Garten mit Autobahnanschluss. Kleingärtner Ralf Vogt in der Charlottenburger Schreberkolonie unter der Rudolf-Wissell-Brücke. Foto: Lea Diehlp

Rudolf-Wissell-Brücke in Charlottenburg Wer gärtnert schon unter einer Autobahnbrücke?

Lea Diehl
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Autolärm und jetzt auch noch eine Baustelle über ihren Köpfen: Den Kleingärtnern unter der Rudolf-Wissell-Brücke ist es egal. Ein Besuch.

Viele finden diesen Anblick absurd. Rosenbeete, Liegestühle, idyllische Gartenlauben reihen sich unter einer der meistbefahrenen Autobahnbrücken Deutschlands. Während täglich 180.000 Autos über die Rudolf-Wissell-Brücke donnern, sitzen Kleingärtner am Fuße der Brücke mit gebräunten Bäuchen in der Sonne. Wenn Autofahrer aus dem Fenster nach unten schauen, fragen sich viele, wie die es da unten bloß aushalten.

Das Kleingartengebiet an der Charlottenburger Schleuse muss sich gegen Lärm aufbäumen, wie kaum ein anderes seiner Art. Zu dem alltäglichen Straßenlärm auf der Brücke kommt noch hinzu, dass hier seit Monaten kräftig gebaut wird.

Unter Berlinern sind Gartenparzellen begehrt: „Hier im Bezirk Charlottenburg warten momentan 3500 Leute auf eine Gartenparzelle“, sagt Ronald Adolphs, der im „Tunnel Eck“, der „Dorfkneipe“ der Gartenkolonien, an einem Stehtisch lehnt. An der Einfahrt steht eine Piratenfigur, gegenüber liegt ein seerosenbedeckter Gartenteich – um Adolphs Beine kreisen ein weißer Schoßhund und eine deutsche Dogge.

Trotz Lärm seien die rund 360 Parzellen in der Charlottenburger „Schleusenregion“ an der Rudolf-Wissell-Brücke nicht weniger gefragt als die über 6000 anderen Parzellen im Bezirk, sagt Adolphs.

„Das Einzugsgebiet ist groß und die Kolonie zentral erreichbar."

Der Rentner kennt die Gegend gut: Er ist Erster Vorsitzender der Kolonie „Tiefen Grund 1“ und, wie er sagt, „Obermann“ weiterer Kolonien in der Region. Wer meint, dass das Pflanzenidyll durch den Lärm an Attraktivität verliere, sehe die Dinge falsch, meint Adolphs. „Das Einzugsgebiet ist groß und die Kolonie zentral erreichbar. Hier kann man an der Spree entlang bis nach Mitte fahren.“ Dass die Gärten nah am Wasser lägen, steigere den Beliebtheitsgrad. Und vielleicht macht das Geplätscher auch den Schienenlärm wieder wett - die zweite Lärmquelle neben der Autobahnbrücke.

Weil die Kleingärtner Lärm gewohnt sind, kann Adolphs über die Frage nach der Belästigung durch Baustellenlärm nur den Kopf schütteln: „Laut ist es hier doch sowieso. Wenn man hier mal kein Auto hört, dann wundert man sich schon fast und fragt sich, ob irgendwo etwas passiert ist.“ Die Kleingärtner trotzen dem Lärm, indem sie ihn ignorieren.

"Der Lärm ist uns egal"

Adolphs sagt: „Der Lärm ist uns egal.“ Die Brücke gehöre zum Alltag – und mache sich auch auf anderem Wege bemerkbar: „Wenn LKWs schlecht geladen sind, fällt da schon mal eine Rigipsplatte oder eine Palette runter“, erzählt Adolphs. Ralf Vogt, der später dazu kommt, sagt: „Ein Freund sei einmal haarscharf einer Sektflasche ausgewichen, die neben ihm auf den Boden donnerte.“

Adolphs und seinen Mitstreitern macht die Baustelle aus anderen Gründen Sorgen: „Was wir hier mitbekommen, ist vor allem, dass die Straßen rund rum verstopft sind“, sagt er. Wenn die Brücke während der Bauarbeiten zum Teil gesperrt sei, kämen Kleingärtner nicht durch: „Manchmal braucht man 20 Minuten um hier rauszukommen.“

Was passiert, wenn die Brücke abgerissen wird?

Außerdem fragten sich viele, was in Zukunft mit den Gärten passieren soll : „Die Brücke soll ja abgerissen und neugebaut werden", sagt Adolphs und erklärt: Parzellen, die dicht an der Brücke lägen, würden dadurch natürlich gefährdet.

Direkt unter der Brücke stapeln sich Bierbänke. Das hat offenbar auch seine guten Seiten. Feierwütige, die auf dem Festplatz unter der Brücke zusammenkommen, haben hier bei schlechtem Wetter ein Dach über dem Kopf, sagt Adolphs. Außerdem sei dort die Akustik gut. „Die Musik ist lauter.“ Und Ralf Vogt, ein weiterer Kleingärtner, erinnert sich: „Mein Vater hat als Vorsitzender des Anglervereins dort auch seine Boote untergestellt.“

Dass sich über den Lärm der Umbauarbeiten wenige beschwerten, läge im Übrigen auch daran, dass er vor allem nachts zu hören sei, sagt Adolphs. Bauarbeiten, die zwischen 22 und 5 Uhr stattfinden, hören ja die wenigsten. Weil die Kleingärtner in ihren Häuschen nicht übernachten dürften, bekäme das kaum einer mit. Sie dürften sich über den Lärm in der Nacht erst gar nicht nicht beschweren.

Das gilt für so gut wie alle außer Dennis Strottmann, Spitzname „Strotti“, der das Tunnel Eck nicht nur bewirtschaftet sondern auch bewohnt. Er ist einer der am meist beeinträchtigten Ohrenzeugen der Bauarbeiten, sowie des Autobahnverkehrs. Aber auch er sagt: „Ich beschwere mich nicht darüber. Muss ja sein.“

Unter der Autobahnbrücke treffen sich Anwälte, Doktoren und Hartz IV-Empfänger

Wer gärtnert überhaupt unter der Autobahnbrücke? Adolphs sagt: „Alle Altersklassen und Berufsgruppen, vom Rechtsanwalt über den Doktor bis hin zum Hartz IV-Empfänger“. Dass die Kleingärtner bunt gemischt sind, zeigen auch die vielen Flaggen, die aus dem Grün ragen: Hertha-Flaggen, Deutschlandflaggen, Türkeiflaggen - manche sind gleich mit unterschiedlichen Nationalflaggen bedruckt.

Untereinander verstünden sich die Kleingärtner gut „Im Großen und Ganzen funktioniert das. Aber wenn man so eng zusammenlebt streitet man sich schon mal wegen Lappalien, zum Beispiel, wenn beim Nachbarn was über den Zaun wächst.“ Da käme dann doch mal das Spießbürgertum durch sagt Adolphs und lacht. Andererseits sind die Kleingärten auch großstädtisch. Warum? Das weiß „Strotti“ Strottmann. „Auch viele Touristen“, sagt er, „kommen ins Tunnel-Eck.“ Sie wollten der Berlin-Hektik mal kurzweilig entkommen. „Hessen, Schleswig-Holsteiner, alle.“ Dass sich hier niemand an Lärm störe, kommt ihnen letztlich zu Gute. „Die machen hier Remmidemmi. Weil sich bei uns niemand über den Lärm beklagt, Für ihn bedeutet das: Noch mehr Lärm und schlaflose Nächte.

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