Johann Joachim Winckelmann, porträtiert von Anton von Maron 1768 (Ausschnitt). Das Bild gehört der Klassik Stiftung Weimar. FOTO: AR COLLECTION/ALAMY STOCK PHOTO
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Winckelmann-Ausstellung im Schwulen Museum Auf der Suche nach dem Schönen

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Johann Joachim Winckelmann war der Erste, der die sinnlich-erotische Seite der klassischen Kunst erkannte. Das Schwule Museum Berlin widmet dem Archäologen und Kunsthistoriker zum 300. Geburtstag eine Ausstellung.

Zuneigung, Begehren, Liebe? Ein gravitätisch wirkender, bereits älterer Mann, der nur mit einem Tuch bekleidet ist, ergreift den Lockenkopf eines jüngeren Mannes, fast noch ein Kind. Der Kindmann ist nackt, sein Körper strahlt fahlgelblich, in einer Hand hält er eine Amphore. Und er küsst den alten Mann.

Liebe, Begehren, Zuneigung? Die Szene spielt im alten Griechenland, unter Göttern, wie am Lorbeerkranz zu erkennen ist, der den thronenden Herrn als Zeus ausweist. Das Bild, 1758/59 von Anton Raphael Mengs und Giovanni Battida Casanova gemalt, heißt „Zeus küsst Ganymed.“ Dabei ist das Gegenteil zu sehen: Der Hirtenknabe küsst den Obergott.

Das Gemälde, das im Schwulen Museum in der Ausstellung zum 300. Geburtstag des Archäologen Johann Joachim Winckelmann zu sehen ist, war von Anfang an ein Skandalon. Aus mehreren Gründen. Weil Homosexualität verpönt war. Schwule wurden im 18. Jahrhundert auch als „Ganymeden“ bezeichnet, ein Ausdruck, in dem Verachtung mitschwang. Und weil das Bild Teil einer Täuschung war.

Winckelmann fiel auf eine Fälschung herein

Mengs und Casanova hatten Motive aus einem Freskenzyklus von Raffael und einer Vorlage aus Herculaneum aufgegriffen und ihr Werk als Wiedergabe eines antiken Originals ausgegeben. Winckelmann, der die Ausgrabungen von Herculaneum mit Veröffentlichungen begleitete und später zum Oberaufseher über die Antiken in Rom aufsteigen sollte, fiel auf den Fake rein. Außerdem war er schwul.

Winckelmann, der am 9. Dezember 1717 in der Hansestadt Stendal geboren wurde, pries die „edle Einfalt und stille Größe“ der griechischen Kunst und forderte die „Nachahmung der Alten“. Für den deutschen Klassizismus, besonders für die Weimarer Klassik sollte er ungemein einflussreich werden, doch bis zu den Schauplätzen seiner südlichen Sehnsucht war es für ihn ein weiter Weg. Der Schuhmachersohn kam aus einfachen Verhältnissen, bei seinem Bildungsaufstieg war er auf Mentoren und Stipendien angewiesen. In der Ausstellung ist – als Kopie – ein Unterrichtsheft aus der Lateinschule im altmärkischen Seehausen zu sehen, an der er von 1743 bis 1748 unterrichtete.

Unglücklich verliebt in einen Jugendlichen

Winckelmann verliebte sich unglücklich in einen 14-jährigen Schüler. Von seiner Leidenschaft zeugen zwei Hefte mit Gedichten des griechischen Lyrikers Anakreon. Es sind schwelgerische Oden auf die Liebe, auf Sinnesfreuden und weltliche Genüsse: „Ich will die Helden und Könige singen, / In mächtigen Versen, gewaltige Dinge. / Beginne, meine Muse! – Aber siehe da! Die Saiten wollen von nichts als Eros klingen!“

Herzensverse als Absage an den Kult um die Großtaten des Krieges. In einem Vitrinenschrank, Lieblingsmöbel des deutschen Bildungsbürgertums, steht eine ledergebundene Ausgabe von Winckelmanns Werken aus den Jahren 1808 bis 1812, darüber blickt eine Homer- Büste – die römische Kopie eines hellenistischen Originals – mit leeren Augen in den Raum. Winkelmanns Kunsttheorie hatte auch eine politische Stoßrichtung, die allerdings im Biedermeier in Luxusausgaben verpackt und zu Tode verharmlost wurde. Der Schriftsteller verachtete den römischen Despotismus und feierte die griechische Demokratie. Schöngeistiger Aufruhr.

Die Resonanz auf sein erstes Buch war groß

Berühmt wurde Winckelmann gleich mit seinem ersten Traktat „Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“, den er 1755 in einer Auflage von 50 Exemplaren herausbrachte. Im Schwulen Museum ist der schöne Titelkupfer von Adam Friedrich Oeser zu sehen, bei dem Winckelmann als Zeichenschüler in Dresden gelebt hatte. Er zeigt einen zu dieser Zeit besonders wirkungsmächtigen griechischen Mythos: die Opferung der Königstochter Iphigenie. Die Resonanz auf Winckelmanns „Gedanken“ war gewaltig, sie brachte ihm eine Einladung nach Rom ein, wo er zunächst als Bibliothekar bei Kardinal Archinto arbeitete und dann in gleicher Stellung zu Kardinal Alessandro Albani wechselte, einem Vatikan-Insider, der eine berühmte Kunstsammlung besaß.

"Badende Jungen in der Blauen Grotte auf Capri", um 1837 gemalt von Ferdinand Flor. Foto: Schwules Museum*/Detlev Pusch
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Winckelmann, befand der Germanist Paul Derks, sei „der wohl erste in einer Geschichte des deutschen Ich, der als Homosexueller lebte, dachte, wirkte“. In Italien herrschte im 18. Jahrhundert größere Freizügigkeit als in anderen europäischen Ländern, Homosexualität wurde weniger scharf verfolgt. In Rom begegnete Winckelmann Friedrich Rudolf von Berg, einem jungen baltischen Adligen, der zu einer großen Liebe wurde. In seiner „Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst“ (1763) erzählte der Gelehrte ganz freimütig über seine „mannmännliche Liebe“ und die Beziehung zu Berg: „Ich fand in einem schönen Körper eine zur Tugend geschaffene Seele.“

Winckelmann wurde gewarnt, seine "Frechheiten" zu unterlassen

Das heißt aber nicht, dass die Lage eines relativ offen lebenden Schwulen in der Hauptstadt der katholischen Kirche nicht brenzlig gewesen wäre. Sein Arbeitgeber, der Kardinal Albani, warnte Winckelmann, dass er seine „Frechheiten“ im Umgang mit jungen Römern unterlassen solle. Der Hausherr sei „höchst fanatisch und bigott worden“, klagte der Bibliothekar in einem Brief. Als Mann aus dem Führungskreis des Vatikans stand Kardinal Albani in ständigem Kontakt mit der Inquisition. Die Ausschweifungen seines Angestellten konnten auch für ihn zu einer Bedrohung werden.

"Griechische Liebe" als Synonym für homosexuelle Liebe

„Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden.“ So beginnen Winckelmanns „Gedanken über die Nachahmung“. Ein Gedanke, der sich durch die Ausstellung zieht, ist das Leitbild der „griechischen Liebe“. Gemeint ist damit die homosexuelle Liebe unter Männern sowie Schüler-Lehrer-Verhältnisse, die auch sexuell gewesen sein sollen. Knabenliebe soll in der griechischen Antike weithin akzeptiert worden sein, besonders in der Oberschicht. War das tatsächlich so, wo beginnt der Mythos? Heute würde man von Pädophilie oder Pädokriminalität sprechen.

Winckelmann wurde in einem Hotel ermordet

Der zweite Teil der Ausstellung präsentiert unter der Überschrift „Der Kanon des Schönen“ mehrere Dutzend Kunstwerke – Gemälde, Grafiken, Plastiken –, die Winckelmanns Einfluss auf die Kunstakademien und die Kunstgeschichtsschreibung bezeugen. Schönheit sollte nicht länger aus Naturanschauung entstehen, sondern aus dem Studium griechischer Statuen. Eine Wand voller akademischer Studien steht für die geforderte „Kenntniß des vollkommen Schönen“.

Der Herkules Farnese, präsent in Grafiken und Fotos, galt seit seiner Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert als Ideal eines muskelgepanzerten Supermanns. Plutarch verkündete, dass Herkules – in Griechenland hieß er noch Herakles – Männer und Frauen geliebt habe. Winckelmann, der 1768 in einem Hotel in Triest erdrosselt werden sollte, beschrieb die in den Caracellathermen von Rom ausgegrabene Monumentalskuptur als „erhizet und athemlos“. Herkules stützt sich erschöpft auf seine Keule. Er wirkt mehr melancholisch als mutig.

Schwules Museum, Lützowstraße 73, bis 9. Oktober. Katalog 14,95 €. So, Mo, Mi, Fr 14–18, Sa 14–19 Uhr.

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