Beintraining. Ohne Druck sicher schwimmen lernen – das dauert eine Weile. Deshalb melden manche Eltern ihre Kinder in einem Schwimmverein an. An Berliner Schulen geht der Schwimmunterricht erst sehr spät los. Zu spät, bemängeln Experten. Foto: Serpil Borlu/Getty Images/iStockphoto
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Schon im Kita-Alter Schwimmen lernen: Ins kalte Wasser

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Schwimmen ist nicht nur ein schöner Sport, sondern kann auch überlebenswichtig sein. Im Kita-Alter sollten Kinder anfangen, es zu lernen.

Beine strecken, Fersen Richtung Po ziehen, Füße nach außen drehen und dann kräftig abstoßen. Das Kind gibt sich alle Mühe, die Bewegung ruhig und halbwegs richtig hinzukriegen, doch schließlich siegt die Angst vorm Untergehen. Wild strampeln die Füße des Fünfjährigen durchs Wasser. Der gerade noch geübte Armkreis? Vergessen. Was soll’s, Hauptsache oben bleiben. Paddelnd und prustend wird die große Schwester erreicht und hektisch am Badeanzugträger gepackt. Geschafft, cool: „Guck mal, Mama, wie ich schon schwimme!“ Es stimmt, der Junior besucht seit knapp einem Jahr einmal in der Woche einen Schwimmkurs. Viel ist davon an diesem Sonntag im Sommerbad Wilmersdorf allerdings nicht zu merken, und die Eltern kommen ins Grübeln. Kriegt er das mit der Koordination überhaupt schon hin? Macht ihm das tiefe Wasser zu viel Angst? Ist man das Projekt Schwimmenlernen vielleicht doch zu früh angegangen?

„Das Kita-Alter – also zwischen dreieinhalb und fünf Jahren – ist genau richtig“, zerstreut Schwimmtrainerin Renate Stamm solche Zweifel. „In diesem Alter sind Kinder noch unbefangener und draufgängerischer. Je älter sie werden, desto mehr Sorgen machen sie sich.“ Aus diesem Grund bieten die Wasserfreunde Spandau 04 – der Verein, bei dem Stamm als Cheftrainerin arbeitet – das „Kitaschwimmen“ an: Mit Kleinbussen werden die teilnehmenden Mädchen und Jungen einmal in der Woche aus dem Kindergarten abgeholt, zum Forumbad im Olympiapark gefahren, dort von ausgebildeten Schwimmlehrern unterrichtet und anschließend wieder zurückgebracht – Anziehhilfe in der Umkleidekabine und Kinderlieder im Bus inklusive.

Zaubersteine werden hinten in die Badehose gesteckt

Auch ängstliche Kandidaten lernen irgendwann schwimmen, beruhigt Renate Stamm – es dauert eben nur etwas länger. Umso wichtiger sei es, früh anzufangen und sie spielerisch ans Wasser zu gewöhnen. Bei den Wasserfreunden gelingt das mit viel Spielzeug wie Gießkannen, Schiffen oder Bällen und Schwimmhilfen wie Poolnudeln oder mit Luft gefüllten Zaubersteinen: Die werden hinten in die Badehose gesteckt, damit der Po höher im Wasser liegt. „Am Anfang machen wir Tauch- und Spritzspiele oder bewerfen uns mit Waschlappen“, erzählt Regine Stamm. „Unsere Lehrer sind außerdem immer mit im Wasser, dicht an den Kindern. Das gibt Sicherheit.“ Maximal 15 Schüler werden von drei Trainern betreut. All das hat seinen Preis: 50 Euro kostet der Unterricht pro Monat und geht von September bis Juni. Großer Vorteil: Die Nachmittage bleiben frei.

Auch ansonsten ist die Auswahl an Schwimmkursen in Berlin groß – vom wöchentlichen Unterricht mit meist zehn Terminen bis zum kompakten Ferienschwimmen, wie es zum Beispiel die Berliner Bäderbetriebe anbieten: Die Intensivkurse in 19 Berliner Bädern finden drei Wochen lang während der Sommerferien statt, immer montags bis freitags. 3000 Plätze stehen zur Verfügung. Kosten: 105 Euro inklusive Eintritt.

Das Gelernte festigen

Sogar noch etwas weniger zahlte Tanja für den Schwimmunterricht ihrer Tochter. Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sie sich, in einen Verein einzutreten. „Ein paar Wochen lang zum Kurs gehen und dann ist wieder Schluss, das war uns zu wenig“, erzählt die Schmargendorferin. „Wir selbst gehen nicht sehr regelmäßig schwimmen, und wir wollten, dass das Gelernte gefestigt wird.“ Mit Beginn der Schulzeit wurde die Familie daher Mitglied beimVfL Zehlendorf. Fast drei Jahre lang ging es von nun an jeden Sonnabendvormittag zur Schwimmhalle am Hüttenweg. „Die Kinder konnten in ihrem Tempo üben. Es ging nicht in erster Linie darum, ein Abzeichen zu machen, sondern ohne Druck sicher schwimmen zu lernen. Außerdem gefiel mir der Vereinsgedanke.“ Einmal im Jahr fand ein Wettkampf statt, an dem möglichst alle teilnehmen sollten. Inzwischen sind sie wieder ausgetreten, denn als in der dritten Klasse das Schulschwimmen begann, hatte Tanjas Tochter Bronze in der Tasche. Dass der überlebenswichtige Sport an den Berliner Schulen erst so spät auf dem Stundenplan steht, ist für Trainerin Renate Stamm „eine Katastrophe“. „Schwimmen ab der ersten Klasse in speziellen Schulschwimmbädern. Und Unterricht durch ausgebildete Trainer, nicht durch die Lehrer“, fordert sie seit Jahren und tut dies auch bei Vorträgen im Berliner Abgeordnetenhaus kund. „Wer mit acht, neun Jahren noch nicht schwimmen kann, der schämt sich unendlich, mit Schwimmhilfe am Beckenrand zu stehen. Man ist der absolute Außenseiter.“ Die meisten Lehrer seien nicht für den Schwimmunterricht ausgebildet und noch dazu viel zu sehr „mit der Organisation und dem Drumherum beschäftigt“.

Das späte Schwimmenlernen ist ein Problem

Nicht nur in Berlin ist das späte Schwimmenlernen ein Problem. „Deutschland wird zum Nichtschwimmerland“, titelte unlängst die „Zeit“ in einem Interview mit Achim Wiese von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Eine neue Forsa-Umfrage bestätige, was die DLRG seit Jahren vermute, berichtete Wiese: Mehr als die Hälfte der zehnjährigen Kinder in Deutschland seien Nichtschwimmer. Bei den Erwachsenen seien es knapp 50 Prozent. Gleichzeitig seien in den vergangenen zwei Jahren wieder deutlich mehr Menschen ertrunken. Wer als Kind nicht schwimmen lernt, hat es mit den Jahren immer schwerer. „Bei Jugendlichen und Erwachsenen sind Angst und Scham oft einfach zu groß“, meint die frühere Leistungssportlerin Stamm. Hinzu kommt: Die eigene Furcht vor dem Wasser übertragen Eltern auf ihre Kinder. Hier tun Babyschwimmkurse gut, rät die Expertin – und zwar nicht nur dem Nachwuchs, sondern vor allem den wasserscheuen Eltern. „Wenn Mütter und Väter erleben, wie ihr Baby entspannt durchs Wasser gleitet, nimmt ihnen das auch einen Teil ihrer eigenen Angst.“ Eine gute Basis dafür, das Kind später beim Schwimmenlernen zu begleiten und zu ermutigen.

Das Seepferdchen kann man auch ganz ohne Kurs machen

Yvonne dagegen hat keine Scheu vorm Wasser – und als Mutter von vier Kindern ging sie das Thema pragmatisch an. „Unser ältester Sohn hat zwar mal einen Kurs besucht, aber dass alle rausmüssen, nur damit einer zum Schwimmunterricht gebracht werden kann – das fanden wir nervig“, erzählt sie. Also ersannen Mama und Papa eine andere Lösung: Einmal in der Woche – mal nachmittags, mal am Wochenende – gingen sie als Familie ins Stadtbad Schöneberg. „So hatten wir alle was davon“, sagt die 42-Jährige. Während der eine mit den übrigen Kindern Spaß hatte, übte der andere mit Sohn, Tochter oder einem der inzwischen siebenjährigen Zwillinge Bahnen schwimmen. „Da haben sie manchmal zwar gemurrt, aber sie haben mitgemacht.“ Tauchen sei ohnehin nie ein Problem gewesen – „daran hatten sie von Anfang an Spaß.“ Das Seepferdchen ließen die Kinder sich eines Tages einfach vom diensthabenden Bademeister abnehmen – so wie es früher gang und gäbe war.

Im Kurs reißen sich die Kinder gegenseitig mit

Doch nicht immer gelingt das Schwimmenlernen in Eigenregie so gut, erlebt Trainerin Renate Stamm bei ihrer täglichen Arbeit. „Wir haben’s versucht, aber wir hatten nur Stress!“, hört sie oft von entnervten Eltern – und ahnt den Grund dafür. „Mit Mama und Papa wollen Kinder im Schwimmbad Spaß haben, planschen und rumtoben.“ Kein Wunder, dass die Begeisterung zu wünschen übrig lässt, wenn die ihnen mit Ausdauertraining oder korrekten Schwimmbewegungen kommen. „Mit einem Trainer ist das anders, und außerdem reißen die Kinder sich gegenseitig mit.“ Guck mal, ich kann das, so schwer ist das nicht!

Für die Suche nach einem guten Kurs hat die Spandau-04-Trainerin vor allem drei Tipps: „Eltern sollten fragen: Sind die Schwimmlehrer mit im Wasser? Sind sie ausgebildete Rettungsschwimmer? Und wie viele Kinder werden von wie vielen Trainern betreut?“ In einem privaten Schwimmbad sollten das maximal zehn Schüler pro Lehrer sein, in einem öffentlichen – und damit größeren, trubeligeren Becken – nur sechs bis acht.

Damit sich das Kind in den Sommerferien mutig in die Nordseefluten wirft, gab’s neulich eine Spiderman-Schwimmbrille. Der nächste Kurs geht im Herbst los. „Dann, ja dann, spring ich auch vom Dreier“, verkündet der Sohnemann zuversichtlich. „Ohne Zauberstein!“

WAS EINEN GUTEN KURS AUSMACHT

Die Schwimmlehrer sollten mit ins Wasser gehen und ausgebildete Rettungsschwimmer sein. In einem privaten Schwimmbad sollten maximal neun bis zehn Schüler von einem Lehrer betreut werden, in einem öffentlichen – und damit größeren, trubeligeren Becken – nur sechs bis acht.

FERIENKURSE

In der zweiten Ferienhälfte gibt es laut den Bäderbetrieben noch Plätze für die „Sommerferien Junior Delfin Grundkurse Seepferdchen“ der Berliner

Bäderbetriebe für Kinder ab fünf – in verschiedenen Schwimmhallen. Nur die Kurse in der „Kleinen Schwimmhalle Wuhlheide“ sind ausgebucht.

Für Kinder ab neun Jahren stehen Fortgeschrittenenkurse auf dem Programm. Informationen unter www.berlinerbaeder.de/schwimmschule/ferienschwimmkurse/

ÜBERSICHT

Eine Übersicht über Berliner Kursanbieter findet sich auf dem Internetportal Kindaling unter der Adresse www.kindaling.de/baby-kinderschwimmen/berlin.

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