Ich bin wie ich bin. Die meisten transidenten Menschen führen nach ihrer Geschlechtsangleichung ein glücklicheres Leben als vorher. Foto: dpa
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Transidentität Der lange Weg zum Mann

Martin Waitz
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Paul war vier oder fünf Jahre alt, als er zum ersten Mal realisierte, dass er ein Junge ist. Aber etwas war anders, ihm fehlte ein bestimmtes Körperteil. Warum, verstand er nicht. Eine transidente Biografie: Von tiefen Ängsten bis zum unbeschreiblichen Stolz.

Das Ganze ist über 30 Jahre her, Paul hat vor einigen Jahren eine Geschlechtsangleichung vorgenommen, er hat sich die Brüste, Eierstöcke und Gebärmutter entfernen lassen und aus seinem linken Unterarm haben Ärzte einen Penis geformt. Alle zwölf Wochen bekommt er eine Testosteron-Spritze ins Gesäß, die seine Muskeln und seinen Bart haben wachsen lassen und sein Gesicht kantiger machten. Auch seine Stimme ist tiefer geworden.

Paul ist ein Transmann – ein Frau-zu-Mann-Transsexueller, wie die Mediziner sagen. Äußerlich unterscheidet er sich kaum von einem biologischen Mann, der mit Penis, Hoden und XY-Chromosomensatz geboren wurde. Paul geht ins öffentliche Schwimmbad, sogar in die Sauna, und nur die Narben auf seiner Brust, in der Leiste und am Unterarm erinnern noch an die geschlechtsangleichenden Operationen.

Claudia war schon immer ein Junge

Paul hat sehr viel Glück gehabt, aber er hat sich den „Weg zum Mann“ auch hart erarbeitet. Glück hatte Paul vor allem, weil seine Familie und Freunde immer hinter ihm standen und ihn bei seiner Transition unterstützten. Die Eltern erinnern sich, dass „ihre Tochter Claudia“ schon als Kleinkind immer wieder sagte, dass „sie“ ein Junge ist. Dass sie partout keine Kleider und Röcke tragen wollte. Das alles kam ihnen komisch vor, aber an eine Transsexualität bzw. Transidentität dachten sie damals nicht. „Vielleicht liegt es daran, dass Claudia einen älteren Bruder hat, an dem sie sich orientiert“, deutete Pauls Mutter das Verhalten ihrer vermeintlichen Tochter. „Ist halt ein burschikoses Mädchen, vielleicht wächst sich das ja in der Pubertät aus“, mutmaßte der Vater.

Horror Pubertät

Dann kam Paul in die Pubertät. Sie war der blanke Horror für ihn. Sein Körper entwickelte in die komplett falsche Richtung. Paul wollte ein Mann werden, wollte Muskeln, Bartwuchs und Brusthaare bekommen. Aber stattdessen wuchsen ihm Brüste und weibliche Rundungen. Seine Eierstöcke produzierten fortan das weibliche Geschlechtshormon Östrogen und er bekam den Körper einer Frau.

Paul konnte nichts dagegen machen, war furchtbar unglücklich und verzweifelt. Er begann, seine Brüste mit engen Bandagen abzubinden. Er verheimlichte seine erste Regelblutung. Er weigerte sich, am Schulsport teilzunehmen, weil er sich nicht in der Mädchenumkleide umziehen wollte. Paul zog sich immer mehr zurück und auch seinen Eltern vertraute er sich nicht an. Er schämte sich und sah keinen Ausweg.

Er schien seine Rolle in der Gesellschaft gefunden zu haben

Paul hatte schon mal von Transsexuellen gehört, aber das waren aus seiner Sicht Leute, die merkwürdig aussahen und von allen belächelt oder sogar geächtet wurden. Er hatte Fernsehberichte gesehen über misslungene Operationen, Mobbing und irgendwelche Freaks. Nein, das wollte er auf keinen Fall sein, und so versuchte er, sich anzupassen, zu verdrängen, einen Kompromiss zu leben. Und irgendwann, er war inzwischen Mitte zwanzig, hatte Paul scheinbar seine Rolle in der Gesellschaft gefunden: als die burschikose Claudia mit den kurzen Haaren, die auf Frauen steht.

Das ging eine Zeit lang gut, aber „die Claudia“ wurde immer unglücklicher, obwohl „sie“ mit „ihrem“ androgynen Aussehen und „ihrem Lesbisch sein“ gesellschaftlich akzeptiert war und dies nicht das Problem zu sein schien. Tief im Innern stimmte etwas Grundlegendes nicht, das anscheinend bislang erfolgreich verdrängt wurde.

Paul hatte sich zeitlebens männliche Vorbilder gesucht, sich immer mit Männern verglichen, exzessiv Sport getrieben, jegliche weibliche Rundung wegtrainiert und weggehungert, und doch sah er im Spiegel immer eine Frau. Er hasste diesen Frauenkörper. Paul hatte lange weggeschaut. Doch plötzlich kam der Zusammenbruch. Und blitzartig die Erkenntnis, die eigentlich schon immer klar war: Ich bin ein Mann, keine Frau. Ich bin transsexuell. Paul war vollkommen paralysiert. Was tun?

Transsexuell - was tun?

So wie Paul ergeht es schätzungsweise jeder 100000. mit weiblichem Genital und jedem 30000. mit männlichem Genital geborenen Menschen in Deutschland, die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher. So viele Menschen sind transsexuell bzw. transident – sie identifizieren sich, laut WHO-Definition, „konstant und dauerhaft psychisch vollständig mit dem Gegengeschlecht“. Mediziner sprechen von einer Geschlechtsdysphorie. Am geläufigsten ist der Begriff Transsexualität, aber die Bezeichnung Transidentität ist treffender und wird oft von Betroffenen bevorzugt, weil es zwar um das Geschlecht (engl. „sex“) geht, aber primär um die Geschlechtsidentität, nicht um die Sexualität.

Seit 1981 ermöglicht das „Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen“, auch „Transsexuellengesetz (TSG)“ genannt, dass Menschen wie Paul ihren Vornamen – von Claudia zu Paul – und ihr ursprünglich festgestelltes Geschlecht – weiblich – zu ihrer empfundenen Geschlechtsidentität – männlich – (oder umgekehrt) ändern können. Das alles natürlich unter einer Reihe von Bedingungen. Gleiches gilt für den Wunsch nach hormoneller und chirurgischer gegengeschlechtlicher Behandlung, den viele Transidente haben und – laut Definition – auch haben müssen. Ein mitunter langer, mühseliger Weg.

Paul recherchiert nächtelang

Paul recherchierte tage- und nächtelang im Internet, er meldete sich bei einem Forum an, in dem Transmänner wie er sich über ihre Transidentität, ihre Ängste und Sorgen, ihre Erfahrungen mit Therapeuten und Ärzten sowie Hormonen und Operationen austauschen. (Hilfe bietet unter anderem das Forum Ftm-portal.net.)

In einem Forum gab er sich zum ersten Mal den Nicknamen „Paul“. Viele Forenmitglieder hatten Fotos hochgeladen, auf denen die OP-Ergebnisse verschiedener Chirurgen zu sehen waren. Paul staunte sich durch die Bilder und war fasziniert, was heutzutage medizinisch möglich ist. Gleichzeitig bereiteten ihm Berichte von schief gelaufenen OPs und schweren Komplikationen Angst.

Trotzdem wurde Paul immer überzeugter, dass er transident ist und dass er sein „falsches“ weibliches Geschlecht an das „richtige“ männliche Geschlecht anpassen lassen will. „Geschlechtsumwandlung“ nennt dies der Volksmund – aber es fühlt sich für Betroffene nicht wie eine „Umwandlung“ an, sondern vielmehr wie eine Angleichung oder Anpassung des Körpers an die gefühlte Identität. Auch wenn der Begriff „Geschlechtsumwandlung“ immer noch gängig ist – die Bezeichnungen Geschlechtsangleichung und Geschlechtsanpassung haben ihn abgelöst.

Geschlechtsangleichung? "Krass - aber mach mal"

Dann fasste Paul Mut und vertraute sich engen Freunden und später auch seinem Bruder und schließlich seinen Eltern an. Er hatte eine unbeschreibliche, existenzielle Angst, mit seiner Offenbarung alles zu verlieren. Doch seine Freunde reagierten ausnahmslos verständnisvoll, für sie war „Claudi“ immer schon irgendwie ein Typ gewesen. Krass, so eine Geschlechtsangleichung, aber mach mal, munterten sie ihn auf. Auch der Bruder nahm das „Outing“ gelassen auf.

Pauls Eltern waren ein wenig irritierter, zwar hatten sie schon immer so etwas geahnt, aber sie hatten keine Worte dafür finden können. Jetzt waren die Wörter da: Transsexualität, Transidentität, Geschlechtsangleichung, „Geschlechtsumwandlung“. Die Mutter sorgte sich, ob sie wohl etwas falsch gemacht hatte in der Erziehung, und vor allem war sie besorgt um Pauls Gesundheit wegen der ganzen Hormone und Operationen. Deshalb ging sie mit ihrem erwachsenen Kind als erstes zur Hausärztin, und hier hatte Paul wieder großes Glück.

Die meisten Ärzte haben kaum Erfahrung

Die Hausärztin kannte bereits einen anderen transidenten Patienten, und so war sie mit dem Thema vertraut. Leider auch heute noch eine Seltenheit: Die meisten praktischen Ärzte haben keine oder kaum Erfahrung mit Transidentität. Pauls Hausärztin selbst führte keine gegengeschlechtlichen Hormonbehandlungen durch und betonte auch, dass es hierfür noch zu früh sei. Zunächst müsse Paul einen Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen, der die Diagnose stellt. Ohnehin müsse Paul in einem Alltagstest das Leben in der gewünschten Rolle als Mann erproben und dann erst könne der Therapeut Gutachten und Indikationsschreiben für die Hormone und später für die Operationen ausstellen.

Sie gab ihm aber Adressen von Psychotherapeuten, die auf Transidentität spezialisiert sind, sowie den Namen eines Endokrinologen (Hormonspezialisten), der viele Trans-Patienten behandelt, damit Paul sich schon einmal bei ihm informieren könne. Paul hätte am liebsten direkt mit den Hormonen losgelegt, er konnte es kaum erwarten, aber immerhin war der Stein nun im Rollen. (Medizinische Informationen gibt es unter anderem auf www.trans-infos.de oder bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.)

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