Filmemacher Rosa von Praunheim mit Drag Queen Juwelia vor ihrer Salongalerie in der Neuköllner Sanderstraße. Foto: Agnieszka Budek
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Rosa von Praunheim wird 75 Tuntenfalsett am Landwehrkanal
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Ein Bilderreigen aus Hipster-Neukölln

Mit dem reichlich beliebig wirkenden Bilderreigen sommerlicher Straßenszenen aus Hipster-Neukölln samt Interviews mit Helden der dortigen queeren Subkultur, die von Praunheim in „Überleben in Neukölln“ präsentiert, hat der ungleich gelungenere, konzentriertere, das soziale Leben viel tiefer auslotende Vorläufer allerdings kaum was zu tun. Von einer Sache abgesehen. Das New York von heute mit seinen Klamottenläden und Coffeeshops sei so langweilig wie Berlin-Mitte, findet der im gleichnamigen Frankfurter Stadtteil aufgewachsene Praunheim. Die Klammer, die sein viel Optimismus und noch mehr Exzentriker-Exotik verströmendes Porträt des Gentrifizierungsgebiets zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee zusammenhält, ist die schräge Juwelia. Sie liefert mit ihren in Tuntenfalsett vorgetragenen Songs auch den Soundtrack.

An Furcht vor Verdrängung leidet sie zumindest nicht, auch wenn sie sie ringsum überall registriert. Im Gegenteil. Juwelia ist froh, in ihrem 2006 eröffneten Laden nur einmal eine Mieterhöhung von 50 Prozent bekommen zu haben. „Das ist doch viel besser als 200 Prozent!“, strahlt sie. Es komme im Leben eh alles so, wie es komme, philosophiert die jüngst mit einer Ausstellung in New York präsente Künstlerin, die ihr langjähriger Lebensgefährte Lothar im Film einen „Gelegenheitstransvestiten“ nennt.

Starke Frauen und schwache Männer

Juwelia hat es einst aus dem hessischen Städtchen Korbach nach Berlin verschlagen. „Ich bin wie eine Spinne, ich kann’s mir überall schön machen, selbst im Abwasserrohr.“ Das glaubt man in der Galerie sofort, wo an den Wänden Blüten, Torten oder tote Schweine auf farbenprächtigen Gemälden prangen. „Die Leute lieben dich, weil du so positiv bist, weil du aus Scheiße Gold machst“, mischt sich ihr Regisseur ein. „Du bist die schönste Frau vom Hermannplatz!“ Da nickt die Gepriesene zustimmend und merkt nachdenklich an, das könne aber auch eine Bürde sein. Im Gegensatz zur Polittunte Patsy L’Amour la Love, die – ebenso wie die lesbische Musikerin Enana aus Syrien – auch in „Überleben in Neukölln“ auftritt und in Berlin wie in Damaskus vielfach Anfeindungen erfahren hat, ist Juwelia noch nie Aggression entgegengeschlagen. Auch nicht, wenn sie, so wie eben, im Fummel auf der Straße unterwegs war.

Rosa von Praunheim, der in einer WG in Wilmersdorf wohnt, hält das polyglotte Neukölln samt der arabisch geprägten Sonnenallee in dieser Hinsicht für weniger paradiesisch. „Es gibt eine große Schwulenfeindlichkeit.“ Dafür sei der Bezirk jünger, internationaler, habe eine viel größere Energie. „Ich sage immer zu meinem Freund Olli, der 43 ist: In Wilmersdorf brauchen jungen Leute einen Pass, um reingelassen zu werden.“

Das praunheimische Typen-Kaleidoskop

In „Überleben in Neukölln“ kommt dagegen gerade mal eine Greisin vor, die 89-jährige Lesbe Johanna Richter. Die kann zwar kaum noch gehen, passt in ihrer sympathischen Bodenständigkeit und wackeren Lebensfreude aber genau ins praunheimsche Typen-Kaleidoskop. Das versammelt nun seit fast fünfzig Jahren starke Frauen und schwache Männer, widerständige Homosexuelle, Künstler, Exzentriker und unscheinbare Leute zu einer lebensprallen „Armee der Liebenden“, um mal einen seiner Filmtitel zu paraphrasieren.

Sein Schaffen hat Politik geschrieben, Menschenbilder verändert und gesellschaftliche Entwicklungen wie die Einführung der Homo-Ehe möglich gemacht. Gerade habe er in Weimar einen weiteren Film abgedreht, erzählt er, eine Dokufiction über Johann Joachim Winckelmann, den Begründer der Kunstgeschichte. Wann der ins Kino kommt? Der Jubilar mit dem Basecap zuckt die Achseln und murmelt was von Berlinale. Das wäre dann mal wieder Rekord.

„Überleben in Neukölln“ läuft in sechs Berliner Kinos. Filmvorführung und Geburtstagsfeier mit Rosa von Praunheim im Kino Wolf, Sa 25. November, 20 Uhr. Die Gemälde sind vom 25.–28. November in der Galerie Raab, Goethestraße 81, zu sehen (Samstag ab 11 Uhr Geburtstagsempfang mit von Praunheim).

Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels.

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