angekommen – der Mann aus dem Westen, der 1951 in Lankwitz geboren wurde, weil seine in Teltow wohnenden Eltern der DDR misstrauten und ihren Sohn lieber im Westteil ans Licht der Welt holen lassen wollten – und nach dem 17. Juni 1953 in den Westen flohen. Erst die Wende brachte ihn zurück in den Osten – als Lehrer für Mathematik, Erdkunde, Wirtschaft und Politik, dem die Leitung eines noch nicht gegründeten Gymnasiums in Hohenschönhausen übertragen wurde. Das hat ihn gereizt, und zwar so sehr, dass er seinen Plan fallen ließ, mit seiner Frau und den beiden Söhnen nach Chile zu gehen, um als Lehrer an einem Entwicklungshilfeprojekt teilzunehmen.

"Mit vier Aktenordnern ging es los"

„Das Abenteuer in Berlin hat gerufen“, begründet Schmidt-Ihnen sein Umdenken. Und so steckte er seit 1992 unversehens mitten im schulischen Umwälzungsprozess: „Wir haben mit vier Aktenordnern im Obergeschoss einer Grundschule angefangen. Zu uns wollte erst mal keiner“, erinnert sich Schmidt-Ihnen. Aber dann gab es ab 1998 das neue Schulhaus, das den Landschaftsnamen „Barnim“ erhielt – und wenig später im Zeichen des grassierenden Schülerrückgangs das Stauffenberg- und das Descartes-Gymnasium aufnahm. Inzwischen gibt es wohl keine andere Berliner Schule, die derart viele Schüler zum Abitur führt wie diese Nachwende-Gründung, die mit ihren Projekten zur Begabtenförderung nicht nur Masse, sondern auch Klasse produziert.

Der Traum: Eine wirkliche Unabhängigkeit vom Senat

Dass Schmidt-Ihnen ein Glücksfall für Lichtenberg war und ist, hat nicht nur Geisel bemerkt. Auch der Regierende Bürgermeister schickte ein Grußwort zur Verabschiedung: Verlesen wurde es von Robert Rauh, der 2013 durch die Initiative von Barnim-Schülern zum Lehrer des Jahres gekürt worden war und im Namen des Kollegiums die Abschiedsrede hielt. Rauh berichtete, Schmidt-Ihnens größter Traum sei „eine wirkliche Unabhängigkeit vom Senat“.

Und was hat nun der Regierende Bürgermeister auf den Weg mitgegeben? Nicht nur „Dank für ein Vierteljahrhundert tatkräftiger pädagogischer Arbeit am Barnim-Gymnasium“, sondern auch „Hals- und und Beinbruch beim Erlangen des Pilotenscheins“ – was nun abermals nicht nach Ruhestand klingt. Zudem stehen Fortbildungen für angehende Schulleiter, Abiturprüfungen für Nichtschüler sowie die 3. Inklusionswoche Lichtenberg auf Schmidt-Ihnens Programm.

Aber der Nachfolger ist schon gefunden: Er kommt vom Emmy-Noether-Gymnasium in Köpenick. Der Übergang ist also geregelt – auch diese Brücke konnte Schmidt-Ihnen bauen.

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