Xolani (Nakhane Touré, links) mit seinem Zögling Kwanda (Niza Jay Ncoyini). Foto: Salzgeber
p

Schwules Dreiecksdrama „Die Wunde“ Berg der Geheimnisse

1 Kommentare

In seinem Debütspielfilm „Die Wunde“ erzählt der südafrikanische Regisseur John Trengove von einem versteckt lebenden Männerpaar und einem selbstbewussten jungen Schwulen.

Ein Pick-up-Truck rast über eine unbefestigte Landstraße irgendwo in der südafrikanischen Provinz Eastern Cape. Er hinterlässt eine Staubwolke, die die gesamte Leinwand füllt – und verschwindet in einer Parallelwelt.

In der Abgeschiedenheit einer unberührten Bergregion praktizieren Männer der Xhosa-Volksgruppe ein traditionelles Beschneidungsritual, mit dem sie die Jungen in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Gleich zu Beginn von John Trengoves Debütspielfilm „Die Wunde“, der in diesem Jahr das Berlinale-Panorama eröffnete, kommt der Beschneider zu der kleinen Gruppe, reißt brutal die Beine der jungen Männer auseinander, setzt den Schnitt und lässt jeden rufen: „Ich bin ein Mann!“

Die folgenden acht Tage verbringen sie in der Obhut eines Betreuers, der ihre Wunde pflegt. Für den aus einer reichen Familie in Johannesburg stammenden Kwanda (Niza Jay Ncoyini) hat sein Vater den erfahrenen Xolani (Nakhane Touré) engagiert, dem er eingeschärft, streng mit dem Jungen zu sein. „Er ist zu weich.“

Kwanda ist eine Außenseiter in der Gruppe

Damit meint er wohl auch die Homosexualität seines Sohnes, der in der Gruppe nicht nur wegen seiner teuren Schuhe umgehend zum Außenseiter wird. Überdies stellt er das Ritual immer wieder infrage. Xolani, genannt X., geht ruhig und professionell damit um. Erst als Kwanda bemerkt, dass X. und ein anderer Betreuer ein Verhältnis miteinander haben, und er ihn für seine Versteckspielerei kritisiert, ist der Ältere alarmiert.

Regisseur Trengove, der zusammen mit Thando Mgqolozana und Malusi Bengu auch das Drehbuch schrieb, erzählt diese in Zeitlupengeschwindigkeit eskalierende Dreiecksgeschichte größtenteils aus der Sicht von Xolani. Der Musiker und Schriftsteller Nakhane Touré verkörpert ihn in seiner ersten Filmrolle mit einer ungemein einnehmenden Mischung aus Verletzlichkeit, Introvertiertheit und Duldsamkeit. Die Mütze, die er fast die gesamte Zeit über trägt, scheint seine Schutzkappe zu sein. Vija, sein hyperviriler, immer im weißen Unterhemd auftretender Liebhaber – gespielt vom erfahrenen Bühnenschauspieler Bongile Mantsai –, ist das genaue Gegenteil: laut, grob, beim Sex immer in der dominierenden Rolle. Er hat Frau und Kinder, doch jedes Jahr kommt er wieder zu Xolani in die Berge.

Die an Ang Lees Liebesdrama „Brokeback Mountain“ erinnernde Konstellation ist sehr fragil. Eine Männerliebe innerhalb einer Männergemeinschaft ist ein Tabu, weshalb Vija auch nicht offen damit umgehen kann. Er ist voller Scham. Dafür hat der junge Kwanda kein Verständnis. Er steht für ein modernes, urbanes Südafrika, die Betreuer erlebt er als unzeitgemäß. Einmal sagt er zu X.: „Hier regiert nicht Mugabe.“ Doch er unterschätzt die Macht der Tradition, die im letzten Viertel von „Die Wunde“ zum Tragen kommt.

Das Filmteam wurde angefeindet

Trengove, der selbst weiß ist, hat mit „Die Wunde“ viel riskiert, denn über den Initiationsritus der Xhosa soll eigentlich nicht gesprochen werden. Überdies greift der Regisseur mit seinem Film, der fast völlig ohne Weiße und ohne Frauen auskommt, die konventionellen Vorstellungen schwarzer Männlichkeit an. Dass Homosexualität für viele in Südafrika, wo die Ehe für alle aufgrund der fortschrittlichen Verfassung bereits 2006 eingeführt wurde, offenbar immer noch nicht dazugehört, zeigen die negativen Reaktionen auf „Die Wunde“. Eine Jugendorganisation versuchte, ein Verbot zu erwirken, Mitglieder des Filmteams erhielten Morddrohungen und obszöne Nachrichten.

Der offen schwule Hauptdarsteller Nakhane Touré, selbst Xhosa und nach dem Ritus initiiert, sagte zu den Anwürfen gegen den Film, dass dieser keine Geheimnisse über die Beschneidung verrate. „Was er stattdessen aufdeckt, ist eine gewalttätige Homophobie.“ Ein starkes, sehenswertes Debüt.

fsk, Hackesche Höfe, Wolf, Xenon, Zukunft (alle OmU)

Zur Startseite