Uraufführung in der Bismarckstraße. Szene aus „Edward II“ unter der Regie von Christof Loy an der Deutschen Oper. Foto: imago/Martin Müller
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Scartazzinis "Edward II" an der Deutschen Oper Vorurteil und Folter

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Wild, wuchtig, packend: Die Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis „Edward II“ an der Deutschen Oper Berlin erzählt die Geschichte des schwulen englischen Königs.

Die allermeisten Menschen gehen in die Oper, weil sie emotional aufgewühlt werden wollen. Nichts ist logisch an diesem Genre, in dem die Darsteller singen statt sprechen. Und weil sie dadurch weniger Text pro Zeit bewältigen als im Schauspiel, sind die Handlungen extrem vereinfacht, wenn es sich um literarische Vorlagen handelt, nicht selten bis zur Blödigkeit. Doch es geht ja hier nicht um komplexe Reflexionen, sondern darum, möglichst viele Extremsituationen zu schaffen – die geradezu danach schreien, dass die Protagonisten ihrer Seelenpein in den höchsten Tönen Luft machen.

So gesehen haben der Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini und sein Librettist Thomas Jonigk jetzt eine ideale Oper aus dem Geist des 19. Jahrhunderts erschaffen. Wuchtig, wild, wagemutig. 90 Minuten lang wird das Publikum durchgeschüttelt bei der Uraufführung von „Edward II“ am Sonntag in der Deutschen Oper. Packendes, kraftvolles Musiktheater geht da über die Bühne, saugt die Zuschauer in einen Strudel aus Bildern und Klängen, reißt Assoziationsräume auf, verführt, verschreckt.

Das unglückliche Leben und den schrecklichen Tod eines englischen Königs haben sich Scartazzini und Jonigk vorgenommen. Der 1284 geborene Edward ist offiziell mit Isabella von Frankreich verheiratet, lebt aber in einer offen homosexuellen Beziehung mit seinem Jugendfreund Gaveston, was die Kirche wie den Adel gegen ihn aufbringt. Fatalerweise verhält sich Edward seinen Widersachern gegenüber so undiplomatisch, dass er schließlich 1327 abgesetzt und auf Befehl seiner eigenen Ehefrau hingerichtet wird. Wo, wenn nicht hier, wer, wenn nicht wir: Das Kreativteam dieser Produktion weiß, wie sich die gesellschaftliche Außenseiterrolle anfühlt. Der Regisseur Christof Loy ist mit dem Librettisten verheiratet, der Komponist steht ebenfalls öffentlich zu seinem Schwulsein.

"Edward II": radikal wie relevant

Die Art, wie Christof Loy zusammen mit seinem Kostümbildner Klaus Bruns alle Stereotypen der Homoerotik durchspielt, mag platt und abgedroschen wirken. Doch „Edward II“ ist in der Tat ebenso radikal wie relevant. „Das Gros der literarischen Beziehungsdramen kreist ja seit jeher um die klassische heterosexuelle Konstellation. Gerade im Feld des Musiktheaters finde ich es deshalb nicht falsch, dieses Spektrum zu erweitern", hat der 45-jährige Komponist im Vorfeld erklärt.

Genau das geschieht nun in der Deutschen Oper mit schlüssiger Konsequenz im Optischen. So holzhammermäßig, wie in „normalen“ Inszenierungen Verführerinnen rothaarige Perücken übergestülpt bekommen, die Guten weiß angezogen sind und die Bösen schwarz, wird hier jede Menge männliche Haut gezeigt, um Typen zu charakterisieren: muskulös definiert beim Lover Gaveston (Ladislav Elgr), der zumeist nur Feinripp-Unterwäsche trägt. Aber auch überbordend schwabbelig, wenn die zwei komischen Figuren auftreten (Markus Brück und Gideon Poppe), die Jonigk nach Shakespeare-Manier eingeführt hat. Vom körperbetont geschnittenen Anzug über Tunten-Tüll-Outfits bis hin zu Darkroom-Utensilien in Lack und Leder ist die gesamte Palette schwuler Dresscodes zu sehen. Homosexuelle Schönheitsideale werden mit homosexuellen Realitäten verwoben, ebenso wie sich in die Biografie Edwards immer wieder Verweise auf die Jetztzeit mischen.

Entsetzlich: die Hinrichtung

Librettist Thomas Jonigk führt nicht nur eine Touristengruppe ein, die wohlig gruselnd die mittelalterlichen Originalschauplätze besichtigt, sondern er greift häufig auch sprachlich voraus, bis hin zu erschreckend aktuellen politischen Sentenzen. Dazu passt Annette Kurz' Bühnenbild, das eine stilisierte gotische Spitzbogen-Kapelle in ein neutral-modernes Ambiente stellt, in dem sich Personen aus allen Epochen bewegen.

In dem Maß, in dem die von Edward zurückgestoßene Königin Isabella (Agneta Eichenholz) immer mehr verbittert, wandeln sich ihre Kostüme, verhärtet sie auch sichtbar, bis sie schließlich ganz entweiblicht den Tod ihres Gattens fordert – in einer schwarzsamtenen Korsett-Robe des späten 19. Jahrhunderts.

Entsetzlich, ja bestialisch ist diese Hinrichtung, und man fragt sich, was Regisseur Christof Loy wohl den vielen kleinen Kindern dazu erklärt hat, die in den Chorszenen ganz vorne stehen. Oder auch Mattis von Hasselt, der Edwards minderjährigen Sohn spielt, und mit zartem Knabensopran einen Botenbericht wiedergeben muss, in dem es darum geht, dass Gaveston vor der Enthauptung die Hoden abgeschnitten und vor seinen Augen verbrannt wurden. Warum angesichts der sehr expliziten Inhalte auf der Website der Deutschen Oper die Warnung fehlt, dass diese Inszenierung eher für Erwachsene geeignet ist, irritiert dann doch. Wer bereit ist, sich auf das Sujet einzulassen, erlebt eine Novität, die kraftvoller, praller ist als das allermeiste, was bei Kompositionsaufträgen sonst herauskommt. Weil Andrea Lorenzo Scartazzini über ein genuines Musiktheatergespür verfügt. Alles Verkopfte, mathematisch Ausgetüftelte liegt ihm fern, seine Partitur ist auch keine dieser fein ausgehorchten, aber letztlich blutleeren Klangfarbenspielereien.

Die Sänger erreichen das Herz ihrer Zuhörer

Der Komponist aus Basel vermag das klingende Geschehen dagegen ganz aus dem Inneren seiner Figuren zu entwickeln. Die entäußern sich nicht in gezackten, quasi abstrakten Tonfolgen, sondern höchst lebendig, vielgestaltig vom rhythmisierten Sprechen bis hin zu echten Melodien, die sich aus dem natürlichen Fluss der Worte entwickeln. Diese sängerfreundliche Haltung ermöglicht es den Protagonisten, allen voran dem rückhaltlos sich hingebenden Michael Nagy in der Titelrolle, nicht allein das Ohr, sondern auch das Herz ihrer Zuhörer zu erreichen.

Ein altmodisches Konzept, das in der packenden Umsetzung durch Dirigent Thomas Söndergard und das Orchester der Deutschen Oper aber keine Sekunde lang rückwärtsgewandt wirkt, weil Scartazzinis Orchestersprache absolut eigenständig ist, atmosphärisch dicht, stets zum Extrem drängend, doch nie mutwillig grell oder überzeichnet, sondern einfach von einem starken Puls getrieben, einem Ausdrucksdrang, der selbst im Pianissimo stets von lauernder Intensität ist.

Wieder am 24. Februar sowie am 1., 4. und 9. März. Jeweils 45 Minuten vor Beginn spricht Dramaturgin Dorothea Hartmann mit prominenten Homosexuellen über ihren Bezug zu Edward II darunter Kultursenator Klaus Lederer (1.3.), Rosa von Praunheim (4.3.) und Ex-Kulturstaatssekretär André Schmitz (9.3.).

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