Männlich, muskulös. Tom of Finland zeichnete Männer vorzugsweise in Lederklamotten – und keineswegs weiblich, wie es ein gängiges Klischee in den 50er Jahren war. Foto: imago/All Over Press Finland
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Schwuler Zeichner Touki Laaksonen Neuer Film über Tom of Finland - gedreht in Berlin

Jana Luck
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Touko Laaksonen alias Tom of Finland zeichnete muskelbepackte Lederkerle, was das Bild des schwulen Mannes veränderte. In Berlin wurde jetzt ein Film über ihn gedreht.

Der dunkle Gang liegt in einem Berliner Hinterhof. Kaum von außen zu sehen, führt er zu einer schweren Tür. Sie öffnet sich, langsam und behäbig, zu einem Vorraum mit Brokatvorhängen; rotes Licht schimmert durch. Es beleuchtet Ohrensessel, Barhocker, einen Tresen, Lampen mit großen Schirmen und Troddeln – eine Kneipe. Eine versteckte Kneipe: die Fenster sind zugezogen mit rotem Samt und weißer Spitze.

Was an diesem Abend ein Filmset ist, den 50er Jahren entnommen, war einmal Realität. Die dichten Vorhänge und verwinkelten Gänge versteckten eine Schwulenbar. Auch Touko Laaksonen kam hierher, besser bekannt als Tom of Finland, Zeichner homoerotischer Bilder. „Dreckige Kunst“ nannte Laaksonen seine Bilder manchmal selbst. Mit weichen Linien zeichnete er harte Kerle: Muskelbepackt, vor männlicher Energie strotzend, mit stolzgeschwellter Brust und Hosenbeulen.

Suchender. Der finnische Schauspieler Pekka Strang als Touko Laaksonen, besser bekannt als Tom of Finland. Gedreht wurde unter anderem auf der Swinemünder Brücke in Gesundbrunnen. Foto: Josef Persson/promo
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„Mit seiner Kunst wandelte er das Bild des schwulen Mannes, das die Öffentlichkeit zu seiner Zeit hatte: weiblich, schwach, krank“, sagt Sophie Mahlo von Neutrinos Productions, die diese finnisch-deutsch-schwedisch-dänische Koproduktion umsetzt. „Dem stellt Tom of Finland seine Zeichnungen entgegen, von starken, maskulinen Männern. In Leder, als Matrosen oder Soldaten angezogen. Und vor allem: glücklich und selbstverständlich ihre Sexualität auslebend.“

Kein Film über das Leben von Finland

Der Film berichte aber nicht über das Leben eines schwulen Künstlers, sagt Regisseur Dome Karukoski. Er erzähle die Geschichte eines Mannes, „der mit einfachen Mitteln und seiner Kreativität viel für das Selbstbewusstsein schwuler Männer getan hat.“ Karukoski geht sogar noch weiter: „Er zeigt die Möglichkeiten, mit denen man als Künstler die Welt verändern kann.“

1920 in einem kleinen finnischen Dorf geboren, dient Touko Laaksonen im Zweiten Weltkrieg. „Der Krieg war eine glückliche Zeit für ihn“, sagt Pekka Strang, der Tom of Finland im gleichnamigen Film spielt. „Städte wurden nachts verdunkelt, wegen der Bomber. Das waren intensive Nächte; er traf viele andere Männer, Soldaten in Uniformen. Das inspirierte ihn zu vielen seiner Bilder.“

Positives Bild von Homosexuellen

Dann kommt die Nachkriegszeit. „Minderheiten hatten es besonders schwer nach dem Krieg“, sagt Regisseur Dome Karukoski. Mit seiner Kunst bastelt sich Tom of Finland eine andere Welt. „Damit hat er mindestens zwei Generationen schwuler Männer geholfen, sich gut zu fühlen“, sagt Volker Morlock. Er sammelt Laaksonens Bilder und hat mit seinem Wissen über den Künstler am Drehbuch mitgearbeitet. „An Tom of Finlands Geschichte kann man gut die politische Entwicklung des Coming-out verfolgen“, sagt er. Tom of Finland habe ein positives Selbstbild von Schwulen vorgezeichnet und damit der lange diskriminierten Schwulenszene geholfen. Dabei ist der 1991 verstorbene Künstler durchaus umstritten. Seine Abneigung Transen und feminineren Männern gegenüber wird häufig kritisiert. Platz in seinen homoerotischen Zeichnungen haben nur starke, muskulöse, übermännliche Männer.

Schwulenmaganzin bringt erste Zeichnungen

Tom of Finlands Karriere beginnt, als das US-Schwulenmagazin „Physique Pictorial“ Mitte der Fünfzigerjahre seine Zeichnungen druckt. Der kalifornische Bodybuilding-Boom der Siebziger- und Achtzigerjahre fällt mit der Zeit zusammen, in der Laaksonen am erfolgreichsten ist. In rund 40 Jahren fertigt er 3500 Zeichnungen an. Um seine Bilder zu verkaufen, anfangs eine illegale Angelegenheit, reist Touko Laaksonen viel; auch, um der damals homophoben Enge Finnlands zu entfliehen.

„In Berlin fand Tom ein Stückchen Freiheit“, sagt Regisseur Dome Karukoski. „Für Tom war die Stadt ein bisschen wie nach Hause kommen.“ Und so hat das Filmteam auch einige Szenen in Berlin gedreht, an elf Orten; die Dreharbeiten haben sie kürzlich abgeschlossen. „Tom genoss Berlin als die Schwulen-Hauptstadt. Sie war voll von gay pride“, sagt Hauptdarsteller Pekka Strang. Aber nicht allein deswegen hätten sie die Stadt als Drehort ausgewählt. Berlin sei außerdem „super, um Dramatik im Film aufzubauen“, sagt Karukoski. „Die angespannte Stimmung des Kalten Krieges, Grenzkontrollen nach Ost-Berlin, wie Tom hier seine Kunst versucht über die Grenze zu schmuggeln – das ist fantastischer Stoff, um die Geschichte spannend zu halten.“

Dreh im Grunewald

Gedreht wurde beispielsweise im Grunewald und am Wannsee. Der letzte Berliner Drehort ist die nachgestellte Schwulenbar in Kreuzberg. Hier trifft Tom of Finland einen Berliner Galeristen, der sich seine Bilder ansieht. Gespielt wird der von Werner Daehn, der auch in Filmen wie „Das Leben der Anderen“ und Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ mitgespielt hat. Für ihn ist der Film auch deshalb wichtig, „weil er zeigt, wie hart für Liberalität gekämpft wurde – und dass wir uns das bewahren müssen.“

In Berlin drehte das Team auch Szenen, die in den USA spielen. „Berlin ist perfekt, um historische Szenen gut zur Geltung zu bringen“, sagt Dome Karukoski. „Ich habe mich hier als Teil der Geschichte gefühlt.“ Auch die Berliner faszinieren den Regisseur. „Wenn wir Statisten suchen, die ja eigentlich im Hintergrund agieren, sind oft so auffallende Typen dabei, dass man sie am liebsten in den Vordergrund stellen möchte.“

Der Film führt durch das Leben des Künstlers, das Karukoski in Abschnitte unterteilt hat. Die markiert er mit Farben. „In Finnland ist es dunkel, die dominante Farbe ist Schwarz.“ In Berlin taucht zum ersten Mal viel Rot auf. „Diese Farbe wird mit Sex assoziiert. Wir verwenden Rot bewusst erst in Berlin, weil Tom seine Sexualität hier besser ausleben kann als in Finnland.“

Kinostart erst in einem Jahr

Im Frühjahr 2017 soll „Tom of Finland“ in den deutschen Kinos anlaufen. Produzentin Sophie Mahlo sagt, der Film werde nicht als Nischenfilm produziert. „Wir wollen das breite Publikum ansprechen damit“, sagt sie. Was könnte da besser passen als eine Premiere auf der Berlinale.

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