Carol (Cate Blanchett) und ihre junge Geliebte Therese (Rooney Mara). Foto: DCMp

Rundum gelungen: "Carol" Die Magie des ersten Moments

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Zauberhaft: Todd Haynes’ hat „Carol“ nach dem Roman von Patricia Highsmith mit Cate Blanchett und Rooney Mara als berührenden Liebesfilm inszeniert.

Patricia Highsmith war Ende 1948 in Geldnot. Also nahm die damals 27-jährige Autorin in der Vorweihnachtszeit einen Aushilfsjob in einem New Yorker Kaufhaus an. Eines Tages kaufte eine blonde Frau im Pelzmantel bei ihr eine Puppe. Anschließend fühlte sich Highsmith verwirrt, aber auch euphorisch. „Als hätte ich eine Vision gehabt“, schrieb sie 1989 im Nachwort ihres 1952 erstmals unter dem Titel „The Price of Salt“ veröffentlichten Romans, der von dieser Begegnung inspiriert wurde und später „Carol“ hieß.

Die Magie dieses ersten Moments steht auch am Beginn von Todd Haynes’ wundervoller Verfilmung. Nach einer Eröffnungssequenz, die alles Weitere als Rückblende etabliert, treffen sich die Blicke der Kundin Carol (Cate Blanchett) und der Verkäuferin Therese (Rooney Mara) in der Spielwarenabteilung zum ersten Mal.

Zwei Filmstunden und viele Wochen später werden sie sich – auch an einem öffentlichen Ort – erneut ansehen. Diesmal geht Therese auf Carol zu, anders als beim ersten Mal. Diese Rahmung ist einer von Haynes’ vielen klugen Einfällen, spiegelt sich darin doch nicht nur das Verhältnis der Frauen, sondern auch eine ganze Grammatik des Begehrens: In den Fünfzigern konnten gleichgeschlechtliche Paare ihre Zuneigung nicht öffentlich zeigen, Blicke und kleine Zeichen mussten reichen.

Das Verkaufsgespräch ist bereits ein kleiner Flirt

Carol ist anfangs relativ offensiv. Das Verkaufsgespräch, das anders als im Buch mit dem Erwerb einer Eisenbahn endet, ist bereits ein kleiner Flirt. Wohl nicht ganz unabsichtlich vergisst Carol ihre Handschuhe, Therese schickt sie ihr mit der Post. Die beiden verabreden sich. Was die ältere, wohlhabende Carol in diesem unauffälligen Mädchen mit der hässlichen Mütze sieht, ist zunächst unklar. Sofort verständlich erscheint hingegen Thereses Faszination für die elegante Hausfrau mit den sorgsam frisierten Haaren und dem knallrot geschminkten Mund. Dass Carol unter dieser perfekten Hülle auch viel Unsicherheit verbirgt, zeigt sich nur, wenn sie sich fahrig eine weitere Zigarette ansteckt.

Sie ist nervös, weil sie sich gerade von ihrem Mann Harge (Kyle Chandler) löst, der die Trennung nicht wahrhaben will. Zudem sorgt sie sich um das Wohl der gemeinsamen Tochter. Mitten in der Weihnachtszeit beginnt das Gezerre um die Kleine. Therese hat keine Verbindung zu diesen Dingen, sie ist Carols Flucht – und ihre Rückkehr zu dem, was sie bei einem eindrucksvollen Auftritt ihre „innere Natur“ nennen wird. Denn Carol verliebt sich nicht zum ersten Mal in eine Frau, auch mit ihrer besten Freundin Abby (Sarah Paulson) hatte sie einst ein Verhältnis. Diese Eindeutigkeit von Carols Begehren ist einer der großen Unterschiede zur Romanvorlage, die aus Thereses Perspektive erzählt ist und folglich vor allem von ihrer Sehnsucht handelt. Vieles scheint nur in ihrem Kopf zu geschehen. Der Film beginnt zwar auch bei ihr, schwenkt dann aber in Carols Sicht über.

Mit dem Auto geht es raus aus New York

Drehbuchautorin Phyllis Nagy, die mit Patricia Highsmith befreundet war und 15 Jahre an der Adaption arbeitete, hat einige solcher Akzentverschiebungen vorgenommen und den Stoff gestrafft. Die Änderungen sind allesamt plausibel, denn sie verdichten die Intensität der Geschichte und bringen sie noch mehr zum Strahlen. Das gilt vor allem für den zauberhaften zweiten Teil, in dem die beiden Frauen in Carols Auto westwärts fahren. Raus aus New York, weg von den familiären Querelen. Für Therese, die im Buch Bühnenbildnerin und im Film Fotografin werden will, ist es einfach ein Abenteuer. Unterwegs werden beide lockerer und finden endlich auch körperlich zueinander – in einem Ort mit dem vielsagenden Namen Waterloo.

Die Liebe überwindet Klassenschranken

Mit der Douglas-Sirk-Hommage „Far From Heaven“ hat Todd Haynes bereits eine berührende, in den Fünfzigern angesiedelte Liebesgeschichte inszeniert. Wie damals sind Ausstattung, Tempo und Ton perfekt gewählt, was „Carol“ mitunter wie einen Schwesterfilm des Melodrams von 2002 wirken lässt. Wobei Haynes den Klassenunterschied seiner Hauptfiguren diesmal weniger herausstellt. Da sie beide weiß sind, geht das. Bei dem schwarz-weißen Paar aus „Far From Heaven“ bestand diese Option nicht. In Highsmiths Roman spielen die asymmetrisch verteilten finanziellen Mittel, genau wie die Altersdifferenz, immer wieder eine Rolle. Therese zerreißt Schecks und ist oft in ihrem Stolz gekränkt, bei Haynes freut sie sich einfach nur über Carols Geschenke. Die Liebe als großer Gleichmacher.

Haynes und Nagy, die beide queer sind, betonen das romantische Potenzial des Buches und feiern zusammen mit ihren hervorragenden Hauptdarstellerinnen die lesbische Liebe. So herzergreifend und so universell, dass sie seit der „Carol“-Premiere in Cannes zu Recht mit Lob und Preisnominierungen überschüttet werden. Für Highsmith, die 1995 starb, war „Carol“ ebenfalls ein Erfolg. Das zunächst unter Pseudonym veröffentlichte Buch, wurde rund eine Million Mal verkauft. Noch jahrelang erhielt die Autorin Dankesbriefe von Frauen, die sich freuten, dass die Liebesgeschichte der Frauen nicht – wie sonst üblich bei homosexuellen Erzählungen – in Tod und Verderben endete. Inzwischen ist das zum Glück keine Seltenheit mehr. Ein so rundum gelungener Liebesfilm wie „Carol“ aber schon.

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